Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
„Seit 1990 wächst hier alles wieder zu“

Eichsfelder Grenzspuren „Seit 1990 wächst hier alles wieder zu“

Dort, wo einst die Grenze BRD und DDR teilte, verläuft heute das rund 1400 Kilometer lange „Grüne Band“. Der Wanderweg „Eichsfelder Grenzspuren“ berührt einen Teil dieses Naturschutzgebietes. Auf 21 Kilometern laden Wildkatzenpfötchen zu einer Spurensuche auf den „Eichsfelder Grenzspuren“ ein.

Voriger Artikel
Sturmhöhen
Nächster Artikel
Schutz vor Regen und Tankstelle für Sonnenlicht

Blick aus der Schießscharte: Hier beobachteten bis zur Grenzöffnung Soldaten den Todesstreifen.

Quelle: Eckermann

"Dann haben bei uns im Schrank die Gläser geklirrt.“ Dieser Satz fällt wohl auch heute, 20 Jahre nach der Grenzöffnung, noch häufig in Gesprächen zwischen Menschen, die zur Zeit des geteilten Deutschlands dicht am damaligen Todesstreifen wohnten. Auch wir haben ihn im Ohr, als wir uns auf die Suche nach den „Eichsfelder Grenzspuren“ machen, einer Wanderung, die Teile des heutigen Grünen Bandes berührt.

Wo einst Zäune standen, Schießbefehle erteilt wurden und Menschen ihr Leben ließen, eröffnet sich heute für Wanderer ein Blick über eine malerische Landschaft. Doch nicht allein das. Zwischen dem Grenzlandmuseum und der Sielmann-Stiftung – einem Abschnitt eines Rundkurses von Duderstadt über den Pferdeberg, Ecklingerode und Herbigshagen zurück – begegnen dem Wanderer Zeugnisse der deutsch-deutschen Geschichte.

Vom Parkplatz an der Gaststätte „Schöne Aussicht“ auf dem Pferdeberg aus ist das Grenzlandmuseum bereits in Sichtweite. Der erhöhte Standpunkt lässt vermuten, dass nicht erst seit der Grenzöffnung Menschen von hier aus einen Blick von der niedersächsischen auf die Thüringer Seite des Eichsfeldes warfen. Heute zeigt dieser Blick Natur, Weite und Freiheit. Vor gerade einmal zwei Jahrzehnten war hier Schluss. Wie am Rand einer Käseglocke müssen sich Menschen gefühlt haben, die zur Zeit des geteilten Deutschlands von hier aus in Richtung Teistungen gesehen haben.

Auf unserem Weg den ehemaligen Kolonnenweg hinab, vorbei an Beton-Beobachtungsbunkern, Hundelaufanlage, Fahrzeug-Sperranlagen und Signalzaun, herrscht Stille. Trotz der Nähe zur Bundesstraße ist an diesem sonnigen, windstillen Tag nichts zu hören von der Welt. Der Gang auf der Grenze lässt Beklemmung aufkommen, die erst recht spürbar wird, begegnet man der Enge eines Beobachtungsbunkers. Assoziationen von Eingesperrtsein mitten in einer weitläufigen Landschaft stellen sich ein.

Daran ändern auch Infotafeln nichts, die an vielen Stellen angebracht sind. Was dort steht, sind Zeichen der Zeit, echte Zeugnisse, die an einen nicht eben angenehmen Teil der deutsch-deutschen Geschichte erinnern. „Die Außenanlage ist in Teilen original, also authentisch. Lediglich ein Zaun wurde zur besseren Einordnung versetzt, damit er auf Museumsgelände bleibt“, erläutert Ben Thustek. Für viele Menschen seien die Grenzsperranlagen heute nur schwer nachvollziehbar. „Solche Konstrukte vermutet man hier nicht.“ Stimmt, selbst wenn man weiß, dass sie historische Monumente sind, muten die Grenzanlagen an wie ein Fremdkörper in der Landschaft.

Im neu gestalteten Grenzlandmuseum Eichsfeld weicht die Beklommenheit der Informationsfülle. Im modernen Gewand rekapituliert die Ausstellung Entstehung und Geschichte der innerdeutschen Grenze, erzählt Geschichten von Menschen, deren Leben sich durch die Teilung Deutschlands verändert hat und stellt den westdeutschen Alltag dem ostdeutschen gegenüber.

Nüchtern, sachlich und nur selten emotional angehaucht werden die Informationen vermittelt. Auch mahnt die Ausstellung, jedoch ohne zu verteufeln oder Partei zu ergreifen. Und: Sie ist schön, sie spricht ästhetisch an. Und das sei durchaus gewollt, so Thustek. „Die Ausstellung richtet sich an viele Besucher“, sagt er, „an junge Menschen, aber auch die sogenannte Erlebnisgeneration.“ Und ganz offensichtlich auch an Touristen aus dem Ausland. Übersetzungen ins Englische finden sich von allen Ausstellungstexten. Eine internationale Geste, und, wie die Wandergruppe findet, eine Bestätigung der internationalen Relevanz des Ereignisses Wiedervereinigung.

Die Auswirkungen der innerdeutschen Grenze auf die Natur im Grenzgebiet werden nach dem Überqueren der Bundesstraße zwischen Gerblingerode und Teistungen unmittelbar sichtbar: Der Anstieg über den Kolonnenweg ist umgeben von Grün und Ruhe. Wäre da nicht immer wieder der hässliche Beton mit den verräterischen rechteckigen Aussparungen unter den Füßen, man könnte meinen, man befinde sich auf einem Weg durch irgendein Naturschutzgebiet. Doch weit gefehlt, der Alltag bis 1989 sah gar nicht nach Blümchen pflücken und Landschaft genießen aus. „Es gab einen sogenannten Grenzdienst. Die Grenzpostenpaare kontrollierten die Grenze und liefen Streife“. Erst nach der Grenzöffnung gehörte das „Grüne Band“ wieder der Natur. „Seit 1990 wächst alles wieder zu“, bringt es Thustek auf den Punkt. Die Narben in der Landschaft, die Risse in der innerdeutschen Zusammengehörigkeit und die Kerbe zwischen dem Ober- und dem Untereichsfeld.

Wie Trabis und weitere Einsatzfahrzeuge der Grenztruppen diese Wege seinerzeit befahren haben sollen, als Fahrer eines modernen Kleinwagens kann man es sich kaum vorstellen. Die Wegstrecke hinauf zum West-Östlichen Tor ist für ungeübte Wanderer oder Turnschuhträger besonders nach Regenfällen sicher eine echte Herausforderung.

Auch wir haben unsere Mühe, der Blick richtet sich mit zunehmendem Wadenziehen mehr und mehr auf den Boden. Dort, unter den Füßen der Wanderer, befindet sich eines der hübschesten Symbole der Natur, die ihr Refugium zurückerobert hat: Wieder und wieder dringen Kleeblätter, Grashalme und Blumen durch die Aussparungen in der ehemaligen Panzerstrecke. Dieses Mahnmal hat die Natur gesetzt. Ein anderes, von Menschenhand geschaffenes, erreicht man, folgt man dem Weg weiter. Zunächst geht es, übrigens immer wieder recht steil bergauf, vorbei an Feldern, immer wieder ist der Blick auf die Dächer Duderstadts möglich. Schutzhütten bieten Gelegenheit zur Rast. Dann ein letzter Anstieg und zwei Holzpfähle erheben sich majestätisch über der Landschaft.

Unwillkürlich folgt der Blick nach oben in den strahlend blauen Himmel. Das West-Östliche Tor, das Westen und Osten verbindende Kunstwerk aus zwei Holzpfählen, die durch eine Metallplatte aneinander gekoppelt sind, scheint auch oben und unten zu verbinden.

Um das West-Östliche Tor herum ergibt sich eine wundervolle Rundsicht auf die Landschaft. Wiesen und Felder scheinen sich beiderseits des Kolonnenweges zu ergießen, weich und weit liegen sie im warmen Licht der Sonne. Es herrscht absolute Stille. Auch den Waden scheint die Pause gut zu tun, denn der Weg zur Sielmann-Hütte und über den Sielmannweg in Richtung Gut Herbigshagen, dem Schlusspunkt der Wanderung, fällt trotz weiterer Steigungen und Gefälle angenehm leicht.

In der nächsten Folge: Auf Grenzspurensuche mit Holger Keil, bei der Heinz-Sielmann-Stiftung zuständig für das Großprojekt Grünes Band Eichsfeld-Werratal durch den Sulbig nach Duderstadt.

Auf die Spurensuche hat sich Tageblatt-Redakteurin Nadine Eckermann gemeinsam mit Ben Thustek, Pädagogischer Leiter des Grenzlandmuseums Eichsfeld, begeben.

  Eichsfelder Grenzspuren
  „Eichsfelder Grenzspuren“ ist der Name eines 21 Kilometer langen, Niedersachsen und Thüringen verbindenden Rundwanderweges, der an verschiedenen Startpunkten begonnen und in beide Richtungen gewandert werden kann. Der Wanderweg wurde auf niedersächsischer Seite durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung „Natur Erleben“ gefördert, auf thüringischer mit Zuwendungen aus dem Programm Förderung von Maßnahmen zur Entwicklung von Natur und Landschaft mitfinanziert. Die Heinz-Sielmann-Stiftung kümmerte sich um die Umsetzung und Finanzierung.
Der auf der Karte mit „Tag 2“ gekennzeichnete Abschnitt ist etwa acht Kilometer lang. Er beginnt auf dem Pferdeberg. Es kann aber auch auf Gut Herbigshagen gestartet und in die entgegengesetzte Richtung gewandert werden. Wanderer können mit dem Auto anreisen und links vom Gasthaus „Schöne Aussicht“ (gratis) oder oberhalb der Sielmann-Stiftung parken.
Nähere Informationen gibt es in der Gästeinformation im Duderstädter Rathaus, Marktstraße 66, und bei der Heinz-Sielmann-Stiftung, Gut Herbigshagen, oder im Netz: www.sielmann-stiftung.de.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Zehn Jahre West-Östliches Tor

"Es ist schwer, zum Tor zu kommen.“ Die EM-Anspielung in der Feierstunde zum zehnjährigen Bestehen des West-Östlichen Tores auf dem ehemaligen Grenzstreifen kann man auch wörtlich nehmen. Warum?

mehr
Anzeigenspezial

Informieren Sie sich über das aktuelle Fußballgeschehen in Göttingen und aller Welt.  mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt