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Eichsfelder Pädagogen über Vorfall mit angeleintem Schüler

„Es werden Probleme mit in die Schule getragen“ Eichsfelder Pädagogen über Vorfall mit angeleintem Schüler

„Es hat mich an Guantanamo erinnert“, kommentiert Ingo Bickel, Leiter der St.-Ursula-Schule in Duderstadt, den Vorfall, über den seit Mittwoch unter der Schlagzeile „Lehrerin legt Schüler an die Leine“ bundesweit Medien berichten. Während einer Klassenfahrt zum Gut Herbigshagen in Duderstadt soll die Pädagogin den Schüler wegen schlechten Benehmens entsprechend diszipliniert haben.

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Altbekanntes Thema: Bereits Wilhelm Busch beschreibt die Probleme von Lehrer Lämpel mit den bösen Buben Max und Moritz.

Duderstadt. Wie können Lehrer richtig und angemessen auf die erzieherischen Herausforderungen des Schulalltags reagieren? Ein Rektor, ein Schulsozialarbeiter, eine Konrektorin und eine Beratungslehrerin antworten.

Geschockt habe Bickel die Art und Weise, wie die Lehrerin die Problemsituation zu regeln versucht habe. Für seine Schule gebe es in puncto Disziplinarmaßnahmen einen bischöflichen Katalog von Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, ähnlich dem niedersächsischen Schulgesetz, erklärt der Rektor der katholischen Integrierten Gesamtschule.

Diese sähen beispielsweise den Ausschluss des Schülers von der Klassenfahrt oder auch vom Unterricht vor – wobei die Eltern gebeten werden, das Kind abzuholen. Möglich sind auch ein schriftlicher Verweis, zusätzliche Aufgaben oder als letzte Maßnahme der Schulverweis.

Bickel gibt zu, dass speziell bei Junglehrern in Problemsituationen durchaus eine gewisse Hilflosigkeit zu beobachten sei. „Da gehört schon Erfahrung dazu. Aber viele Dinge laufen auch über Ratschläge von Kollegen“, gibt Bickel Einblick in die Schulpraxis. „Der Lehrerberuf hat sich in Richtung sozialpädagogische Arbeit verlagert. Das ist nicht die Kernaufgabe eines Lehrers, aber die gesellschaftliche Situation zwingt uns dazu“, so Bickel.

Die gesellschaftliche Struktur habe sich geändert

„Wir machen die Arbeit, die die Lehrer im Rahmen des Unterrichts nicht machen können, die aber trotzdem gemacht werden muss“, erläutert Johannes Hanses , der seit sechs Jahren als Schulsozialarbeiter an der Duderstädter Astrid-Lindgren-Hauptschule tätig ist. Die gesellschaftliche Struktur habe sich geändert, meint Hanses, und die Konsequenzen wirkten bis in die Schule hinein.

„Der Prozentsatz klassischer Familienstrukturen hat abgenommen. Viele Mütter müssen heute arbeiten, viele Frauen und Männer sind alleinerziehend, die Kinder müssen teilweise alleine zur Schule gehen und für sich selbst sorgen“, so Hanses. Als Lehrer müsse man aber primär auf die Leistung der Kinder schauen.

Da komme der Schulsozialarbeiter ins Spiel. Hanses sieht sich gleichzeitig als „Helfer der Lehrer“ und als „Anwalt der Schüler“. Probleme der Kinder und Jugendlichen drehten sich häufig um falsche Cliquen, falsche Freunde und Stress Zuhause. Um diese Probleme zu lösen, stehe Hanses in engem Kontakt zu den Eltern. Auch durch Projekte und Kooperationen mit Polizei und sozialen Einrichtungen sollten Kinder Unterstützung erfahren. „Es müsste viel mehr Schulsozialarbeiter geben. Nicht nur an Hauptschulen“, meint Hanses.

Erziehungsauftrag der Eltern können Lehrer nicht übernehmen

„Den Erziehungsauftrag der Eltern dürfen die Lehrer nicht übernehmen“, meint Anke Ernst , kommissarische Konrektorin der  Heinz-Sielmann-Realschule Duderstadt (HSR). Dennoch sieht auch sie Handlungsbedarf aufgrund sozialer Entwicklungen: „Natürlich hat sich die Kindheit verändert. Es werden Probleme mit in die Schule getragen, mit denen sich die Lehrer auseinandersetzen müssen“, so Ernst.

Ein Schwerpunkt der HSR liege daher in der Prävention und der Beschäftigung mit Disziplinschwierigkeiten. Das Kollegium belege Seminare, in denen der Umgang mit Konfliktsituationen trainiert werde.

Auch die Lehrkräfte des Eichsfeld-Gymnasiums Duderstadt (EGD) werden in Seminaren geschult. Am EGD gibt es zwar keinen Schulsozialarbeiter, dafür eine Beratungslehrerin. Verena Fleischer möchte neben ihrer regulären Tätigkeit als Studienrätin für ein „gutes Schulklima“ sorgen und bewarb sich bei der Landesschulbehörde um eine der wenigen Stellen für eine Beratungslehrerausbildung. Zwei Jahre lang wurde sie neben dem regulären Unterricht psychologisch weitergebildet.

Das Kollegium müsse dafür hinter einem stehen, sagt sie. In Gesprächen wolle sich Fleischer jetzt „um alle Probleme, die bei uns auftauchen“, kümmern. Das EGD sei zwar keine „Problemschule“, aber „der Bedarf ist da“, sagt Fleischer. Das sei eine „enorme Arbeit“, so die Beratungslehrerin, aber „ich möchte, dass sich alle an der Schule wohl fühlen“.

Von Anna Kleimann

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