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Jugend fehlt: Naturschutz ohne Nachwuchs

Zeitnot als Hemmschuh? Jugend fehlt: Naturschutz ohne Nachwuchs

Naturschutz: Ein drängendes, ein aktuelles Thema, das gerade auch bei jungen Menschen weit oben auf der Agenda steht. Doch aktiv werden im Untereichsfeld nur wenige Jugendliche. Die regionale Gruppe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) jedenfalls hat akute Nachwuchssorgen.

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Eisvogel: Dass man den Vogel des Jahres 2009 noch an der Hahle findet, ist einer der Erfolge der regionalen Nabu-Arbeit.

Quelle: dpa

Fünfzehn Naturschutz-Kämpen haben sich im Keller des Hotels Zum Kronprinzen zur Jahreshauptversammlung zusammengefunden. Der Bericht über die Aktivitäten der Nabu-Ortsgruppe Untereichsfeld für das vergangene Jahr ist zügig abgehandelt. Auch ein neuer Vorstand ist schnell gewählt: Alles bleibt beim Alten.

Der Altersdurchschnitt der fünfköpfigen Riege: 63,2 Jahre. Viel jünger ist hier niemand: Die vorherrschende Haarfarbe im Raum liegt zwischen silbrig und grau-meliert. Die Mitglieder treibt es in milde Ironie: Dem bei der Kandidatur zögernden 61-jährigen zweiten Vorsitzenden ruft man ermunternd zu: „Du bist doch noch einer der Jungen.“

Unter Punkt sieben der Tagesordnung („Jugendarbeit“) dann die offene Diskussion. Woran mag es liegen, dass der Nachwuchs fehlt? Die Stimmung in der Truppe, die in dieser Form schon mehr als ein Jahrzehnt beisammen ist, rangiert zwischen Ratlosigkeit, Resignation und Appellen an das Engagement Einzelner.

Das jedoch hat in der Vergangenheit einige Dämpfer erhalten. Trotz aller Versuche: Ein gewisses Grundinteresse an der Natur und ihrem Schutz sei ja vorhanden – nur trete niemand ein. Der alte und neue Vorsitzende Günther Köhler, mit 52 Jahren „das Küken“, findet es schwer, Jugendliche nachhaltig zu begeistern. Spätestens ab der Pubertät sei Schluss gewesen, so die Erfahrung der Vergangenheit, beispielsweise beim Nistkastenbau in seinem Heimatort Mingerode. Sein Kollege Friedrich-Karl Schöttelndreier, Herr über die bekannte Greifvogel- und Eulenstation, berichtet: „Ich habe mindestens einmal pro Monat eine Jugendgruppe bei mir zu Gast – aber aus dem Eichsfeld ist keine dabei.“

Liegt es an den großen Entfernungen auf dem Lande? Der Absorbierung durch so genannte Daddelkisten, oder der vermeintlichen Lustlosigkeit der Jugend? Vieles wird in den Raum gestellt, manches verworfen. Ein Faktor ist sicher die ausgeprägte Auslastung junger Menschen. „Die haben neben der Schule überhaupt keine Zeit mehr“, äußert Ursula Haarhaus, die am Eichsfeld-Gymnasium tätig ist.

Köhler sagt: „Das ist wirklich ein Problem“. Er glaubt jedoch, das Interesse „muss von Herzen kommen“. Er selbst habe mit zehn Jahren die Vögel im Wald gehört und einfach wissen wollen, was es mit ihnen auf sich hat. Derartige Neugier führte später zum Nabu-Beitritt und somit zu Aktionen wie dem Schutz der seltenen Eisvögel an der Hahle – einer der Erfolge der Nabu-Arbeit in den vergangenen Jahren, wie Köhler findet. „Ohne uns wären die Vögel nicht mehr da.“

Die Eindrücke aus der Versammlung decken sich mit den Erfahrungen, die man bei der Naturschutzjugend (Naju), der Nachwuchsgruppe des Nabu, gemacht hat. Sprecher Malte Stöck: „Da ist eine Hemmschwelle, sich in einem Verein regelmäßig zu engagieren.“ Bundesweit ist die Lage bei den Naju-Gruppen mit ihren rund 75 000 Mitgliedern ganz unterschiedlich: In den Städten gehe man aufgrund der Vielzahl der Möglichkeiten für Jugendliche unter, auf dem Land sei die Lage schwierig, in Kleinstädten hingegen stiegen die Beitrittszahlen. „Oft ist das Engagement auch personengebunden“, erklärt Stöck. In der Schulzeitverkürzung sieht auch er einen gravierenden Hemmschuh für den aktiven Naturschutz.

Eine Einschätzung, die Lehrer Karl-Josef Merten teilt. Er macht sich an der Duderstädter St.-Ursula-Schule für Naturschutz stark. Viele Schüler hätten lehrplanbedingt keine Zeit mehr, dazu kämen viele Möglichkeiten, „Naturerfahrungen anders zu kompensieren“ – vor dem PC oder der Spielekonsole beispielsweise. Immerhin: an seiner AG Naturranger nehmen noch zwölf Schüler teil.

Die Nabu-Mitglieder wollen jedenfalls für die Zukunft versuchen, regelmäßige Angebote zu schaffen, bei denen Kinder und Jugendliche mit der Natur in Berührung kommen. Ob das für die Zukunft Nachwuchs bringt, muss sich zeigen. Ansonsten könnte der Satz „Wer sich früh engagiert, tut es mit großer Wahrscheinlichkeit auch später“, der sich in einer Untersuchung des Bundes-Nabu zur Jugendarbeit findet, im Umkehrschluss eine negative Wendung für dieses ehrenamtliche Engagement im Untereichsfeld bedeuten. Gefährdete Arten wie die Eisvögel müssten dann sehen, wo sie bleiben.

NABU und Co.

Die Gruppe Untereichsfeld ist eine von 2000 Gruppen des Naturschutzbundes (Nabu) und wurde 1978 gegründet. Inzwischen hat sie 135 Mitglieder und Unterstützer. Dem Bundes-Nabu, den es seit 1899 gibt, gehören mehr als 460 000 Mitglieder an. Er ist neben Greenpeace (2009: 562 000 Mitglieder) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND; 2009: 480 000 Mitglieder) eine der größeren Umweltverbände Deutschlands. Der BUND ist im Untereichsfeld jedoch nicht mit einer eigenen Gruppe vertreten. Deutschlandweit sind mehr als 100 im Natur- und Umweltschutz tätige größere Verbände registriert.

Von Erik Westermann

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