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Liebevoller Umgang mit kirchlichen Traditionen

Rückblick Liebevoller Umgang mit kirchlichen Traditionen

Was kann ich den Menschen heute noch guten Gewissens verkündigen? Diese Frage hat Karl Wurm (65) in den vergangenen 36 Jahren als Pastor in Duderstadt beschäftigt. „Ich habe mich in dieser Zeit zu einem sehr kritischen, liberalen Theologen entwickelt“, meint Wurm, der am kommenden Sonntag in den Ruhestand verabschiedet wird.

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Leidenschaftlicher Kirchenmusiker, liberaler Theologe: Pastor Karl Wurm an der Ahrend-Orgel seiner St.-Servatius-Kirche.

Quelle: Thiele

Dogmen wie den Glauben an die Trinität, die Gottessohnschaft Jesu oder dessen Sühnetod am Kreuz hat Wurm verworfen.

Er staunt selbst, dass er anders als sein ehemaliger Studienkollege, der Göttinger Theologie-Professor Gerd Lüdemann, nie ernsthaft Ärger mit der Landeskirche bekommen hat.

Vielleicht liege es daran, überlegt der Pastor, dass er mit kirchlichen Traditionen „immer liebevoll“ umgegangen sei. In seinem Gottesdienstverständnis ist er sogar sehr konservativ. Die würdige Form geht ihm über alles. Mit „Gitarrengeklimper“ kann der studierte Kirchenmusiker wenig anfangen. Die Fugen von Johann Sebastian Bach hat Wurm, der mit einer halben Stelle Pastor und mit einer halben Stelle Organist ist, selbst einfachen Menschen zugemutet.

Er äußert Verständnis für die Pius-Brüder, die mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils unzufrieden sind und den alten lateinischen Ritus der katholischen Messe pflegen.

Tiefe Dankbarkeit zeigt der Pastor dafür, in einer katholisch geprägten Region leben zu dürfen. An den Fronleichnam-Prozessionen, bei denen die gewandelte Hostie als Leib Jesu Christi verehrt wird, nimmt er gerne teil. Dabei hat er ein völlig anderes Verständnis vom Abendmahl. Für ihn ist Jesus am Altar in den Gedanken der Menschen anwesend, nicht, wie es die Katholiken glauben, als Fleisch und Blut darauf.

Schätzen gelernt hat Wurm das „marianische Fluidum“, die allgegenwärtige Präsenz von Maria. Sie symbolisiert für den Pastor die weibliche, sanfte, liebevolle Seite Gottes. „Das Gottesverständnis der Lutheraner ist dagegen männlich-herb“, erläutert er. Ansprechend empfindet er die „Dimension der Anbetung“, die in katholischen Kirchen herrsche. Evangelische Gotteshäuser hätten tendenziell den Charakter nüchterner Multifunktionsräume.

Das ökumenische Miteinander war dem Pastor in all den Jahren wichtig. Er schätzt es, dass sich die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gegenüber anderen Christen und Religionen geöffnet hat. Er hat kein Problem damit, dass der Vatikan die Lutheraner nicht als Kirche anerkennt. „Die katholische Kirche ist eine Priesterkirche“, erklärt er. Damit habe Reformator Martin Luther klar gebrochen.

Luther hätte bewusst den Priesterrock abgelegt und das Gewand der damaligen Gelehrten, den Talar, angezogen. Dieser Bruch habe seinen Preis, dafür genössen die Lutheraner aber viele Freiheiten. Diese wolle er bei aller Wertschätzung für die Katholiken keinesfalls missen.

Mehr Toleranz wünscht sich Wurm im Umgang mit Muslimen. Weil er selbst nicht an die Gottessohnschaft Jesu und dessen Sühnetod glaubt, fallen bei ihm zwei zentrale Streitpunkte zwischen Christen und Muslimen fort. Er macht klar, dass er die Körperstrafen der Scharia ablehnt. Bei der Kritik an der islamischen Haltung in Frauenfragen wünscht er sich mehr Sachlichkeit. Wurm: „In der evangelischen Kirche dürfen erst seit 40 Jahren Frauen Pastorinnen werden.“

Und wie geht es nun in Duderstadt weiter? Wurms ganze Stelle bekommt Pastorin Christina Abel, mit der der Theologe bereits seit elf Jahren zusammenarbeitet.

Der Festgottesdienst zur Verabschiedung von Pastor Karl Wurm beginnt am Sonntag, 4. November, 16 Uhr, in der Duderstädter St.-Servatius-Kirche.

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