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Fünf Millionen D-Mark im Trabbi transportiert

20 Jahre Grenzöffnung Fünf Millionen D-Mark im Trabbi transportiert

In der Nacht vom 9. auf den 10. November fiel die innerdeutsche Grenze. Das Ereignis hat die Welt verändert und ist für die Menschen der Region mit vielen Erinnerungen verbunden. In einer Serie stellt das Tageblatt Erlebnisse und prägende Eindrücke aus der Zeit der Grenzöffnung vor. Teil 3: Erich Heckerodt und Cornelia Kurth-Scharf von der Volksbank Eichsfeld-Northeim.

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Endlose Schlangen: Begrüßungsgeld wird ausgegeben.

Quelle: EF

Duderstadt. In der Nacht zum 10. November 1989 war ich auf einer Silberhochzeit. Da haben wir weder im Fernsehen noch im Radio etwas mit verfolgt“, erinnert sich Erich Heckerodt, Bereichsleiter Firmenkundenbetreuung und Prokurist der Duderstädter Volksbankfiliale. „Zwar erzählte dann jemand, die Grenze sei auf, doch das glaubte ich nicht.“

Dass in dieser Nacht tatsächlich ein historisches Ereignis stattgefunden hatte, erkannte der Nesselröder am nächsten Morgen, als durch den Natheort hunderte von Trabbis fuhren. Inzwischen hatte die Volksbank in Duderstadt ab 9 Uhr ihre Schalter geöffnet, um das Begrüßungsgeld an die vielen DDR-Bürger zu verteilen, die sich in Schlangen von ein paar hundert Metern vor dem Bankgebäude in der Marktstraße aufgereiht hatten.

„105 D-Mark erhielt jeder, 100 Mark vom Staat und fünf Mark vom Landkreis Göttingen. Doch dem Landkreis wurde das nach dem ersten Wochenende zu teuer, dann gab es für jeden nur noch 100 Mark“, weiß der Banker noch.

Schönste Zeit

Die darauf folgenden Wochen bezeichnet Heckerodt als die schönste Zeit seines Lebens, sowohl beruflich als auch emotional: „Man musste viel improvisieren, es gab ja keinen Plan für so ein Ereignis. Wir haben täglich bis zu 14 Stunden gearbeitet, aber man war so sehr in diesem Taumel, dass die Belastung niemandem etwas ausmachte.“ Er beschreibt auch die Ausnahmesituation anhand der nicht kontrollierbaren Auswirkungen: „Es war unmöglich, bei jedem DDR-Bürger zu prüfen, ob wirklich die Oma im Auto wartete. Wer einen gültigen Personalausweis vorzeigen konnte, bekam das Begrüßungsgeld.“ Heute lacht er: „Niemals in meiner ganzen Laufbahn war es so einfach, von der Bank Geld zu bekommen wie in dieser Zeit.“

Auf die Frage nach einem unvergesslichen Erlebnis fällt Heckerodt sofort der Mann ein, der ein paar Wochen nach der Grenzöffnung 600 D-Mark zurückgeben wollte. „In der DDR trat eines Tages das Gerücht auf, dass diejenigen Einreiseverbot in den Westen bekämen, die mehr als 100 Mark Begrüßungsgeld abgeholt hätten. Der gute Mann hatte Angst bekommen und brachte das Geld zurück.“ So habe man die 600 Mark wieder auf den Stapel gelegt und neu verteilt.

Cornelia Kurth-Scharf, Marketingleiterin der Volksbank Eichsfeld-Northeim, beschreibt ähnliche Eindrücke und Gefühle. Zwar war sie im November `89 hochschwanger und bereits im Mutterschutz, doch als die Volksbank sich mit der DDR-Bank BHG (Bäuerliche Handelsgemeinschaft) nach der Währungsunion im Juli 1990 zusammentat, war sie sofort dabei. „Man kannte eigentlich gar kein Bankgeschäft in der DDR, es gab nur ein Buchungszentrum und ein Sparbuch.“

Kunden sind geblieben

Gern erinnert sie sich auch an die erste Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem Osten, die mit großem Eifer dabei waren, sich mit dem modernen Bankwesen vertraut zu machen. „Es war genau die richtige Entscheidung für die Volksbank, sofort nach der Grenzöffnung auch für die DDR-Bürger da zu sein. Die Existenzgründungen boomten und die Menschen vertrauten uns.“ Das bestätigt Heckerodt: „Die meisten neuen Kunden von damals haben wir heute noch.“

Auch die Sicherheitsvorkehrungen hätten sich in dieser Zeit im Ausnahmezustand bewegt, erklärt der Prokurist. Lächelnd berichtet er von dem Kollegen, der nach der Währungsunion im Trabbi zur Zentralbank nach Weimar fuhr, um Bargeld abzuholen – Fünf Millionen D-Mark. „Das hat der öfters gemacht. Der hatte gar keine Angst“, lacht auch Kurth-Scharf bei der Erinnerung an die ungewöhnlichen Folgen der historischen Ereignisse von 1989.

Von Claudia Nachtwey

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