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„Es fängt immer gut an und hört sch... auf“

Ex-Junkie klärt auf „Es fängt immer gut an und hört sch... auf“

Den Durchblick haben, dazu gehören, Party, gute Stimmung in einem wunderschönen Sommer – „es war toll“, sagt Wolfgang Sosnowski. Doch seine Zeit als Junkie hatte auch Schattenseiten. Sosnowski wird zum "Monster", landet in der Psychatrie. Von seiner Zeit als Junkie berichtete er Schülern der BBS in Duderstadt.

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Die Verwandlung zum Monster: Wolfgang Sosnowski zeigt glaubwürdig seine Drogenkarriere.

Quelle: EF

Duderstadt. Er beschreibt die coole Clique, die ihn so beeindruckt hatte, den Frauenschwarm Detlef, den abgeklärten Gandhi und die warmherzige Andrea, seine heimliche große Liebe. Als Wolfgang hier aufgenommen wurde und das erste Mal den Joint „anrauchen“ durfte, spürte er, dass er seine Heimat gefunden hatte. Da war er 16. Heute verraten Wolfgangs herbe Gesichtszüge, dass die Party irgendwann anstrengend wurde. Sie hat insgesamt zehn Jahre gedauert und ihm beinahe das Leben gekostet.

„Es fängt immer gut an und hört sch... auf“, weiß Martin Weber-Becker. Er ist Drogentherapeut bei der Caritas Duderstadt, die als Kooperationspartner der Diakonie Göttingen das Theaterprojekt Toxi.Man zusammen mit dem Literarischen Zentrum Göttingen und dem Boat People Projekt betreut. Toxi.Man wurde in den Berufsbildenden Schulen Duderstadt (BBS) einigen Klassen aus den oberen Jahrgängen vorgeführt. Die Bühne war der Klassenraum. Im Anschluss sollten die Schüler Gelegenheit haben, mit dem Darsteller, dem Therapeuten und mit dem Regisseur Reimar de la Chevallerie zu diskutieren.

Drogenmissbrauch bis zum Selbstverlust

In Toxi.Man geht es um Drogenmissbrauch bis zum Selbstverlust. Das besondere ist jedoch, dass nicht ein professioneller Akteur die Rolle in dem Ein-Mann-Stück spielt, sondern der polytoxikomane Wolfgang. Polytoxikoman ist jemand, der sich alles, was „breit“ macht, einverleibt. Wolfgang spielt nicht nur den Junkie, er war das. Was in jenem schönen Sommer mit ein paar Joints anfing, hörte in Amsterdam auf, als er vor der Wahl stand, sich zu prostituieren wie Detlef, um an Stoff zu kommen, wahnsinnig zu werden – er hatte Schüler im Bus mit einer Pistole bedroht, weil er sie für Spitzel des Bundeskriminalamts hielt –  oder zu krepieren.

So wie Gandhi, der bei einem durch Drogenkonsum selbst verursachten Autounfall gestorben war. Oder wie Andrea, die eine Überdosis nahm. Die Personen aus der Clique tauchen auch in dem Stück auf. Gespielt werden sie von Gerd Zinck, der alle Rollen in einem Video meistert und durch den Bildschirm mit Wolfgang kommuniziert. Stimmungen, Rausch- und Angstzustände werden in eindringliche musikalische Klangwelten verpackt.

Einlieferung in Psychiatrie

Der Plot des Stückes ist bitter, aber noch bitterer ist, dass dies die echte Biografie von Wolfgang ist. Seine Rettung war schließlich seine Einlieferung in die Psychiatrie, denn hier entschied er sich – sollte er jemals wieder auf die Beine kommen und den Entzug schaffen – Jugendliche über Drogenmissbrauch aufzuklären. Dass er es geschafft hat, beweist sein Auftritt in den BBS. Mit Gänsehaut verursachender Präsenz und absoluter Glaubwürdigkeit zeigt er sowohl den Reiz der Drogen, das gute Gefühl und die Zusammengehörigkeit der „Eingeweihten“, als auch die Verwandlung zum Monster, die Unfähigkeit zum Fühlen, die Leere, die jeden ergreift, der nur noch für die Droge lebt.Dass er bei den Schülern ankommt, beweist die gespenstische Stille, die den Klassenraum erfüllt, wenn Wolfgang gerade nicht spricht, tanzt, brüllt oder sich einen Schuss setzt.

Nach der Aufführung dauert es einen Moment, bis zögerlich der erste Arm nach oben geht. Was wahr ist, will ein Mädchen wissen. Der Unfall, die Psychiatrie, die Pistole, die Personen? „Ja, das ist alles wahr“, sagt Wolfgang, nur das mit dem Bus nicht so ganz, das sei nämlich noch schlimmer gewesen. Warum die Familie nicht rechtzeitig eingegriffen habe? Wolfgang ist in einem bürgerlichen Elternhaus aufgewachsen, mit Klavier, Fußball und Gymnasium. Ihm wurde Abgrenzung wichtig, und die Familie hatte keinen Einfluss mehr, antwortet er.

Entzug ohne Therapie?

Und warum er mit der Therapie so lange gewartet habe? Dazu erklärt der Therapeut Weber-Becker: „Zur Therapie kommen Süchtige erst, wenn die Angst zu groß wird. Der Entschluss ist deshalb so schwierig, weil die Menschen auf das einzige, was sie noch haben, verzichten müssen.“ Wolfgang ergänzt: „Ein Entzug ohne Therapie funktioniert nicht. Umsonst nimmt keiner Drogen, dafür gibt es Gründe, und die erkennt man eigentlich erst durch die Therapie.“ Geld spielt bei einer Sucht auch eine entscheidende Rolle. Wolfgang schätzt, dass er „etwa ein Einfamilienhaus“ konsumiert hat. Er hat gedealt, um das Geld zu beschaffen.

Regisseur de la Chevallerie wirft ein, dass heute die Flut von neuen Drogen besonders gefährlich sei, weil niemand mehr wisse, was er da eigentlich einnehme und welche Folgen das haben kann. Die Frage, was für Wolfgang die schlimmste Droge gewesen sei, ist allerdings erschreckend schnell beantwortet: „Alkohol. Das kriegst du überall, und nur mit Alkohol ist der völlige Filmriss möglich. Das ist ekelhaft.“ Die Schüler bekommen Tipps, was sie tun können, wenn ein Freund Drogenprobleme hat. „Nicht zugucken, klar ansprechen – oder fallenlassen“, sagt Weber-Becker. Er erklärt, dass Süchtige sich bestätigt fühlen weiterzumachen, wenn jemand Verständnis für sie aufbringt.

Wolfgang will nicht belehren, aber er zeigt die alltäglichen Vernetzungen im Leben, an deren Knotenpunkten ein Ja oder Nein entscheidend sein kann: „Jeder muss selbst verantworten, was er nimmt. Aber ich sage heute ein klares Nein zu Drogen.“

Von Claudia Nachtwey

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