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„Zuerst haben wir das gar nicht geglaubt“

20 Jahre Grenzöffnung „Zuerst haben wir das gar nicht geglaubt“

In der Nacht des 9. November 1989 fiel die innerdeutsche Grenze. Das Ereignis hat die Welt verändert und ist für die Menschen der Region mit Erinnerungen verbunden. In einer Serie stellt das Tageblatt ihre Erlebnisse und prägenden Eindrücke aus der Zeit der Grenzöffnung vor. Teil 4: der ehemalige Leinefelder Kaplan Heribert Wetter.

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Zeugnisse der Geschichte: Heribert Wetter blättert in Zeitungen und Unterlagen aus der Wendezeit.

Quelle: Straubel

Duderstadt. Zu den Wegbereitern der friedlichen Revolution in der DDR gehörte in besonderem Maße die Kirche – speziell im katholischen Eichsfeld. Zu den Geistlichen, die dem Widerstand Worte verliehen, die sich offen gegen den Unrechtsstaat stellten und die dafür sorgten, dass der Protest der Bevölkerung gegen das SED-Regime friedlich blieb, gehörte auch der damalige Leinefelder Kaplan Heribert Wetter.

Bereits zum Ende des Sommers 1989 stellte sich Wetter in offene Opposition zur Obrigkeit setzte sich in seinen Predigten für die Freilassung von fünf Mitbürgern ein, die auf der schwarzen Liste der Stasi gestanden hatten und verhaftet wurden. Doch das war erst der Anfang. Wetter erinnert sich: „Bereits Anfang September habe ich ein Plakat in unser altes Pfarrhaus gestellt, das die Aufschrift „Forum“ trug. Dabei stand F für Fragen, O für Offenheit, R für Reformen, U für Umwelt und M für Meinung“. 
Das blieb nicht ohne Wirkung: Weitere Treffen der Aufständischen wurden vereinbart, und so kam es am Donnerstag, 19. Oktober 1989, erstmals zu einem größeren Treffen im Jugendraum des Pfarrhauses, der die Gäste aber gar nicht fassen konnte. Stetig schwoll die Zahl der Interessierten an. Erst zog man in die Marienkirche um, wo rund 200 Menschen Platz fanden, dann – als auch dort die Plätze nicht mehr reichten – in die große Pfarrkirche Maria Magdalena. Dort versammelten sich letztendlich an die 900 Bürger. 

Tumult vermeiden

Schnell kamen die Anwesenden zur Sache, berichteten von ihren Nöten, von ihren Ängsten und Beschwernissen. Bei sich ständig steigender Erregung gelang es Wetter nur mühsam, einen Tumult zu vermeiden. Gegen 23 Uhr ging die Versammlung – nach einem Umzug zum Rathaus und zur Polizei – nach Hause, nicht ohne sich auf den nächsten Donnerstag wieder zum Treffen zu verabreden. 
Und das geschah dann auch. Die Demonstranten versammelten sich fortan in der Pfarrkirche und zogen von dort gemeinsam mit ihrem Kaplan Wetter zum Zentralen Platz der Stadt, um dort gegen die Staatswillkür zu demonstrieren. Leinefelde war in diesen Wochen zum Zentrum des Widerstands im Eichsfeld geworden. 
Auch am 9. November 1989 versammelte man sich wieder auf dem zentralen Platz Leinefeldes, um dort eine Kundgebung abzuhalten. Doch dieser Abend endete anders. Wetter erinnert sich: „So gegen 22 Uhr kamen zwei Jugendliche zu uns auf den Platz und riefen ‚Die Grenze ist auf‘. Zuerst haben wird das gar nicht geglaubt, aber die beiden berichteten, sie seien mit ihren Mopeds zur Grenze gefahren, wobei sie an einer riesigen Schlange von Autos vorbei gekommen seien, deren Insassen alle nur eins wollten: rüber nach Duderstadt“

Radio eingeschaltet

Voller Zweifel machte sich Wetter an diesem Abend nicht mehr in Richtung Grenze auf den Weg, sondern besuchte ein Wirtshaus in Leinefelde, ging dann nach Hause und schaltete das Radio ein. Da berichtete der Deutschlandfunk live über den Fall der Mauer. Nun glaubte auch Wetter, dass das Unfassbare geschehen war. Am darauf folgenden Sonntag machte er die Probe aufs Exempel und startete in Richtung Duderstadt, besuchte dort den Bruder des Duderstädter Bürgermeisters Wolfgang Nolte, Gisbert Nolte. Beide Männer hatten sich bei einem Seminar in Sonnenberg kennen gelernt. 
Heute lebt Wetter, der die klerikale Laufbahn aufgegeben hat, heiratete und einen neuen Beruf im sozialen Bereich beim Landkreis Göttingen fand, in Langenhagen. Er ist mittlerweile Vater von zwei Kindern.

Von Sebastian Rübbert

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