Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Gewitter

Navigation:
Silvester: Streife zwischen Böllern und Prügelei

Nachtschicht bei der Polizei Silvester: Streife zwischen Böllern und Prügelei

Dienst statt Silvesterfete: Während die Menschen den Jahreswechsel feierten, haben Polizisten, Krankenschwestern, Gastronomieangestellte und viele andere gearbeitet. „Wenn man den Beruf hat weiß man, dass man nicht auf jeder Party tanzen kann“, sagt Ludger Wüstefeld, Dienstschichtleiter bei der Duderstädter Polizei. Eine Silvesternacht im Streifenwagen.

Voriger Artikel
Unfall auf der Bundesstraße 27
Nächster Artikel
Unbekannte stehlen Auto von Bauernhof

„Den größten Teil unserer Arbeitszeit sind wir auf der Straße“: Bastian Fürchtenicht (l.) und Ludger Wüstefeld starten zur Streifenfahrt.

Quelle: Schauenberg

Jetzt gönnen wir uns gute Sicht auf das Feuerwerk.“ Wüstefeld lenkt den silberblauen VW-Passat Richtung Tiftlingerode. In der Duderstädter Innenstadt ist es wenige Minuten vor Mitternacht ruhig, da kann er gemeinsam mit seinem Kollegen Bastian Fürchtenicht das Spektakel vom Pferdeberg aus ansehen. Kurz können sie den Anblick genießen, dann springen sie in den Streifenwagen.

War der Abend bis dahin ungewöhnlich ruhig, meldet der Wachhabende um 0.09 Uhr eine Rangelei in der Neutorstraße. Im Slalom, zwischen Feiernden und Böllern hindurch, steuert Wüstefeld das Auto durch die Straßen. „Die Kollegen könnten Eure Hilfe brauchen“, meldet der Wachhabende per Funk. Da schaltet Wüstefeld das Blaulicht ein und tritt aufs Gas.

„Der Puls steigt dann schon“, hatten die Beamten zuvor auf die Frage erklärt, ob der Ruf zu einem Einsatz mehr als reine Routine sei. Das ist nachzuvollziehen, als die Streife am Neutor eintrifft. Die Situation ist unübersichtlich, mehrere Dutzend Menschen stehen in Gruppen am Kreisel, Böller knallen, Geschrei, mittendrin ein Streifenwagen. Die Polizisten Cordula Preis und Marco Wode sind schon vor Ort.

Preis steht vor einem großen, gestikulierenden Mann und schreit ihn an: „Jetzt ist endlich Schluss.“ Offensichtlich ist der Mann schon länger nicht zu beruhigen, eine härtere Gangart nötig. Fürchtenicht stellt sich an die Seite der Kollegin, Wüstefeld befragt Umstehende. Der Mann schreit weiter. Wode, bislang mit der Aufnahme von Personalien beschäftigt, kommt hinzu, schließlich auch Wüstefeld.

Er ist es, der nach weiterem Wortwechsel entscheidet, dass Reden nicht mehr hilft. Blitzschnell schaltet er um, überrascht den Mann mit seinem Zugriff, Wode legt dem Mann Handschellen an, die Beamten bringen ihn in den Streifenwagen.

Kinder mit Knallkörper beworfen

Es ist 0.25 Uhr, als Fürchtenicht und Wüstefeld wieder ins Auto steigen. Es geht gleich weiter zum nächsten Einsatz in die Kolpingstraße. Eine Familie im  Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses beklagt, ihre Kinder auf dem Balkon seien mit Knallkörpern beworfen worden. Die Beamten fragen ruhig nach, lassen sich Böllerreste und vermeintliche Brandwunden zeigen.

Unten auf der Straße, das seien die Böllerwerfer, sagt der Familienvater. Fürchtenicht geht runter, spricht die Männer ruhig und freundlich an. Die sagen, sie selbst seien vom Balkon aus mit Knallern beworfen worden, bestreiten das selbst getan zu haben. Er werde trotzdem die Personalien aufnehmen, erklärt Fürchtenicht, scherzt, notiert, hat schnell die Namen im Block. Wüstefeld kommt hinzu, die Männer werden ins Haus geschickt, noch ermahnt, am nächsten Morgen die Knallerreste auf der Straße wegzufegen.

Deeskalation sei immer das erste Mittel, erklärt anschließend Fürchtenicht. Die Menschenkenntnis für den richtigen Ton sei eine Sache der Erfahrung, ergänzt Wüstefeld. Situationen würden intuitiv eingeschätzt und entsprechend reagiert. Man glaubt es, wenn man an das Auftreten der Beamten eine halbe Stunde zuvor denkt.

Meiste Zeit auf der Straße

Danach geht es weiter, durch die Dörfer. „Den größten Teil unserer Arbeitszeit sind wir auf der Straße“, hatte Wüstefeld bei Schichtbeginn erklärt. Drei Streifen sind für die Silvesternacht im Dienst. Sie treffen sich gegen 22 Uhr im Aufenthaltsraum, sprechen sich kurz ab, starten dann regional verteilt wieder in die Nacht. Ein Wachhabender auf dem Revier koordiniert das Geschehen.

