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Dem NS-Raubgut auf der Spur

Provenienzforschung Dem NS-Raubgut auf der Spur

Es war zunächst nur ein Erst-Check, der einen Überblick vermitteln soll, ob in den Regionalmuseen in Südniedersachsen NS-Raubgut schlummert, den der Landschaftsverband Südniedersachsen mit dem Pilotprojekt zur Provenienzforschung initiiert hatte.

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Dr. Christian Riemenschneider stellte dem Fachpublikum seine Ergebnisse vor.

Quelle: MIchael Paetzold

Osterode. Am Montag dann großer Bahnhof im Osteroder Museum im Ritterhaus bei der zentralen Abschlussveranstaltung mit zahlreichen Fachvorträgen und Diskussionen.

Provenienzforscher Dr. Christian Riemenschneider, der die Bestände der Museen akribisch unter die Lupe genommen hatte, präsentierte unter dem Titel „Beschlagnahmt, im Krieg erbeutet, mitgenommen“ seine Ergebnisse bei der Suche nach unrechtmäßig entzogenem Kulturgut.

Reichlich Verdachtsfälle

Nach einer ersten Runde des Projekts mit den Museen Einbeck, Alfeld, Duderstadt, Hann. Münden und Clausthal-Zellerfeld im Jahr 2016 hatte er jetzt die Bestände in den Häusern in Northeim, Seesen, Uslar und Osterode untersucht. „Verdachtsfälle“, so stellte Dr. Riemenschneider fest, „gibt es in fast allen Einrichtungen“. So auch in Osterode.

Gutes Beispiel bietet hier ein historisches Schaufenster eines ehemals jüdischen Geschäfts, das heute im Eingangsbereich des Ritterhauses hängt und kurz nach den Pogromen in das Museum kam. Betroffen sind ebenfalls Bilder mit kommunistischen Symbolen und anderes politisches Material. Ähnlich wurde Dr. Riemenschneider in fast allen Häusern fündig. „Es geht uns nicht darum, Reichtümer aufzuspüren, sondern um Dinge der Alltagskultur. Neben der praktischen Seite ist das ein wichtiger Teil der Aufarbeitung unserer Geschichte und ethisch schon lange überfällig“, sagte er und lobte die Museen, die ihm uneingeschränkt Zugang zu ihren Sammlungen ermöglicht hatten.

Zwischen den Jahren 1933 und 1945 enteigneten die Nationalsozialisten millionenfach Menschen und Institutionen, konfiszierten auch Alltagsgegenstände in gewaltigem Umfang, die später wieder in den Haushalten verwendet wurden oder in museale Sammlungen Eingang fanden. Betroffen waren vor allem jüdische Mitbürger, aber auch politisch Andersdenkende oder „verdächtige“ Organisationen wie die Freimaurer.

„Nicht nur große Kunstsammlungen und international agierende Händler profitierten vom Unrechtssystem der Nationalsozialisten, auch lokale Museen und Akteure waren involviert“: Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Christian Riemenschneider. Insgesamt wurden in den letzten beiden Jahren neun Museen in Südniedersachsen auf NS-Raubgut untersucht. Verdachtsfälle gab es viele, wie Dr. Riemenschneider in seinem Beitrag ausführte.

Aufgabe nicht nebenbei leistbar

Für die Provenienzforschung ausgewählt worden waren Museen, deren Sammlungen um 1900 als klassische Altertumssammlungen aufgebaut wurden. „Gerade in Osterode haben wir eine besondere Verantwortung und müssen sehr genau hinschauen“, hatte eingangs der Veranstaltung Museumsleiterin Angelika Paetzold festgestellt. Das Osteroder Museum zog nämlich zu NS-Zeiten in das Ritterhaus ein und wurde aus einer alten Sammlung 1936 neu strukturiert. „Herauszufinden, ob in dieser schrecklichen Zeit nicht doch unrechtmäßig erworbene Objekte in unser Museum gelangt sind, ist schon für Spezialisten keine einfache Aufgabe und aus finanziellen Gründen neben dem Alltagsgeschäft für uns nicht zu leisten“, würdigte während ihrer Begrüßung die stellvertretende Bürgermeisterin Osterodes, Helga Klages, den Vorstoß des Landschaftsverbandes, der Dr. Riemenschneider mit der Aufgabe beauftragt hatte. Mittel fließen dafür seitens des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste (DZK), gestern vertreten durch den wissenschaftlichen Referenten Mathias Deinert.

Dr. Claudia Andratschke, Leiterin Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen, erklärte, dass man mit den untersuchten Museen jetzt den Bedarf festgestellt habe. Inzwischen wurde ein Antrag für weitere Landesmittel gestellt, um in einem nächsten Schritt den Verdachtsfällen nachzugehen. „Faire und gerecht Lösungen finden“, so umschrieb Mathias Deinert das weitere Prozedere. Starten könnte man, wenn die Mittel bewilligt werden, im nächsten Jahr über einen Zeitraum von vermutlich drei Jahren. Für die verdächtigen Objekte sowie Sammlungsgegenstände mit Provenienzlücken soll in dem Folgeprojekt eine möglichst komplette Herkunftsgeschichte rekonstruiert werden. Dr. Riemenschneider: „Ziel ist es, die Gegenstände an die Vorbesitzer oder deren Erben zurückzugeben.“ Objekte, bei denen dies nicht möglich ist, würden in der Datenbank Lost Art eingepflegt und öffentlich gemacht. Die Abschlussveranstaltung wurde flankiert von mehreren Fachvorträgen.

Von Michael Paetzold

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