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Störche: „Tief verwurzelt in der deutschen Seele“

Hoffen auf Meister Adebar Störche: „Tief verwurzelt in der deutschen Seele“

In vielen Orten der Region stehen Nisthilfen, deren Konstrukteure hoffen, Meister Adebar könnte sich niederlassen und seine Jungen aufziehen. Das Schicksal der Tiere wird genau verfolgt: Per Webcam, in Zeitungen, vor Ort. Warum ist das so? Eine Bestandsaufnahme.

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Leere Nisthilfe in Germershausen: „Für Adebar. Kost und Logis frei“ heißt es auf dem Schild. Vielleicht kann der Storch nicht lesen?

Quelle: Blank

Traurig und verlassen steht er da, der dunkle Pfahl auf der grünen Germershäuser Wallfahrtswiese unweit des etwas trostlosen, abgebauten Tennisplatzes. Weit und breit ist kein Storch zu sehen. „Wir haben geahnt, dass das Ganze am falschen Platz steht“, meint Hobby-Ornithologe Carsten Linde, der am Aufbau der Nisthilfe in dem 270-Einwohner-Dorf beteiligt war, fast schon entschuldigend. Die Vermutung wurde zur Gewissheit. Bisher hat noch kein Storch auf der Plattform am oberen Ende Platz genommen. Trotz des Schildes, das dort prangt: „Für Adebar: Kost und Logis frei“. Die leere Nistmöglichkeit ist nur eines von vielen freien Storchen-Zimmern in der Region.

Dieser Leerstand ist keine neue Entwicklung. Als Beispiel mag Bernshausen dienen. In dem einstigen Fischerdorf am Seeburger See stellte man bereits vor 20 Jahren in der Nähe des Ufers ein Nest in spe auf – vergeblich. Auch andernorts stehen verwaiste Plattformen und unbezogene Horste. Manche von ihnen mit besten Voraussetzungen, wie Linde sagt. Beispielsweise Obernfeld: Dort gab es schon früher Störche, und in der Aue mit den Feuchtwiesen wurden die Tiere bereits häufig bei der Nahrungssuche beobachtet. „Da hatten wir schon große Hoffnungen“, sagt er ratlos. In Wollershausen ist gar Bürgermeister Ulrich Schakowske (SPD) eigens auf einen Kran geklettert, um die dortige Nisthilfe zu kalken. „Damit sie benutzt aussieht“, erklärt er. Als man das Nest 2006 aufstellte, ließ man einen Experten aus Göttingen kommen. Alles ohne Erfolg.
Besser sieht es nur in zwei Orten aus: „Seit fast 15 Jahren“, schätzt Linde, „kehren die Tiere immer wieder nach Gieboldehausen zurück, seit acht Jahren sind sie in Seeburg und am Seeanger.“ Doch warum lassen sie sich hier nieder, andere, durchaus geeignete Orte hingegen werden verschmäht? Sagen ihnen die angebotenen Eigenheime nicht zu? Genau lässt sich das nicht sagen, erklärt Linde. Es müsse mit der Kombination von Nahrungsressourcen, freien Anflugswegen und der Umgebung zu tun haben. Also bauen die Menschen in freudiger Erwartung weiter potenzielle Horste für den langbeinigen Stelzvogel.

Der Weißstorchbetreuer der hiesigen Region, Georg Fiedler aus Rohrsheim im Harz, warnt jedoch vor allzu blindem Eifer: Nur wenn neue Störche auftauchten, solle man diesen Nisthilfen anbieten, dann aber ruhig mehrere. Dort, wo bereits ein Paar brüte – bei knappen Nahrungsflächen –, sei ein neues Nest weniger gut. Denn im Extremfall verteidigten vorhandene Störche ihr Revier so intensiv, dass keine Zeit für Nachkommen bliebe.
Doch warum eigentlich das ganze Bohei um den Segelflieger mit bis zu 2,20 Metern Flügelspannweite? „Die Faszination für dieses Tier“, sagt Storchenexperte Linde, „ist tief verwurzelt in der deutschen Seele.“ Und das meint der pensionierte Schulleiter keinesfalls heimattümelnd. „Viele kennen ihn noch aus der Kindheit.“ Seine eigene Faszination für den Großvogel stammt ebenfalls aus dieser Zeit. „Als ich Kind war, waren die Tiere noch Teil des dörflichen Lebens. In meiner Heimat Schaumburg-Lippe saß auf jedem zweiten Dach ein Storch.“ Seine Stimme hat einen Unterton: Ist es Sehnsucht?