Die Streifenwagen drehen Runden durch die Dörfer, auch durch die Seitenstraßen, oft in Schrittgeschwindigkeit, das Fenster einen Spalt geöffnet, um besser hören zu können. Wieviele Kilometer sie pro Nacht unterwegs seien? 150 bis 200 Kilometer seien keine Seltenheit, sagt Wüstefeld. „Der Wagen ist zwei Monate alt und hat 11 000 Kilometer auf der Anzeige“, verdeutlicht Fürchtenicht.

Wie PS-stark der VW-Passat ist merkt man, wenn Wüstefeld unvermittelt aufs Gas drückt. Er hat ein Fahrzeug ins Auge gefasst und holt schnell auf. Blinkzeichen, rechts ran fahren, allgemeine Verkehrskontrolle. Ohne sich abzusprechen nehmen Fürchtenicht und Wüstefeld ihre Plätze ein.

Während ein Beamter den Fahrer anspricht, die Fahrzeugpapiere verlangt, steht der andere leicht nach hinten versetzt auf der Beifahrerseite, die Hand an der Waffe. Routine. Warum sie dieses Auto ausgesucht hätten? Wüstefeld hat das Fahrzeug erkannt, weiß, wer am Steuer sitzt. Manchmal sei aber auch die Fahrweise auffallend, manchmal gehe es auch schlicht um Stichproben, ergänzt Fürchtenicht.

Nachtschicht ist anstrengend

Präsenz und Prävention sind eine wesentliche Aufgabe der Polizei, auch in der Silvesternacht. Ein Beispiel vom früheren Abend. In Mingerode findet eine größere Party statt, da wollen die Beamten vorbei fahren. Im Ort biegt Wüstefeld plötzlich in eine Seitenstraße ein, hält an. Eine Gruppe Jugendlicher steht zusammen. Als die Beamten aussteigen, schweigen sie erschrocken. Ein langes Eisenrohr und Böller liegen auf dem Boden.

„Was habt ihr denn so dabei?“, lassen sich die Beamten die Kracher zeigen. Ein paar Sätze später ist klar: Die Jugendlichen haben aus der Eisenstange die Böller rausgeschossen. Ein Kaugummi-Automat an der Häuserwand zeigt Brandspuren. Wüstefeld wird ernst. „Tacheles. Das ist eine Straftat. Ich will Namen hören.“ Die Jugendlichen beteuern, „das waren wir nicht“.

Einer nach dem anderen muss dennoch den Beamten Namen, Geburtsdatum, Wohnort und Name der Eltern in den Block diktieren. Wüstefeld und Fürchtenicht erklären, wie gefährlich die Böllerei mit der Eisenstange ist, nehmen den Jugendlichen das Ehrenwort ab, zu Hause zu beichten.

Die Drohung, „die Eltern kriegen einen Brief“, werden sie wohl nicht umsetzen. Die Beamten glauben den Jugendlichen, dass nicht sie den Kaugummiautomaten beschädigt haben, wie sie später im Auto bekennen.

Es ist eine abwechslungsreiche Nacht. Das sei gut, so bleibe man wach, sagt Wüstefeld. Nachtschicht ist anstrengend. „Man ist daran gewöhnt, aber es schlaucht“, bekennt er. Als die Streife  gegen zwei Uhr aufs Revier zurückkommt und sich eine Pause gönnt, sind Preis und Wode dabei, den Report über den Vorfall am Neutor zu schreiben.

Mehr als 1,6 Promille Blutalkohol haben sie bei dem festgenommenen Mann festgestellt. Der ist aus seiner Zelle zu hören, drückt ständig auf die Klingel und redet vor sich hin. Er soll bis morgens in der Zelle bleiben und seinen Rausch loswerden. Wenn er friedlich ist, wollen die Beamten ihn nach Hause schicken, gegen sechs Uhr, bevor die Kollegen der Frühschicht kommen – in der Hoffnung, dass sie unbelastet von den Vorkommnissen der Nacht in den Neujahrstag gehen können.

Cordula Preis und Marco Wode verfassen Bericht über den Einsatz.

Cordula Preis und Marco Wode verfassen Bericht über den Einsatz.

Quelle:
In Mingerode werden Jugendliche ermahnt.

In Mingerode werden Jugendliche ermahnt.

Quelle:
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
„im normalen Rahmen“

„Im normalen Rahmen“ hielten sich laut Angaben einer Polizeisprecherin die Einsätze von Polizei und Feuerwehr in der Silvesternacht in Göttingen. 316 Notrufe gingen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ein – 130 davon führten zu Einsätzen. Sieben Ruhestörungen, neun Fälle von Böllerwürfen auf Menschen oder Fahrzeuge, 16 Schlägereien und Körperverletzungen sowie zehn allgemeine Streitigkeiten, vier Sachbeschädigungen und elf kleinere Brände lautet die Bilanz.

mehr
Anzeigenspezial

Informieren Sie sich über das aktuelle Fußballgeschehen in Göttingen und aller Welt.  mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt