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„Er war immer da, wo man ihn gebraucht hat“

Pastor Karl Wurm „Er war immer da, wo man ihn gebraucht hat“

Wenn er über die Marktstraße geht, das dauert seine Zeit. Er, das ist Karl Wurm, Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Servatius in Duderstadt. Die Marktstraße, das gesellschaftliche Leben in Duderstadt, hat er während seiner 36 Jahre im Amt mit gestaltet.

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Weltoffen, empathisch und leidenschaftlich: Pastor Karl Wurm in seiner Wirkungsstätte, der St.-Servatius-Kirche.

Quelle: Pförtner

Duderstadt. Wenn er dort für einen Gang geraume Zeit benötigt, wie die langjährige Pfarrsekretärin Charlotte Dölle feststellt, sagt das viel aus über einen Mann, der angesprochen wird, dessen Rat gefragt ist. Was den Gang noch langwieriger macht: Wurm sagt nicht nur seine Meinung, er hört zu, lässt andere Meinungen gelten.

Autorität und Empathie – es sind Spielarten dieser Mischung, die Wurm von Menschen aus Kirchengemeinde und Stadt zugeschrieben wird, fragt man sie nach ihren Erlebnissen mit dem Pastor. Am morgigen Sonntag, 4. November, wird Wurm um 16 Uhr im Rahmen eines Festgottesdienstes aus seinem Amt verabschiedet. Fünf Wegbegleiter blicken auf sein Wirken in und für Duderstadt zurück.

Als sie sich vor gut 30 Jahren für die Stelle als Pfarrsekretärin bewarb, berichtet Dölle, habe Wurm sie angerufen: Ihre Bewerbung sei schön und gut, aber er kenne sie ja gar nicht – er komme am Mittag bei ihr vorbei. Dass er sich Zeit genommen, auf die Menschen eingelassen habe, konnte Dölle während drei Jahrzehnten der Zusammenarbeit beobachten. Ähnliches berichten auch Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU), Duderstadts früherer Propst Wolfgang Damm, der Unternehmer und evangelische Christ Hans Georg Näder und Wurms Nachfolgerin, Pastorin Christina Abel.

Als inspirierend bezeichnet Nolte die beruflichen Begegnungen mit Wurm. Persönlich habe sich über die Jahre ein vertrauensvolles, verlässliches, „ja enges und freundschaftliches Miteinander“ entwickelt. Wurm habe über den Kirchturm von St. Servatius hinausgeschaut und aktiv an der Stadtentwicklung mitgearbeitet. „Er war und ist für mich nicht nur der außergewöhnliche und verdienstvolle Pastor unserer evangelischen Gemeinde, sondern auch der begnadete Kirchenmusiker und vor allem der engagierte und kluge Ratgeber“, formuliert Nolte. Gemeinsam seien die Sanierung der Kirche, die Installation der Ahrend-Orgel, kirchenmusikalische Ereignisse und die bevorstehende Weiterentwicklung des evangelischen Kindergartens auf den Weg gebracht worden, zählt Nolte auf.

Gemeinsamkeit und Einigkeit sind auch Worte Damms. Als er als Propst nach Duderstadt zurückgekehrt sei, habe ihn Wurm als evangelischer Gemeindeleiter begrüßt. Sofort seien sie sich in ihrem Engagement für die Bürger Duderstadts, „der Wertsteigerung der Stadt“, einig gewesen. ,Sie müssen unbedingt ran an die Orgel“, habe Wurm ihm mit Blick auf die Creutzburg-Orgel von St. Cyriakus gesagt. Deren Sanierung habe er begleitet. Auch wenn sie privat wenig Kontakt gehabt hätten – „wir hatten beide gut zu tun“ – hätten sie sich vertraut. „Ich wusste, man konnte auch heikle Dinge besprechen“, so Damm.

Er bezeichnet Wurm als Querdenker, „der mit provokanten Thesen auch das Glaubensgespräch in unserer katholischen Gemeinde belebt hat“. Dabei habe er sich für die Ökumene eingesetzt. Mit einem Schmunzeln erinnert Damm sich an die Frage Wurms, ob er bei einer Romwallfahrt als Pilger mitreisen dürfe. „Er war mit Begeisterung dabei“, berichtet Damm. Wurm habe für Impulse gesorgt, formuliert er, „aber das gab nie Schwierigkeiten, das beruhte immer auf gegenseitigem Verstehen“.

