Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
"Es gibt es keine geraden Stellen am Körper"

Morgens um 10 Uhr im Eichsfeld "Es gibt es keine geraden Stellen am Körper"

Der hohe, breite Tisch ist das Herzstück des Raumes. Darauf stapeln sich schon am Vormittag Papierstücke mit Bleistiftlinien und Berechnungen. Die lassen eher die Arbeit eines Ingenieurs vermuten, statt die einer Schneidermeisterin. Claudia Koch, Inhaberin der Firma Napp-Couture in der Duderstädter Haberstraße, zeichnet die Maße einer Kundin auf die Schnittmuster, die einzelne Teile des Kleides abbilden.

Voriger Artikel
Bunter Sommerdress macht Wintermänteln Platz
Nächster Artikel
Feilenfabrik: "Es könnte gar nicht besser laufen"

Genauigkeit ist Grundvoraussetzung: Claudia Koch ist Spezialistin für maßgeschneiderte Abendroben.

Quelle: Pförtner

Der Stoff ist edel und von hoher Qualität, da würde ein falscher Zuschnitt einen teuren Verlust bedeuten. "Rechnen muss man können", verrät Koch. "Aber noch wichtiger ist die Fähigkeit zum räumlichen Denken. Man muss sich vorstellen, dass dieser Ärmel dreidimensional sein wird, aufgezeichnet wird er zweidimensional."

 

Da die Kundin nicht ständig zur Anprobe zur Verfügung steht, wenn ihre Kleidung maßgeschneidert wird, ist genaues Arbeiten eine Grundvoraussetzung. "Es gibt keine geraden Stellen am Körper, deshalb gibt es auch keine geraden Abnäher", erklärt die Expertin. "Mit meiner Ausbildung muss ich fähig sein, jede Form anzuziehen und auf jede Wölbung einzugehen, egal ob jemand Haltungschäden oder einen dicken Bauch hat."

 

Nach ihrem Fachabitur wollte Koch eigentlich Modedesignerin werden. Für diese Ausbildung lag es jedoch nahe, als Grundlage eine Schneiderlehre zu haben. So hatte sie sich bei der Modedesignerin Erika Knoop in Hannover beworben - und wurde abgelehnt. Das schreckte sie jedoch nicht ab. Sie begann ihre Ausbildung als Industrieschneiderin und bewarb sich trotzdem immer wieder bei Knoop, bis sie schließlich angenommen wurde.

 

Schon damals bot sich in diesem Umfeld die Gelegenheit, ihren Beruf mit künstlerischen Aspekten zu bereichern. "Neben Kostümen für Theater- und Ballettaufführungen haben wir im Knoop-Atelier auch mal Schlittenzelte für eine Arktis-Expedition maßgeschneidert", schmunzelt Koch. An die intensive Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Bereichen erinnert sich die Schneiderin gern, die 1995 ihre Meisterprüfung an der Fachschule für Schnitttechnik in Hamburg absolvierte.

 

Inzwischen hat sie sich auf Abendroben und Hochzeitskleider spezialisiert, näht aber auch Mäntel und Hosenanzüge. Dementsprechend sieht der Vorrat an Stoffen aus. Auf Ständern und Rollen lagern namhafte Designerzwirne in allen Farben und Mustern. Zahlreiche Schubladen bergen dazu passende Schnallen, Knöpfe, Perlen, Ösen und Haken ebenso wie hunderte Garnrollen in allen erdenklichen Tönen.

 

Vertrauensverhältnis

 

Wer bei diesem Angebot verunsichert ist, wird gern beraten. Schon in der Besprechung wird auf besondere Vorstellungen und Wünsche der Kundin eingegangen, manchmal auch abgeraten. "Ich empfehle etwas üppigeren Damen keine weiten Reifröcke, und bei sehr schmalen Kundinnen rate ich zu gerafften Partien, um ein paar Rundungen hervorzuheben", so Koch. Sie legt großen Wert auf das persönliche Vertrauensverhältnis, dass zwischen Schneiderin und Kundin entstehen müsse. Immerhin sehe man das neue Kleidungsstück erst nach der Fertigstellung, und dann solle sich die Kundin sofort darin wohlfühlen.

 

Koch reizen auch ungewöhnliche Herausforderungen. Im vergangenen Jahr hat sie die komplette Kostümierung der St.-Elisabeth-Grundschüler für deren Musical übernommen. Da waren Kreuzritter, Bettelkinder, Mägde und der königliche Hofstaat einzukleiden, um das Leben der Heiligen Elisabeth zeitgenössisch darzustellen. Hier konnte die Schneidermeisterin auch ihr zeichnerisches Talent, ihr Interesse an historischen Gewändern und ihre Fantasie unter Beweis stellen. Zu jeder Rolle wurde die passende Kleidung nach historischen Vorlagen auf Papier skizziert, die Farben bestimmt und dann in endlosen Arbeitsstunden alles zusammengeschneidert.

 

Die Ansprüche der Meisterin gelten nicht nur für teure Hochzeitskleider. "In einem Theaterstück wirkt das ganze Bild erst, wenn auch die Kostüme aufeinander abgestimmt sind", begründet sie ihre Sorgfalt bei dieser ehrenamtlichen Arbeit.

 

Historisch korrekt

 

Dass sie mit ihrem Wunsch nach Authentizität manchmal an Grenzen stößt, hat sie bei dem Barockkostüm erfahren, das ihr Mann Matthias in seiner Rolle als Stadthauptmann trägt. Historisch korrekt wollte sie das aufwändige Gewand komplett in Handarbeit nähen. Doch auch im 17. Jahrhundert hatten Schneidermeister ihre Gehilfen, und so griff sie schließlich doch zur Nähmaschine, um das Werk zu vollenden.

 

Bedächtig legt Koch das Abendkleid aus grauer Seide auf den Schneidertisch und kontrolliert die dazugehörige gemusterte Korsage. Auch hier stand ein historisches Modell Pate, doch kombiniert mit modernen Elementen wird die Trägerin dieser Robe alle Blicke auf sich ziehen.

Von Claudia Nachtwey

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Morgens um 10
Anzeigenspezial

Informieren Sie sich über das aktuelle Fußballgeschehen in Göttingen und aller Welt.  mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt