Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
„Das ist die Nachricht des 20. Jahrhunderts“

20 Jahre Grenzöffnung „Das ist die Nachricht des 20. Jahrhunderts“

In der Nacht vom 9. auf den 10. November fiel die innerdeutsche Grenze. Das Ereignis hat die Welt verändert und ist für die Menschen der Region mit vielen Erinnerungen verbunden. In einer Serie stellt das Tageblatt Erlebnisse und prägende Eindrücke aus der Zeit der Grenzöffnung vor. Heute: Hubert Wosnitza, damaliger Stadtbrandmeister Duderstadts.

Voriger Artikel
„Zuerst haben wir das gar nicht geglaubt“
Nächster Artikel
Die Wiedervereinigung vor 20 Jahren als Film

Die Ziegelei in Zwinge brennt: erster deutsch-deutscher Lösch-Einsatz mit schwerem Atemschutz.

Quelle: EF

Duderstadt. Das ist die Nachricht des 20. Jahrhunderts“, dachte Hubert Wosnitza, als er am Abend des 9. November 1989 die Pressekonferenz mit Günter Schabowski im Fernsehen verfolgte. Welche Folgen die Worte des SED-Politbüromitgliedes hatten, sah der damalige Stadtbrandmeister am nächsten Morgen. „Überall in Duderstadt begegneten mir Trabis“, erinnert sich Wosnitza, der daraufhin zum Grenzparkplatz nach Gerblingerode fuhr. Dort standen jede Menge Fahrzeuge der DDR-Automarke und viele junge Leute in Arbeitskleidung. „Die haben immer wieder gefragt, ob sie schon im Westen sind.“

Nach einem Anruf des damaligen Stadtdirektors Wolfgang Nolte habe die Feuerwehr alle Kräfte aus Duderstadt und den Ortswehren in Bewegung gesetzt, um zu helfen, blickt der heute 75-Jährige zurück. Aufgabe für die Helfer war das Lenken der Verkehrsströme. „Wir Feuerwehrleute kennen schließlich jede Gasse“, unterstreicht Wosnitza, der nicht ohne Stolz darauf verweist, dass es keinen Unfall beim ersten großen Ansturm der Verkehrsteilnehmer aus dem Osten gegeben habe. Wegen des „Trabi-Dunstes“ durften die Feuerwehrleute nur jeweils eine Stunde an den Ampeln stehen.
Wosnitza erinnert sich auch an spektakuläre Einsätze. Mit Blaulicht und Martinshorn holten die Einsatzkräfte einen Lastkraftwagen mit Südfrüchten aus dem Stau zwischen Obernfeld und Mingerode und begleiteten ihn zu einem Supermarkt nach Duderstadt, wo die entsprechenden Lebensmittel ausverkauft waren. Auf ähnliche Weise begleitete die Feuerwehr auch einen Tanklastwagen zu einer Tankstelle nach Duderstadt.

Immer wieder besuchten Feuerwehrleute aus dem Obereichsfeld ihre Kameraden in der Duderstädter Feuerwehrzentrale. Hier wurden sie mit Kaffee und Kuchen empfangen. Die ostdeutschen Feuerwehrleute revanchierten sich mit einer Gegen-Einladung.
Zwei Tage später, am Neujahrsmorgen, gab es den ersten deutsch-deutschen Einsatz. Den Zoll am Grenzübergang Gerblingerode-Teistungen hatte ein telefonischer Hilferuf des diensthabenden Majors der DDR-Grenztruppe erreicht, dass die Ziegelei in Zwinge brenne. Gut 20 Minuten später stand das Tanklöschfahrzeug der Brochthäuser Wehr am Übergang in Zwinge und durfte zunächst nicht passieren, bis der Major die Helfer durchließ. Die Zollbeamten hatten gleich nach dem Anruf die Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr in Göttingen verständigt. Einsatzleiter Ralf Niebling hatte sich beim Bundesgrenzschutz rückversichert, ob die westlichen Wehren helfen dürfen. Dann ging alles ganz schnell.

Gemeinsam gelöscht

Die Feuerwehrmänner aus Brochthausen trafen noch zehn Minuten vor ihren Zwinger Kollegen an der Brandstelle ein. Gemeinsam mit Zwinger Bürgern brachten die Brochthäuser Gasflaschen in Sicherheit und verhinderten eine schlimmere Explosion. In der DDR war inzwischen Großalarm ausgelöst worden. Feuerwehren aus Bischofferode und Worbis rückten an. Seite an Seite brachten die Feuerwehrleute beim ersten deutsch-deutschen Brandeinsatz nach einer Stunde das Feuer unter Kontrolle. Dankbar nahmen die rund 40 Feuerwehrmänner aus der bundesdeutschen Nachbarschaft die Einladung des Zwinger Bürgermeisters zum Frühstück im Dorfgasthaus an. Ein Thema bei dem sonst geselligen Beisammensein: die Möglichkeiten künftiger Zusammenarbeit.

Nach und nach bauten sich Freundschaften zwischen Wehren auf. Einzige gemeinsame Großveranstaltung sind die Wettkämpfe um den Eichsfeldpokal, die zuletzt in Mingerode stattfanden. Die Zahl der Wehren, die hieran teilnehmen, wird allerdings immer kleiner. Generell sei, so Wosnitza, in Feuerwehrkreisen die Euphorie aus den Wochen nach der Grenzöffnung verflogen: „Wir haben uns wieder ein bißchen voneinander entfernt.“

Von Axel Artmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Anzeigenspezial

Informieren Sie sich über das aktuelle Fußballgeschehen in Göttingen und aller Welt.  mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt