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„Stadionbesuch ist nicht gefährlicher als Volksfest“

Hardy Grüne zu Gewalt in Fußballstadien „Stadionbesuch ist nicht gefährlicher als Volksfest“

Das Thema Gewalt in Fußballstadien wird kontrovers diskutiert und steht im Mittelpunkt einer Sondersitzung der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Mittwoch. Vor dem Treffen in der Zentrale des Deutschen Fußballbundes hat Heinz Hobrecht einige Fragen an Hardy Grüne gestellt. Der Buchautor und Journalist wohnt in Langenhagen und ist Kenner der Fußballszene.

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In Vereinsfarben auf dem Weg zum Auswärtsspiel: In Normalfall sei das kein Problem, sagt Szenekenner Hardy Grüne.

Quelle: Bundespolizei
Was sagen Sie zur aktuellen Diskussion: Überzogen oder richtig?

Die aktuelle Diskussion ist vor allem völlig überhitzt. Manchmal lesen sich die Berichte wie Schilderungen aus Bürgerkriegsregionen. Es wird viel mit populistischen Parolen gearbeitet. Nicht zuletzt aus der Politik. Inzwischen sind wir in einer reinen Lagerposition angekommen, in der jede

Hardy Grüne

Quelle:

Seite gebetsmühlenartig ihre Position vertritt. Ein Stadionbesuch ist nicht gefährlicher als der Besuch eines Rockkonzerts, eines Volksfestes oder einer anderen Großveranstaltung. Und dabei gehört Gewalt nun mal leider dazu.

Und den Papstbesuch mit einem Bundesligaspiel zu vergleichen, funktioniert nicht, denn die teilnehmenden Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen und unterschiedlichen Motivationen. Wir vergleichen auch nicht das Publikum einer Oper mit dem eines Rockkonzerts.

 
 
Nimmt die Fan-Gewalt aus Ihrer Sicht tatsächlich zu, wenn ja, wie erklärt sich das?

Gewalt im Fußball hat es schon immer gegeben. In den 1920er-Jahren sind regelmäßig Spiele abgebrochen worden, weil Zuschauer den Schiedsrichter oder gegnerische Spieler verprügeln wollten. In den 1950er-Jahren hat Göttingen 05 mehrmals eine Platzsperre wegen Zuschauerausschreitungen erhalten. Und ich persönlich erinnere mich höchst ungern an die 1980er-Jahre, als ich im Umfeld von 05-Spielen regelmäßig von gegnerischen Fans bedroht wurde. Einmal hielt mir in Braunschweig ein Eintracht-Fan sogar ein Messer unter das Kinn.

Oder denken wir an die Meisterfeier des HSV 1979, an das Drama von Heysel 1985. Damals war es vor allem als Fan der Gastmannschaft wirklich gefährlich, ins Stadion zu gehen. Die Situation ist mit der von heute überhaupt nicht vergleichbar. Heute kann ich im Normalfall beruhigt selbst mit dem Schal des gegnerischen Vereins zum Auswärtsspiel fahren. Vielleicht nicht als Dortmunder nach Schalke oder als Braunschweiger nach Hannover, aber das sind Ausnahmen.

Und gerade bei solchen wirklichen Risikospielen zeigt sich im Übrigen auch, dass die Gewalt nicht zwangsläufig von den Fankurven ausgeht. Ich habe Derbys zwischen Braunschweig und Hannover 96 miterlebt, da war die Aggressivität unter den Sitzplatzbesuchern auf der Haupttribüne fast nicht mehr zu ertragen. Wir müssen akzeptieren, dass Gewalt ein Teil des Fußballs ist, weil Gewalt zum Leben dazugehört. Das zeigt sich doch auch bei fast jedem Nachbarschaftsderby hier im Eichsfeld. Das alles rechtfertigt natürlich nicht die heutige Fan-Gewalt, gegen die es aktiv einzuschreiten gilt.

 
 
Sind die derzeit diskutierten Mittel, beispielsweise Stehplatzverbot oder mehr Durchsuchungen,  aus Ihrer Sicht richtig?

Stehplatzverbote halte ich für komplett unsinnig und fruchtlos. Natürlich brauchen die Vereine und Verbände wirksame Hilfsmittel gegen Gewalttäter. Und wir haben ja auch die Möglichkeit des Stadionverbots. Das aber im Übrigen auch in Fällen eingesetzt wird, in denen es gar nicht zu Gewalt gekommen ist. Es gibt den Fall eines Nürnberger Fans, der bei einem Spiel in Berlin seine Fahne über eine Mauer gehängt hat und seitdem Stadionverbot hat. Das führt zu großer Unzufriedenheit in den Fankurven.

Dabei wäre Stadionverbot grundsätzlich ein effektives Mittel im Kampf gegen wirkliche Gewalttäter, über das auch ein breiter Konsens herrscht. Über Pyrotechnik kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich halte ein kontrolliertes Abbrennen für sicher und auch wünschenswert. Ich glaube aber, das Thema hat sich erledigt – die allgemeine Stimmung ist eindeutig gegen Pyrotechnik, und deshalb wird sie verboten bleiben. Muss man akzeptieren, kann man auch akzeptieren. Im Übrigen ist es über die Frage Pyrotechnik innerhalb vieler Fanszenen inzwischen zu gegenseitiger Gewalt gekommen, weil sich dort verschiedene Lager gebildet haben. Auch das spricht dafür, dass wir dringend zum Dialog zurückkommen müssen.

 
 
Was sagen Sie dazu, dass die Vereine die Polizeieinsätze bezahlen sollen?
Dem würde ich für die beiden Profiligen grundsätzlich zustimmen. Die Vereine veranstalten die Spiele, verdienen daran und stehen daher auch in der Verantwortung, das alles möglichst reibungslos abläuft. Das zu bezahlen ist nicht Aufgabe der öffentlichen Hand.
 
 
Sind auch die echten Fußballfans in der Pflicht, die Randale-Fans in die Schranken zu weisen?

„Echte“ Fußballfans – das ist auch so ein populistischer Ausdruck. Was macht denn einen „echten“ Fan aus? Ist ein Fan, der zu jedem Heim und Auswärtsspiel fährt, dafür Unsummen an Geld ausgibt, kein Fan mehr, weil er ein Bengalo zündet? Und was ist mit den Fans auf den Sitzplatztribünen, die Schiedsrichter oder gegnerische Fans als „Hurensöhne“ und noch schlimmer titulieren? Sind das „echte“ Fans? Was habe ich mir im Umfeld von 05-Spielen schon an Beleidigungen anhören müssen – im Übrigen vor allem in jenen Jahren, in denen der RSV 05 nur auf Bezirksebene spielte.

Dass jeder Stadionbesucher eine gewisse Verantwortung dafür trägt, dass es friedlich abläuft, halte ich für eine Selbstverständlichkeit. Man nennt das, glaube ich, gesunden Menschenverstand. Und dazu gehört auch Zivilcourage. Insofern sehe ich jeden Fan, egal ob in der Kurve oder auf den Sitzplätzen, in der Pflicht, aktiv gegen Gewalt, Rassismus, Homophobie et cetera anzugehen. Auch gegen Anhänger seines eigenen Vereins. In den allermeisten Fällen findet das im Übrigen schon jetzt statt.

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