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Schutzengel sein heißt: Zivilcourage zeigen

Präventions-Projekt Schutzengel sein heißt: Zivilcourage zeigen

Schutzengel – da denkt man an unsichtbare Himmelswesen, die Menschen vor Gefahren retten. Schutzengel aus Fleisch und Blut gibt es auch, aber die erkennt man nicht an weißen Flügeln, sondern am Schutzengel-Ausweis.

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Polizist Dierk Falkenhagen klärt auf: Nicht nur Alkohol, auch Selbstüberschätzung führt zu Unfällen bei Fahranfängern.

Wie Jugendliche ab 16 Jahren an solch einen Ausweis gelangen, und vor allem welchen Sinn das Schutzengel-Projekt hat, zeigt der Duderstädter Polizist Dierk Falkenhagen den Zehntklässlern der Heinz-Sielmann-Realschule (HSR).

Manchmal herrscht Grabesruhe im Medienraum der Schule. Man hat einiges zu verdauen. Verschiedene Videos zeigen wie es zu Unfällen kommen kann, und wie verheerend die Folgen sind. Situationen, die man ähnlich selbst schon erlebt hat: Mit Freunden im Auto kurz am Handy chatten, und der Verkehr wird zur Nebensache. Schluss-Sequenz: Zwei Freundinnen liegen tot und verdreht auf dem Rücksitz, die schreiende und blutüberströmte junge Fahrerin muss aus dem Auto herausgeschnitten werden. In dem anderen Auto rührt sich nur noch das Baby der jungen Familie. „So finden wir die Unfallstelle vor“, unterbricht der Polizist die stille Betroffenheit im Raum. Die Filme sind fiktiv und sollen als Abschreckung dienen, aber sie sind erschütternd realistisch. „Solche Situationen habe ich als Polizist am Unfallort schon erlebt, aber ich möchte sie nie mehr erleben, und meine Kollegen auch nicht“, sagt Falkenhagen.

Unachtsamkeit, Selbstüberschätzung, Stress, aufgemotzte Fahrzeuge und mangelnde Fahrpraxis nennt er als häufige Gründe für Verkehrsunfälle. „Unsere Autos sind heute so sicher wie nie zuvor, Schwachpunkt ist der Mensch“, betont der Polizist. Ein besonderes Augenmerk legt er auf Alkohol und Drogen als Ursache. Er beschreibt den „Flashback“ - die plötzlich wiederkehrende Wirkung von Drogen lange Zeit nach der Einnahme – und die Wirkung der Endorphine, der „Glückshormone“, deren Ausschüttung durch Alkohol gefördert wird. Ein „tolles Gefühl“ stelle sich beim Alkoholgenuss zunächst ein, was manch einer immer wieder haben möchte. Aber Alkohol beeinflusse eben auch die Wahrnehmung und das Reaktionsvermögen, was im Straßenverkehr zum Verhängnis werden könne, warnt Falkenhagen.

Die Statistik über Verkehrstote wird bebildert, diesmal mit echten Unfallfotos, allesamt aus der Region, und fast immer waren Fahranfänger, Alkohol und Drogen mit dabei. Meistens hätten die Beifahrer mehr abbekommen als der jeweilige Fahrer. Auch das hat Gründe. Falkenhagen erklärt die Mechanismen des menschlichen Selbstschutzreflexes: „Jeder reagiert automatisch so, dass der eigene Körper möglichst weit weg ist von der Gefahr. Also kracht das schleudernde Auto meist mit der Beifahrerseite gegen den Baum, weil der Fahrer im letzten Moment versucht gegenzulenken.“ Diese Eigenschutz-Reaktionen folgten aus dem Unterbewusstsein.
„Auch wenn ihr selber nicht betrunken fahrt, achtet darauf, bei wem ihr einsteigt“, rät Falkenhagen, und hier kommen die Schutzengel ins Spiel. Deren Aufgabe ist es, fahruntüchtigen Freunden oder Familienmitgliedern ins Gewissen zu reden oder notfalls sogar den Autoschlüssel verschwinden zu lassen. Damit zeige man Zivilcourage, denn es sei nicht leicht, sich gegen die feiernde Clique zu stellen, so Falkenhagen. Doch bereits vor der Party sei der Einsatz der Schutzengel gefragt: Sie klären, wer später nach Hause fährt und dementsprechend nichts Alkoholisches trinkt, oder sie bilden Fahrgemeinschaften.

Die Botschaft scheint angekommen zu sein. Auf die Frage, wer Interesse hätte, selbst Schutzengel zu werden, heben viele Schüler die Hand. Gründe dafür nennen sie auch. „Die Videos haben gezeigt wie solche Unfälle passieren und was da passiert. So schlimm habe ich mir das vorher nicht vorgestellt“, sagt Jasmin Koch. Raul Goldmann bestätigt: „Die Schock-Videos waren wichtig, das hat mich am meisten beeindruckt.“ „Vieles wussten wir vorher nicht, zum Beispiel, dass man als Beifahrer noch mehr gefährdet ist als der Fahrer“, sagt Nico Eckert. Einig sind sich alle Schüler darin, dass sie aus diesen zwei Schulstunden viel mitnehmen würden.
„Die Prävention zahlt sich aus, die Zahlen der Verkehrstoten geht seit Jahren stetig nach unten“, zieht Falkenhagen die positive Bilanz. Auch die Schutzengel-Aktion komme gut an: „In der Region haben wir schon über 400 Ausweise ausgeschrieben.“

  Schutzengel in Duderstadt
  „Ich bin dein Schutzengel – Eine Aktion für sichere Straßen in und um Duderstadt“ heißt die Initiative, die aus der Zusammenarbeit des Polizeikommissariats Duderstadt und dem ADAC Niedersachsen/ Sachsen-Anhalt entstanden ist. Unterstützt wird die Aktion von der Volksbank Eichsfeld Northeim, dem Treffpunkt Stadtmarketing, der Firma Otto Bock, der Fahrschule Post und dem Autohaus Skoda-Goldmann. Um die Sponsorengelder zu bündeln und die Projektarbeit weiter zu planen, hat sich der Verein „Ich bin dein Schutzengel/ Duderstadt“ gegründet.
Im Landkreis Soltau-Fallingbostel, wo das Schutzengel-Projekt seit 2004 läuft, beweisen Zahlen den Erfolg: In den vier Jahren vor Beginn der Aktion starben 37 junge Menschen im Landkreis durch Unfälle. Seit die Schutzengel aktiv sind, waren es 16.
Kontaktperson in Duderstadt ist Dierk Falkenhagen, zu erreichen über E-Mail an dierk.falkenhagen@polizei.niedersachsen.de. Wer Schutzengel werden möchte, kann sich auch über das Internet informieren und anmelden. Mit dem Schutzengel-Ausweis gibt es als Bonus einige Vergünstigungen, beispielsweise im Kino, beim Tanken oder bei einer Fast-Food-Kette.

Von Claudia Nachtwey

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