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160 Jahre alte Buche fällt im Goldhagen

Morgens um 10 Uhr im Eichsfeld 160 Jahre alte Buche fällt im Goldhagen

Nie zuvor erfreute sich Holz einer so großen Nachfrage. Sei es als Brennstoff für die immer beliebter werdenden Öfen und Kamine jeglicher Art, als Baustoff für die im Trend liegenden Holzhäuser, als Exportschlager für China oder in den klassischen Bereichen wie Möbelverarbeitung und als Industrieholz. Auch im Eichsfeld wird seit Jahrhunderten Forstwirtschaft betrieben und Holz geschlagen.

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Fällkerbe an der richtigen Stelle: Per Motorsäge setzen Klemens Kücking (l.) und Matthias Diedrich den ersten Schnitt.

Quelle: OT

"Im Goldhagen" nennt sich das Waldstück zwischen Nesselröden und Werxhausen. Da es die Nacht hindurch geregnet hat, steigt an diesem Morgen um 10 Uhr die Feuchtigkeit aus dem schweren, teils schlammigen Waldboden. Die Kronen der Bäume sind noch kahl, aber die Vögel bezwitschern schon das Ende des lauen Winters. Grün sind bisher nur die Wipfel der spargeligen jungen Fichten, die den betörenden Duft von Harz und Nadeln abgeben. Ein Trecker mit Anhänger wartet auf eine der letzten Holzladungen für diese Saison, die aber erstmal erarbeitet werden muss.

Klemens Kücking und Matthias Diedrich bringen in ihren orangefarbenen Sicherheitswesten und Helmen grelle Farben in den Wald. Sie haben ihre Vorgehensweisen miteinander besprochen und planen, wo die ausgewählte Buche niederfallen soll. Diedrich kann bereits auf einezwanzigjährige Berufserfahrung zurückbicken. "Zu 90 Prozent kann man bestimmen, wo der Baum hinstürzt, aber es gibt auch mal Abweichungen bis zu 45 Grad", so der Holzfäller. Daher versteht sich stetige Vorsicht von selbst. Forstrevierleiter Klaus Petersen bestätigt: "Das ist ein gefährlicher Beruf. Hin und wieder kommt es zu Unfällen, auch bei erfahrenen Leuten. Da kann ein Ast irgendwo hängen bleiben und plötzlich herunter stürzen, oder beim Holzrücken ist ein Fuß dazwischen."

160 Jahre gewachsen

Die eindrucksvolle Buche, die heute gefällt werden soll, steht seit 160 Jahren auf diesem Hang. Noch hebt sie ihre majestätischen Äste über all die jüngeren Bäume und Bäumchen. "Man darf sie nicht zu alt werden lassen", erklärt Reinhard Diedrich, Matthias' Vater und Vertreter der Realgemeinde als Auftraggeber. "Je älter der Stamm, desto größer ist die Gefahr von Verkernung. Das heißt: Das Innere des Stammes bekommt eine rötliche Färbung und lässt sich nicht mehr so gut verkaufen. Außerdem muss der Wald in regelmäßigen Abständen ausgelichtet werden, damit auch die jungen Bäume mal so groß werden wie diese Buche."

Schon heult die Motorsäge und wird an den mächtigen Stamm gesetzt. "Zuerst wird die Fällkerbe eingeschnitten, um die Fallrichtung zu bestimmen. Danach wird von hinten weiter gesägt", erläutert Reinhard Diedrich. "Man muss den Baum vorher genau betrachten. Nur so ist abzuschätzen, wohin er sein Übergewicht verlagert und wo Abweichungen in der Fallrichtung sein könnten."

Die Buche bebt bis in die hohe Krone hinein, als wolle sie sich wehren gegen das, was in ihren dicken Stamm eindringt. Mit dem Beil wird das große Keilstück heraus gehauen, und eine riesige Kerbe zeigt das helle Holz im Inneren des Stammes. In den hinteren Schnitt werden Aluminiumkeile getrieben. Früher seien die aus Eisen gewesen, aber das splittere zu leicht, weiß der Senior. Dann ertönen die warnenden Rufe. Lautes Ächzen, Krachen und Getöse schallt wie ein Schrei durch den Wald. Die gewaltige Krone reißt einige Äste der Nachbarbäume und ein paar kleinere Fichten mit in die Tiefe. Mit einem letzten Schlag schmettert sie in den Waldboden hinein. Trockenes Laub und Holzstücke wirbeln haushoch durch die Luft wie nach einer Explosion. Äste, die eben noch den Himmel berührten, liegen zersplittert zwischen Fichtenzweigen. Für einen Moment herrscht Stille.

Achtung vor Baumriesen

"Einen so großen Baum zu fällen, das berührt immer noch, obwohl wir das schon seit Jahren machen", so Kücking. Auch der Revierleiter bekundet den alten Bäumen seine Achtung: "Das merkt man, wenn so einer fehlt, nachdem man jahrelang um ihn herum gegangen ist und im Sommer seinen Schatten genießen konnte."

Petersen erklärt, dass sich seit den 70-er Jahren viel verändert habe. Früher sei oft Kahlschlag betrieben und dann wieder aufgeforstet worden. Heute setze man auf Naturverjüngung. Die alten Bäume würden herausgenommen, damit die jungen Platz und Licht zum Nachwachsen hätten. Die große Lücke, welche die alte Buche hinterließe, könne nun durch eine andere Baumart - vielleicht Ahorn - gefüllt werden. Auch Holz unterliege Modeerscheinungen. Daher sei ein vielfältiger Mischwald zukunftsträchtig, um auf Dauer mit jeder Holzart dienen zu können und für Schädlinge nicht zu anfällig zu sein.

Matthias Diedrich und Klemens Kücking betrachten die zerborstene Krone. Nun fängt die Arbeit erst richtig an. Das ganze Holz-Durcheinander muss zersägt, aufgeräumt, gestapelt und weggebracht werden. Der mächtige, am Boden liegende Stamm wird später mit einer Seilwinde heraus geholt. Er scheint gute Qualität zu liefern. Bei Rotkern wäre ein Preisverfall bis zu 60 Prozent möglich, so Petersen.

Beeindruckend bleibt, dass der Wald mit der Forstwirtschaft durch Menschenhand beeinflusst wird, aber auch die Menschen, die in ihm arbeiten, scheinen von ihm geprägt zu sein. Einerseits werden die ökonomischen Notwendigkeiten erkannt, andererseits klingt bei allen Beteiligten die Achtung vor der Natur und die sinnvolle Nutzung des Waldes durch.

"Wir planen in anderen Zeitabschnitten. Das hier gilt nicht für eine Saison oder für dieses Jahr. Wir befinden uns immer nur in einem kleinen Ausschnitt des Wirtschaftraumes Wald und müssen für Jahrzehnte vorausschauen", gibt Petersen zu bedenken. "Wenn die jungen Nachkömmlinge dieser alten Buche zu Holz verarbeitet werden, sind wir alle nicht mehr hier."

Von Claudia Nachtwey

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