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Helferinnen, Ärzte und Patienten im Praxisballett

Morgens um 10 Uhr Helferinnen, Ärzte und Patienten im Praxisballett

Was ist vormittags los im Eichsfeld? In einer Serie besucht das Tageblatt morgens um 10 Uhr Menschen und Orte der Region. Heute: die Praxis der Allgemeinmediziner Kirscht und Kricke in Duderstadt an einem Montag – dem allgemeinärztlichen Großkampftag.

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Blick hinter die Kulissen: Die medizinische Fachangestellte Andrea Conrady betreut im Minutentakt Patienten an der Anmeldung oder dem Telefon.

Quelle: Thiele

Es ist zehn Uhr. Wie am Schnürchen gezogen ziehen die Helferinnen ihre Runden: Sprechzimmer eins, Zimmer zwei, das Behandlungszimmer, das Labor. Wenn da etwas Unerwartetes im Weg stünde, käme das Praxisballett zu einem abrupten, überraschenden Halt.

Zu Beginn der typischen montäglichen Patienten-Springflut begann alles wie üblich. „Montags ist es am heftigsten“, hatte die Arzthelferin Andrea Conrady gesagt, die seit Bestehen der Praxis ein Fels an der Anmeldung ist. Um 7.44 Uhr, kurz nachdem Conrady und ihre Kolleginnen die hölzerne Treppe in den ersten Stock erklommen, die PCs eingeschaltet und die weiße Kleidung angezogen hatten, tummelten sich die ersten Patienten vor der Tür der hausärztlichen Praxisgemeinschaft, deren Sprechstunde offiziell um 8 Uhr beginnt. Die Hustedame und der auf den ersten Blick symptomlose Silberschnauz sind die ersten Ansteher in einer Schlange, die schnell länger wird.
Den wiederkehrenden Patienten-Stau am Montagmorgen können auch Godehard Kirscht und sein Kollege Peter Kricke erklären. Gewisse Faktoren beeinflussten die Frequenz der Maladen natürlich schon: Ist Markttag, kämen mehr ältere Menschen aus den Ortsteilen, in zeugnisrelevanter Zeit seien eher weniger Schüler hier.

Nur hin und wieder zeigt sich die Ungeduld im bald vollen Wartezimmer, wenn der Sitznachbar vor einem aufgerufen wird. Ein mürrischer Blick, ein leises Getuschel mit der Begleitung, mehr passiert heute nicht. Geredet wird im Wartezimmer sonst nicht. Eine Typologie der „Hallo“-Sager unter den Neuankömmlingen ist einfach erstellt: Jeder Zweite bringt eine Begrüßung hervor, Frauen eher als Männer.

Gegen 9.15 Uhr nimmt Helferin Ingrid Zellermann einem Patienten noch schnell Blut ab. Der Laborraum liegt neben dem Wartezimmer, durch eine zugezogene Jalousie ließen sich die Patienten beim Schweigen beobachten. Bis zu 25 Laborkandidaten müssen zügig abgearbeitet werden gewesen – um 9.30 Uhr kommt der Fahrer, der die mit Blut, Urin oder Stuhl befüllten Plastikröhrchen ins Labor bringt. Hier beim Allgemeinmediziner seien die Aufgaben breiter gestreut, findet die 60-Jährige, die seit ihrem 16. Lebensjahr in diesem Beruf ist und die vorher lange Zeit bei einem Frauenarzt tätig war.

Am Empfangstresen aus hellem Holz herrscht noch gute Stimmung. „Praxisgemeinschaft Dr. Kricke und Dr. Kirscht, guten Morgen“, haben Conrady oder eine ihrer Kolleginnen im Minutentakt in den Telefonhörer wiederholt oder die Patientendaten gleich direkt am Tresen aufgenommen. Begrüßt wird hier bald jeder persönlich von einer der fünf medizinischen Fachangestellten (MFA).

Dass es heute 177 Patienten werden in der hausärztlichen Praxisgemeinschaft, ist noch nicht abzusehen. 113 in der Vormittagssprechstunde bis 14 Uhr, 64 am späteren Nachmittag bis hinein in den Abend. 177 Patienten an einem Tag wie diesem: Das sind gar nicht einmal viele. 200 können es schon einmal werden, wie Dr. Godehard Kirscht zwischen Sprechzimmer eins und Sprechzimmer zwei erklärt. An vielen Montagen ist eine der Helferinnen im gesonderten Büro nur damit beschäftigt, den nicht abreißen wollenden Strom von Anrufen zu bewältigen. Heute ist das nicht nötig. Doch die Patientenfrequenz reicht auch so: „Die Patienten kommen hintereinander weg, „viel schneller ginge es nicht“, sagt Kricke. „Sorgfalt ist schließlich geboten.“

Wer diesen Job macht, muss eine Schlüsselqualifikation mitbringen: Stressresistenz. „Durchdrehen bringt nichts“, sagt Conrady. Manchmal ist es so, dass nicht alle soviel Verständnis aufbringen, wie an diesem Tag. Conrady: „Jeder ist am schlimmsten krank, etwas Kränkeres gibt es nicht“. Die „MFAs“ bringen Geduld mit. Da wird beim Ausfüllen zu Kuranträgen geholfen, dem „Ich-will-doch-nur-mal-schnell“ ein höflicher Riegel vorgeschoben oder schon mal Trost gespendet, wie im Falle einer sehr angespannten jungen Frau. Nach einer kurzen Umarmung ist alles wieder gut.

Die bisher aufgetauchten Krankheitsbilder haben eine große Bandbreite: „Wegen dem Herzen, „wegen Husten“, „wegen meinem Rücken“, „wegen der Schwellung im Gesicht“, wegen Zucker, zur Kontrolle des Entzugs bei einem Alkoholiker oder einem Tumorpatienten in fortgeschrittenem Stadium. Wenn ein Arzt rein betriebswirtschaftlich denken würde, blieben durchschnittlich nur sieben Minuten pro Patient. Das ist kaum umzusetzen – schließlich geht es hier um Menschen. 40 Euro bekommt der Arzt für jeden Kranken im Quartal. Das wiederum hört sich viel an – doch die meisten kommen häufiger als einmal alle drei Monate. 40 Euro: Das beinhaltet alle Untersuchungen und auch Hausbesuche. Die schließen sich an die Praxiszeiten an, ebenso wie der Papierkram und die Anträge, die für die Mediziner jeden Tag eine zusätzliche Belastung von einer Stunde bedeuten.

Für den heutigen Tag heißt das im Falle von Kirscht: Effektive Sprechstunden von 8 Uhr bis 14 Uhr und 16.30 bis 19.30 Uhr, dann Papierkram. Dann Notdienst ab 18 Uhr bis 8 Uhr am folgenden Tag. Und um 8 beginnt die nächste Sprechstunde. „Und manche Menschen regen sich auf, weil wir einen Antrag nicht schon am Folgetag ausgefüllt haben.“

Von Erik Westermann

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