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Die „Mauerhüpfer“

Kukuks Flucht aus der DDR Die „Mauerhüpfer“

„Wie im Rausch“ sei er gewesen, sagt Joachim Kukuk über seine Flucht aus der DDR am 20. April 1989 von Teistungen Richtung Gerblingerode. Darüber berichtete er beim Kolping-Seniorenstammtisch Untereichsfeld vor etwa 90 Zuhörern in der Familienferienstätte am Pferdeberg.

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Joachim Kukuk berichtet beim Kolping-Seniorenstammtisch über seine Flucht aus der DDR.

Quelle: Hinzmann

Duderstadt. Der Pferdeberg, der Ort, an dem er seine Geschichte erzählt, hat eine besondere Bedeutung für den heute 50 Jahre alten, eher kleinen Mann mit dem aufmerksamen, wachen Blick, der in Leinefelde-Worbis geboren und aufgewachsen ist. „Vom Westen hat man immer nur den Pferdeberg gesehen“, sagt Kukuk, „aber man durfte da nicht so auffällig hingucken“. Dabei sei Kukuk damals in einer privilegierten Position gewesen, wie Hans Dannoritzer, früherer Geschichtslehrer und Moderator des Gesprächs, findet. Denn Kukuk durfte im Grenzgebiet arbeiten – wofür eine besondere Erlaubnis notwendig gewesen sei.

„Ich habe mich immer beobachtet gefühlt“

„Jeder Arbeitstag im Sperrgebiet war nicht wie jeder andere Tag“, sagt Kukuk, der damals als Klempner arbeitete – und unter anderem beim Reparieren einer Dachrinne an einem Aussichtspunkt an der Teistunger Grenze geholfen habe. „Ich habe mich immer beobachtet gefühlt und hatte ein mulmiges Gefühl“, sagt der Mann, der heute in Breitenworbis lebt. Dabei sei er eigentlich immer unauffällig gewesen.

Es herrscht absolute Stille unter den Senioren, als Kukuk erzählt, wie ihn ein Kollege einfach gefragt habe, ob er nicht mitkommen wolle in den Westen. „Ich dachte erst das ist ein Test“, sagt er – und habe dann doch spontan „ja“ gesagt. Kein Kuchengabelklimpern, kein Gequatsche. Nur kurzes Lachen, als Kukuk zu seiner Motivation für die Flucht sagt: „Ich wollte einmal Mönchen-Gladbach live sehen.“

Zwei Grenzzäune überwunden

Den Fußball nutzte er auch schon als Ausrede für seine Mutter, warum er in der Nacht vom 19. auf den 20. April nicht nach Hause komme. „Ich habe ihr gesagt, dass ich bei einem Kollegen Fußball gucke und dort dann schlafe“, sagt er. Tatsächlich aber überwand er in dieser Nacht nicht nur einen, sondern gleich zwei Grenzzäune – und das ohne viel vorherige Planung.

„Für die DDR war das Republikflucht, das hätte Höchststrafe gegeben, wenn sie uns geschnappt hätten“, sagt Kukuk, der bei der Flucht 22 Jahre alt war. Sein Kollege habe gewusst, dass ab 3 Uhr nachts keine Spitzel mehr am Grenzzaun seien. Außerdem habe er ein Steigeisen für den Zaun angefertigt – was für den ersten Zaun aber unbrauchbar war, weil der bei Berührung ein Signal auslöste. „Ich hab mich schon im Bau gesehen“, sagt Kukuk.

Ein Hund wartete hinter dem Zaun

Dass die Flucht tatsächlich gelang, dass sie den ersten Zaun mit Leitern ohne ihn zu berühren überwanden – sein Kollege habe sich das Handgelenk dabei gebrochen, so Kukuk –, dass der Hund, der dort auf sie wartete, nicht bellte, und sie auch über den zweiten Zaun mithilfe des Steigeisen kamen, ohne erwischt zu werden, nennt der 50-Jährige „großes Glück“.

Und dann waren sie plötzlich in Duderstadt. Die Flucht war gelungen. Sie hätten sich bei der Polizei gemeldet, seien vom Bundesgrenzschutz befragt worden, später in ein Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Gießen gekommen, erzählt Kukuk. „Da waren wir eine Attraktion und wurden immer ,Die Mauerhüpfer’ genannt“, sagt er. Was sie nicht gemacht haben, sei das, was sein Kollege ihm einen Tag vor der Flucht gesagt habe: „Morgen früh feiern wir aufm Pferdeberg und trinken Schnaps.“ Zumindest hat Kukuk nun genau diese Geschichte „aufm Pferdeberg“ einem interessierten Publikum nähergebracht – und vielleicht gab’s ja sogar noch einen Schnaps.

Von Hannah Scheiwe

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