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Chancen aus Zeit der Grenzöffnung sind noch da

20 Jahre Grenzöffnung Chancen aus Zeit der Grenzöffnung sind noch da

 In der Nacht des 9. November 1989 fiel die innerdeutsche Grenze. Das Ereignis hat die Welt verändert und ist für die Menschen der Region mit Erinnerungen verbunden. In einer Serie stellt das Tageblatt ihre Erlebnisse und prägenden Eindrücke aus der Zeit der Grenzöffnung vor. Teil 6: Führungskräfte der Firma Otto Bock.

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 300 000 Quadratmeter Industriefläche: Früher in Randlage, heute mitten in Deutschland, liegt die Firmen-Zentrale von Otto Bock.

Quelle: BB

Duderstadt. Unter den Wirtschaftsunternehmen ist Otto Bock der größte Gewinner der Wiedervereinigung.“

Diesem absoluten Urteil von Hausarchitekt Adolf Stender, über Jahrzehnte eine prägende Figur der Firmengruppe, mag sich der Eigentümer und Chef des Unternehmens, Hans Georg Näder, nicht anschließen. Er formuliert: „Wir haben extrem von der Wiedervereinigung profitiert.“ In der Gesprächsrunde zu den schicksalhaften Tagen vor 20 Jahren wird das schnell deutlich.

Nein, diese Erfolgsgeschichte lasse sich nicht verallgemeinern, räumt Näder ein. Er sagt aber auch: „Alle, die die Chance erkannt haben, sind nachhaltig erfolgreich.“ Unausgesprochen bleibt der Nachsatz: Wer nörgelt, hat diese Chance nicht genutzt.

An der Runde nehmen neben Näder und Stender noch Albert Schäfer von der Personalabteilung und Rüdiger Herzog aus dem Bereich Unternehmenskommunikation teil. Diese Zusammensetzung ist nicht zufällig. Neben dem Konzernchef, der im Vereinigungsjahr 1990 die Firmenleitung von seinem Vater Max Näder übernommen hat, steht Stender für den Auf- und Ausbau der Infrastruktur des Unternehmens.

Schäfer hat die Personalentwicklung mit gestaltet, kennt den im Unternehmen viel beschworenen „Faktor Mensch“. Und Herzog weiß um die Außenwirkung des Mittelständlers, hat Otto Bock als Journalist beobachtet und sich später in den Dienst des Weltmarktführers gestellt.

60 000 Ost-Mark im Ofen

Den 9. November 1989 haben sie unterschiedlich erlebt. „Als die Meldung über die Öffnung der Grenze im Radio kam, war ich gerade im Auto von Duderstadt nach Fuhrbach unterwegs. Dann war Vater am Telefon.“ Er solle schnell zurückkommen. Die nächsten Stunden habe die Familie vor dem Fernseher verbracht. „Später haben wir dann den Löwen aufgemacht“, erzählt Näder weiter. In dem Hotel auf der Duderstädter Marktstraße sei das Bier für eine Ost-Mark verkauft worden.

Ein Schuhkarton voll sei in den nächsten Tagen zusammen gekommen, 60 000 Ost-Mark. Der Karton sei an Weihnachten in den Ofen geschoben worden. Ein symbolischer Akt, ungewöhnlich für seinen sonst eher sparsamen Vater, erzählt Näder.

„Ich war in London“, reagiert Stender auf die Frage, wie er die Nacht der Grenzöffnung erlebt habe. Er sei mit einem mulmigen Gefühl in die britische Hauptstadt geflogen: „Die Situation war ja schon so komisch.“ Er sei am frühen Morgen nach Frankfurt zum Flughafen gefahren und abends früh ins Bett gegangen.

„Am nächsten Morgen mache in den Fernseher an und sehe in der BBC Leute auf der Berliner Mauer sitzen“, berichtet Stender. Bei einer Besprechung am Abend habe der Otto-Bock-Geschäftsführer in London dann prophezeit: In einem Jahr sei Deutschland wiedervereinigt. „Der war Ire und sehr für Freiheit“, so Stender.

Schäfer hatte es am 9. November 1989 mit Mauern anderer Art zu tun. Er habe den Tag auf der Baustelle seines Hauses in Duderstadt verbracht. Erst spät habe er in den Nachrichten von der Grenzöffnung gehört und den Rest des Abends vor dem Fernseher verbracht.

„Ich kam vom Training und habe in der Tagesschau den Schabowski-Satz gehört“

Herzog, damals Redakteur beim Göttinger Tageblatt, hat ebenfalls aus den Nachrichten vom Mauerfall erfahren. „Ich kam vom Training und habe in der Tagesschau den Schabowski-Satz gehört“, beschreibt er. Danach habe er ein Wechselbad der Gefühle erlebt. „Sensation“, sei seine erste Reaktion gewesen.

Dann Bedenken: Halten die Russen still? Schließlich habe er es spannend gefunden, als der Madsack-Verlag sich entschlossen habe, eine Redaktion im Obereichsfeld aufzubauen und sei dann dabei gewesen.

Für das Unternehmen seien Grenzöffnung und Wiedervereinigung ein enormer Schub gewesen. Ein neuer Markt sei entstanden. „Der Umsatz hat sich im Jahr nach der Grenzöffnung um ein Fünftel erhöht. Da sind alte, gute Kundenbeziehungen wieder aufgelebt“, erklärt Näder.

Wie sein Unternehmen profitiert hat macht der Konzernchef aber vor allem an den Menschen fest. Heute stamme ein großer Teil der Mitarbeiter am Standort Duderstadt aus Thüringen. „Das bedeutet: Die Entwicklung am Standort Duderstadt wäre ohne die Fachkräfte aus dem Obereichsfeld nicht möglich gewesen“, bringt es Näder auf dem Punkt.

In der Mitte Deutschlands

Der Nachwuchs an qualifiziertem Personal sei in den Vorwendejahren ein wunder Punkt gewesen, erläutert Stender: „Aus West-Deutschland wollte doch kein Mensch nach Duderstadt kommen.“ Heute liege die Stadt in der Mitte Deutschlands. Zudem sei die Ausbildung der ostdeutschen Fachkräfte besser als die im Westen.

Das gelte für die schulische Grundbildung, wie Näder anführt, und speziell für die Orthopädietechnik, merkt Stender an. „Wir haben schon 1989 die ersten Bewerber aus Ostdeutschland eingestellt“, berichtet Schäfer. Die Ansprache bei den Bewerbungen sei „sehr intensiv“ gewesen, so Näder. „Ich hatte noch nie Gänse in der Post und noch nie ganze Familien beim Bewerbungsgespräch“, erzählt er.

Neben dem Personal hätten sich aber weitere Aspekte positiv für Firma und Standort ausgewirkt. 300 000 Quadratmeter Industriefläche, vor 1989 in Randlage und nahezu ohne Wert, lägen heute verkehrsgünstig mitten in Deutschland, führt Näder an. Und: „Für uns haben sich viele Dinge, die wir aus dem Bauch heraus entschieden haben, als goldrichtig erwiesen.“

Als Beispiel nennt er den Neuerwerb des 1948 entschädigungslos enteigneten Stammsitzes der Firma in Königsee. „Das war eine Entscheidung für unser altes Eigentum, im Vertrauen auf Wachstum – aber ohne Plan“, so Näder. Wie mühsam das war, wird deutlich, wenn Stender von den Schwierigkeiten bei der Umsetzung berichtet. Er zeigt Bilder vom desolaten Zustand des Industriekomplexes und vom schließlich erfolgten Umbau.

Emotionen und Bindungen

„Eine pure Bauchentscheidung“, sagt Näder da noch einmal zu diesem Beispiel. Aber gerade solche Entscheidungen hätten Emotionen geweckt und Bindungen geschaffen, merkt Herzog an. Wirken diese Emotionen noch nach? Sind die Faktoren, die für Otto Bock nach der Grenzöffnung Wachstum ermöglicht haben, noch aktuell? „Schauen Sie sich um“, antwortet Näder .

Noch immer kämen Facharbeiter aus dem Obereichsfeld nach Duderstadt. Noch immer gebe es die Nachfrage aus Osteuropa. Noch immer werde die Infrastruktur weiter ausgebaut. Und: „Die Stimmung ist noch immer gut, das spürt man“, sagt Näder. „Und wir sind mittendrin.“

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