Von einem innigem, freundschaftlichen Verhältnis, von gegenseitigem Respekt spricht Näder. Er schätze Wurm als vertrauten Wegbegleiter der Familie – „er hat meine Eltern beerdigt“ – und Berater bei vielen Fragestellungen. „Er ist ein kluger Kopf, er hat eine Meinung.“ Wurm setze sich ein für die Sanierung der Kirche und der Ahrend-Orgel, „ich bin froh, dass ich ihn unterstützen konnte“, so Näder. Als „Chef der kleineren Gemeinde“, habe Wurm die evangelischen Duderstädter repräsentiert und sich für die Ökumene eingesetzt. Bei beidem habe er auch durch seine Persönlichkeit gewirkt.

„Wenn Karl Wurm auf der Kanzel steht und in Form ist, ist er ein Mann mit Ausstrahlung, der intellektuellen Inhalt in seine Worte legt, mit Mimik und Gestik“, beschreibt Näder. Angesichts von Wurms Ausscheiden aus dem Amt betont Näder: „Er wird uns erhalten bleiben, er bleibt in Duderstadt.“ Und der Unternehmer ist sich mit Hinweis auf Wurms Nachfolgerin Abel sicher: „Das gute Miteinander geht weiter.“

Das versichert auch Abel selbst. Sie wirkte seit elf Jahren, neben ihrer Stelle in Hilkerode, als gleichberechtigte Pastorin in Duderstadt, übernahm zum 1. November komplett die Stelle Wurms. Erstmals begegnet ist Abel ihm als Studentin. „Das war ein Ausflug zu einem Orgelkonzert. Ich war fasziniert.“ Wurm sei als Kirchenmusiker ein Meister der Improvisation. Er könne, was in einer Predigt vorkomme, in Musik umsetzen, beispielsweise ein Vogelzwitschern. „Das ist unter Kollegen auch gefürchtet. Er kann auch ein Gewitter produzieren.“ Als Pastor sei Wurm „das evangelische Gesicht in Duderstadt“. Sie habe viel von ihm gelernt, im Umgang mit Menschen, durch die Wahrhaftigkeit, mit der er Theologie betreibe.

Wurm habe vielen den Weg zur Religion eröffnet, gerade weil er Religion nicht absolut setze, sich nicht dahinter verstecke, sagt Abel. Wurm sei temperamentvoll, manchmal provokant, gleichzeitig sensibel mit einem Gespür für Zwischentöne, sagt sie. Sie schätzt an Wurm dessen Präsenz, „wenn er einen Raum betritt, dann ist er da“. Wurm habe durch seine Persönlichkeit das Amt geprägt. Sie werde nun eigene Akzente setzen, kündigt Abel an: „Es muss sich etwas ändern nach 36 Jahren“. Das werde jedoch behutsam geschehen, es gebe keine Revolution.

Wieviel Engagement und Arbeit hinter dem Wirken Wurms stecken, verdeutlicht wiederum Dölle. Er habe damit begonnen, jede Taufe einzeln zu feiern. Er habe die Kirche für Trauerfeiern geöffnet. Viel Zeit habe er in die Arbeit mit dem Kindergarten investiert. Aber auch bei den Senioren sei der Pastor sehr beliebt. Gleichzeitig war er Verwaltungschef, zuständig für den Haushaltsplan der Gemeinde und Kirchenvorstandssitzungen.

Er war Manager der Kirchensanierung und des Pfarrhaus-Umbaus, „da ist er mit aufs Gerüst gestiegen“. Als Vorgesetzter habe er Anordnungen getroffen und erwartet, dass sie erfüllt würden. Gleichzeitig habe er den Mitarbeitern viele Freiheiten gelassen, berichtet Dölle. „Wie er das alles geschafft hat, weiß ich nicht.“ Er habe sich kaum Ruhe gegönnt. Und nach einer kurzen Pause fügt Dölle hinzu: „Er war immer da, wo man ihn gebraucht hat.“

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