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Skandal um Bio-Eier: Eichsfelder Huhn contra Weltmarkt

Verärgerte Landwirte Skandal um Bio-Eier: Eichsfelder Huhn contra Weltmarkt

Der zweite Lebensmittelskandal innerhalb weniger Tage erschüttert das Vertrauen der Verbraucher. Nach Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne geht es nun um Bio-Eier, die keine sein sollen. In beiden Fällen geht es um falsch deklarierte Ware im Handel. Die Landwirte der Region sind verärgert über die womöglich kriminellen Machenschaften von verarbeitenden Betrieben und Kollegen.

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Nur wenn sie legen, gibt es Eier im Bauernladen: Die Hühner von Konstanze und Andreas Borchardt produzieren für die Direktvermarktung.

Quelle: Blank

Eichsfeld/Göttingen. Bei den als Bio- oder Freilandware ausgezeichneten Hühnereiern ermitteln Staatsanwälte gegen bundesweit 200 Betriebe, 150 davon in Niedersachsen. „Wir sind nicht betroffen. Keiner dieser Betriebe ist bei uns“ , gab Kreislandwirt Hubert Kellner am Montag Entwarnung.

Das bestätigt Fenja Stickan von der Kreisverwaltung: In der Region gebe es nur einen einzigen größeren Eierproduzenten, und der, heißt es in der Kreisverwaltung, „ist absolut zuverlässig“.

Das beschreibt die rechtliche Situation. Psychologisch spüren die Bauern der Region durchaus die Folgen des Skandals. Mit Zorn und Ratlosigkeit reagiert Kellner auf die aktuellen Schlagzeilen: „So etwas geht nicht. Das muss verfolgt und auch bestraft werden.“ Sein Ärger schlägt bei der Folgefrage, ob gegen die Betrüger etwas unternommen werden könne, in Resignation um: „Nein“, so Kellners schlichte Antwort. Die Folgen der Machenschaften von schwarzen Schafen der Branche würden die Bauern schnell zu spüren bekommen. Die Verunsicherung der Verbraucher führe zu geringerer Nachfrage und sinkenden Preisen. „Das geht ziemlich schnell. Das ist bei jedem Skandal so, das sind wir seit Jahren gewohnt“, berichtet Kellner.

Was ist die Ursache der wiederkehrenden Schreckensmeldungen? „Ich weiß nicht, woran es liegt“, räumt Kellner ein. Seine Analyse: Die Realität der Bauern sei der globale Wettbewerb, „wir haben die Massenproduktion für den Weltmarkt“. Der weltweite Handel ermögliche die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln. Die Menschen seien gewohnt, 24 Stunden am Tag zu jeder Zeit des Jahres alle Lebensmittel zu bekommen. „Wo kommen die Tomaten im Winter her?“, so Kellners rhetorische Frage. Genau hier liege das Risiko, die ständige Verfügbarkeit habe ihren Preis. „Denken sie an die Erdbeeren aus China“, erinnert er an die massenhaften Erkrankungen Ende 2012, deren Auslöser virenverseuchte Tiefkühl-Erdbeeren aus China waren.

Wie können die Bauern der Region darauf reagieren? „Wir haben schon beim BSE-Skandal gesagt: Geh’ zum Metzger deines Vertrauens“, sagt Kellner in Erinnerung an die Massenschlachtungen von Rinderwahn-kranken Tieren im Jahr 2000. Der Kreislandwirt wirbt auch angesichts der jüngsten Skandale für den Einkauf beim regionalen Erzeuger: „Wir haben ja eine Reihe guter Direktvermarkter. Für die lege ich meine Hand ins Feuer.“

Offenbar fruchten die Appelle. Einer dieser Direktvermarkter, Borchardts Bauernladen in Duderstadt, verzeichnet nach Lebensmittelskandalen verstärkten Zulauf. Sie hätten das Vertrauen ihrer Kunden, „wir müssen gar nicht mehr reden“, sagt Konstanze Borchardt. Diskussionen mit Verbrauchern gebe es aber immer dann, wenn im Hofladen nicht alles erhältlich sei. „Es gibt nur dann Eier, wenn die Hühner auch Eier legen“, macht sie deutlich.

Wenn ein Kunde sich über fehlende oder kleine Eier beschwere, entgegne sie: „Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie sich unser Huhn den A... aufreißt für Ihr XL-Ei?“ Dieser plastische Hinweis zeige meist Wirkung, berichtet Borchardt. Ihre Beobachtung bestätigt Kellners Analyse: Die Menschen machten sich kaum Gedanken, wie Lebensmittel produziert würden. „Wir müssen die Leute zum Umdenken bewegen“, sagt deshalb Borchardt.

„Aktuell nicht betroffen“

In der Region werden die Lebensmittelkontrolleure der Kreisverwaltungen dem niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) helfen, falsch deklarierte Eier per Rückrufaktion aus dem örtlichen Handel zu nehmen, sagt Kreissprecher Marcel Riethig. Das Landesamt habe der Göttinger Kreisverwaltung allerdings noch keine Rückruflisten übersandt, fügt Fenja Stickan von der Kreisverwaltung hinzu.

Das deckt sich mit den Aussagen der Märkte selbst. Bei den Versorgern Rewe und Edeka wurden bis zum Montag noch keine Eier aus den Regalen genommen. „Die Rewe-Group nimmt die in den Medien aufgebrachten Vorwürfe dennoch sehr ernst“, heißt es auf Tageblatt-Anfrage. Da es sich um ein laufendes Verfahren handele, sei Rewe auf Informationen der ermittelnden Behörden angewiesen. Bei bestätigten Verdachtsmomenten werde das Unternehmen sofort im Sinne der Kunden handeln.

Die Edeka Melsungen sei „aktuell nicht betroffen“, sagte Daniel Gotthardt von der Geschäftsleitung des  Edeka-Markts im Duderstädter Einzelhandelszentrum Feilenfabrik . Gotthardt hatte sich beim Zulieferer Edeka-Hessenring erkundigt. Das Vertriebsgebiet der Regionalgesellschaft mit Sitz in Melsungen erstreckt sich von Hessen über Südniedersachsen bis nach Thüringen.  hein/hho

 
Zum Thema: die Broschüre „Alles Bio. Öko-Betriebe in Südniedersachsen“, Buchverlag Göttinger Tageblatt, erhältlich im Online-Shop und in der ET-Geschäftsstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke.
Die Tageblatt-Serie "Alles Bio" online.

Von Ulrich Lottmann,  Matthias Heinzel  und Heinz Hobrecht

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