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Deutsch-deutsche Ehen halten seit 20 Jahren

20 Jahre Grenzöffnung Deutsch-deutsche Ehen halten seit 20 Jahren

In der Nacht des 9. November 1989 fiel die innerdeutsche Grenze. Das Ereignis hat die Welt verändert und ist für die Menschen der Region mit Erinnerungen verbunden. In einer Serie stellt das Tageblatt ihre Erlebnisse und prägenden Eindrücke aus der Zeit der Grenzöffnung vor. Teil 1: die Duderstädter Standesbeamtin Sabine Holste-Hoffmann.

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„Sie sahen aus wie Leute, die nicht dahin gehören“

Sabine Holste-Hoffmann heute und vor 20 Jahren als Standesbeamtin (unten): „Schon wenige Monate nach der Grenzöffnung habe ich die ersten deutsch-deutschen Paare getraut“.

Quelle: OT

Duderstadt. Am Abend des 9. November ‘89 war ich mit Hans-Dieter Dethlefs zu einer Premiere im Landestheater Detmold“, erzählt Sabine Holste-Hoffmann. „Auf der Rückfahrt haben wir uns im Auto unterhalten und kein Radio gehört, wir wussten von nichts.“ Um so größer sei für die beiden Vertreter der TKV (Theater- und Konzertvereinigung Duderstadt) die Überraschung gewesen, als ihnen auf dem Weg nach Duderstadt immer mehr Trabbis begegnet seien.

Zu dem Zeitpunkt herrschte in der Brehmestadt bereits Ausnahmezustand. Nachdem Günter Schabowski um 19.30 Uhr des 9. November in der DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera verkündet hatte, dass „die ständige Ausreise über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD, beziehungsweise West-Berlin“ ab sofort erfolgen könne, machten sich tausende DDR-Bürger auf den Weg, um die Gültigkeit einer solch unglaublichen Aussage zu überprüfen und den Westen zu besuchen.

„Die Grenze ist auf“

Dieses historische Ereignis überrollte auch Duderstadt völlig unerwartet, und die beiden TKV-Vertreter stießen ahnungslos dazu. „Ich habe das Autofenster herunter gekurbelt und Passanten gefragt, was hier los sei. Die riefen alle ,Die Grenze ist auf‘, und ich dachte, die machen Witze“, erinnert sich Holste-Hoffmann.

Dass es kein Witz war, merkte sie als Mitarbeiterin der Stadtverwaltung sehr schnell. „Alle Verwaltungsbeamten wurden nachts zusammengetrommelt, weil an hunderte Menschen Begrüßungsgelder zu verteilen waren. Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet. Aber verschlafen wollte dieses Ereignis sowieso niemand“ berichtet sie. „Wir waren tief beeindruckt, die ganze Stadt war wie in einem Taumel. Ich habe nie etwas vergleichbar Emotionales erlebt“, beschreibt sie die überwältigenden Gefühle jener Nacht. „Meine Kollegen haben mich zeitweise raus geschickt zum Kaffeekochen, weil ich so mitgerissen war, dass mir dauernd die Tränen liefen“, schmunzelt sie bei der Erinnerung.

Damals war Holste-Hoffmann hauptsächlich als Standesbeamtin tätig. Bald sei ihr aufgefallen, dass die Wiedervereinigung nicht nur auf staatlicher Ebene stattfand, sondern auch im zwischenmenschlichen Miteinander. „Schon wenige Monate nach der Grenzöffnung habe ich die ersten deutsch-deutschen Paare getraut. Ich wunderte mich über die relativ kurze Kennlernphase, aber die meisten Paare von damals sind heute immer noch zusammen“, berichtet sie.

Niemals daran geglaubt

Die Frage, ob sie damals den Mauerfall aufgrund der vorangegangenen politischen Ereignisse erahnt habe, verneint sie strikt: „Ich gebe zu, niemals an die Wiedervereinigung geglaubt zu haben. In Duderstadt hatte man die Grenze immer vor der Haustür. In meiner Generation kannte man das nicht anders.“

Lächelnd erinnert sich Holste-Hoffmann an ihre Kindheit. Ihre Mutter führte in der Apothekenstraße einen Laden für Sämereien und Schlachteartikel. Oft sei sie Zeugin gewesen, wie die Mutter DDR-Rentnern, die den Westen besuchen durften, dabei half, Wurstpelle um den Leib zu schnüren. Darin wurden dann Zutaten für die Hausschlachtung über die Grenze geschmuggelt.

Später sei die Standesbeamtin während ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Stadtführerin oft mit Reisegruppen am Zaun gewesen. „Da bin ich bestimmt tausendmal von den Grenzposten fotografiert worden. Als ich später tatsächlich mal mit meiner Ente in die DDR fahren wollte, haben die mein Auto total auseinander genommen. Vielleicht wurde ich für einen Spion gehalten, weil ich so oft auf den Fotos war“, lacht sie heute über die Strapazen der damaligen Kontrolle durch DDR-Grenzer.

„So etwas gab es nie wieder“

Auf die Frage nach ihrem eindruckvollsten Erlebnis aus der damaligen Zeit, muss sie nicht überlegen: „Die Nacht vom neunten November! Sowas gab es nie wieder“, stellt Holste-Hoffmann klar. Aber gleich an zweiter Stelle komme das gute Gefühl, mit ihrer Ente endlich auch mal andere Autos überholen zu können. „Die Trabbis waren noch langsamer auf der Autobahn“, schmunzelt die Beamtin. Allerdings sei die Luft in Duderstadt wegen der vielen Trabbis monatelang voller Abgase gewesen.

Ihr persönliches Resümee nach zwanzig Jahren Wiedervereinigung: „Für den Osten und den Westen gab es seitdem nicht nur Vorteile, aber für den Osten wiegt die Freiheit und das Gefühl, nicht mehr in Angst leben zu müssen, alle Schwierigkeiten und alles Negative auf. Für den Westen wünsche ich mir etwas mehr von der Solidarität des 9. November ‘89.“

Von Claudia Nachtwey

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