Und auch in hiesigen Gefilden zeugen historische Fotos von der Präsenz Adebars. 1934 zählte man noch rund 9000 Horstpaare in Deutschland. Ab den 1950er-Jahren ging ihre Zahl zurück – bis sie vielerorts verschwunden waren. Doch „in den Gefühlen und der Seele der Menschen blieben sie“, meint Linde und spricht dabei nicht nur über sich selbst.

„Das ist ein imposanter Vogel“, begründet er die Faszination Storch weiter. „Einer der wenigen Großvögel, die so nah am Menschen leben.“ Und nicht zuletzt gilt er als Glücks- weil Kinderbringer: Die Sage vom Anlieferer des Nachwuchses ist verbreitet im germanischen Sprachraum. Ein Hinweis hierauf ist sein Zweitname: Meister Adebar. Ursprung der Bezeichnung könnte das Wort „auda“ sein, was für „Heil, Glück“ steht und „bera“ (bringen, gebären). „Die Tiere stehen für Reinheit“, sagt Linde. Dabei seien sie – rein ästhetisch – auf den ersten Blick oft schmuddelig und nur selten so strahlend weiß wie auf Fotos.

Dem Hunger nach störchlicher Nähe tun leere Nestofferten keinen Abbruch: Die Begeisterung grassiert deutschlandweit, sagt der überregionale Storchenexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut im schleswig-holsteinischen Bergenhusen, das sich allein der Erforschung dieser Tiere verschrieben hat. Er hält den Vogel für das „Symbol einer heilen Welt“, dazu noch für einen Frühlingsboten. „Man freut sich, wenn die Störche nach dem Winter aus dem Süden zurückkehrten.“ Auch umwabere mancher Aberglaube die staksigen Vögel: Ein Nest auf dem Dach schütze vor Blitzschlag oder sorge für eine gute Ehe.

Nun wird so manches Haus vom Blitz getroffen und manche Ehe steht unter keinem guten Stern. So kommt es, dass mehr Nisthilfen errichtet werden, als es Störche gibt, die sie nutzen könnten, meint Thomsen schmunzelnd. Für den Vertreter des Institutes, das zum Naturschutzbund Deutschland gehört, haben die Tiere noch eine weitere Bedeutung. „Der Weißstorch ist eine Flagschiffart.“ Das heißt, über seinen Schutz lassen sich auch viele andere Tiere erhalten, die im gleichen Biotop leben, dem Feuchtgebiet oder der Flussaue. Bei Feuchtwiesen können das bis zu 2000 Arten sein, so Thomsen. Störche stünden immer noch auf der Roten Liste als gefährdete Art, auch wenn sich der Bestand hierzulande mit 4000 Paaren stabilisiert habe.

Den Schutz und die Fürsorge der Menschen kann Ciconia ciconia, so sein lateinischer Name, also gut gebrauchen. Schließlich, so Thomsen, sei die drastische Veränderung seiner Lebensräume weiterhin ein Problem: Vielerorts werde beispielsweise Grünland zu Mais umgebrochen oder Flüsse ausgebaut. Im Falle oberirdischer Stromleitungen habe der Gesetzgeber Abhilfe geschaffen, so Thomsen: Bis 2012 müssen alle gefährlichen Masten von den Stromversorgern entschärft werden.

So kommt es, dass Linde sagt: „Grundsätzlich kann es eigentlich nicht genug Nisthilfen geben. Es ist ein Glücksfall, wenn ein Storchenpaar sich niederlässt und brütet. Und es wäre doch toll, wenn in der Gegend ein kleiner Schwerpunkt entstünde.“ Auch wenn der Hobby-Fotograf sich bei seiner Motivwahl inzwischen einem anderen, weniger umworbenen Vogel zugewandt hat: „Fototechnisch geben mir Kraniche derzeit mehr.“ Doch seine Reaktion, wenn er den auffälligen Tieren begegnet, hat sich nicht geändert: „Ich freue mich einfach, wenn ich sie sehe.“ Damit scheint er nicht allein zu sein.

Von Erik Westermann

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