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„Für jeden wird eine passende Arbeit gefunden“

Morgens um 10 Uhr im Eichsfeld „Für jeden wird eine passende Arbeit gefunden“

Die Kantine der Harz-Weser-Werkstätten wird gerade umgebaut, und so sitzen Thomas Meyer und Tobias Bieschke in einem Zeltanbau und machen ihre Frühstückspause. Die Brote schmieren sich die beiden Bewohner der Duderstädter Wohnstätte der Werkstätten am Kutschenberg morgens am heimischen Frühstückstisch. 

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Schlagbolzen im Visier: Tobias Bieschke sortiert die Kleinteile in Plastiktüten ein.

Quelle: Pförtner

Um fünf vor sieben Uhr geht es los: Ein Bus holt diejenigen der 24 Bewohner, die an diesem Tag zur Arbeit fahren, ab. Einige haben einen so genannten T-Tag, einen Wochenteiler, damit die Belastung nicht zu groß wird.  Der Tag ist lang: Um acht Uhr geht die Arbeit in Osterode los, die Heimfahrt findet gegen 16 Uhr statt, um 16.40 Uhr ist Ankunft in Duderstadt. 

 

Tobias Bieschke arbeitet in der Abteilung für Verpackungen. Nach der Frühstückspause geht er zurück an seinen Arbeitsplatz. Dort wartet eine Kiste mit Schlagbolzen der Firma Bosch, die alle Verpackungsarbeiten für ihr zentrales Ersatzteillager für Heimwerkermaschinen in die Hände der Werkstätten gelegt hat. Bei der Vergabe gilt: Die Qualität und die Kosten der Arbeit müssen auf dem freien Markt bestehen können. Es werden keine Sonderkonditionen ausgehandelt. 

 

An jedem Mittwoch wird die fertig verpackte Ware abtransportiert, auf der Rückfahrt werden die neuen Teile mitgebracht. „Wir wissen vorher nicht, was kommt. Mal sind es ganz kleine Teile, mal große“, erläutert Gruppenleiterin Yvonne Libeau den Ablauf. Die ehemalige Erzieherin hat eine sonderpädagogische Zusatzausbildung absolviert, wie viele der Angestellten, die teils aus Industrie und Handwerk kommen. 

 

Die Aufgabe von Tobias Bieschke ist es nun, die Schlagbolzen einzeln in eine kleine Plastiktüte zu stecken. Jemand anders hat vorher bereits einen Aufkleber mit der Artikelbezeichnung daraufgeklebt, später werden die Tüten verschweißt und zu mehreren gebündelt. Alle Arbeitsschritte werden in möglichst kleine Einheiten zerlegt, erklärt Ute Augat, Referentin für die Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft. Sie fügt hinzu: „Die Arbeitszufriedenheit ist sehr hoch, es gibt nur wenige Krankheitstage. Für jeden wird eine passende Arbeit gefunden.“

 

Zufrieden mit der Arbeit

 

Auch Thomas Meyer ist zufrieden. Er ist der Springer in der Knopfmontage, weil er so vielseitig ist. „Ich mache alles gern, Hauptsache, ich habe Arbeit“, sagt der 38-Jährige. Seit 23 Jahren ist er in Osterode beschäftigt. Heute steht für ihn nicht das Beziehen von feinen Anzug- und Westenknöpfen mit Stoff auf dem Programm, wie bei einigen der hier sitzenden Kollegen, sondern die Montage von kleinen Leuchtstoffröhren für Computer- oder Tankstellendisplays. Ein Zwei-Komponentenkleber, der erst einmal im richtigen Verhältnis gemischt werden muss, wird per Zahn-stocher aufgetragen, ein kleines Plastikhütchen über die Enden der Röhre geschoben. Die Verbindung muss nun trocknen. In einem zweiten Schritt an einem anderen Tag lötet Meyer die Plastikstückchen an den Hütchen zusammen, die den Kontaktdraht in Position halten. „Das ist eine richtige Fummelarbeit. Das können hier nur zwei Mitarbeiter“, sagt Uwe Schrader, der Leiter dieser Gruppe.

 

In der Knopfmontage sind die Tätigkeiten vielfältig: Jemand steckt Batterieteile für Elektrofahrzeuge zusammen, Thomas Borchard prüft mit einer eigens zu diesem Zweck von einem Werkzeugbauer hergestellten Apparatur den Druck eines Einzugsflanschs. Leuchtet der rote Knopf, ist Druck entwichen, und das Teil  ist defekt und muss aussortiert werden. Sorgfältig schaut Borchard sich noch einmal die Dichtungsringe ganz genau an. Später werden die Teile einmal von VW im Autobau verwendet werden. 

 

Meist als Werbeartikel werden hingegen die Kugelschreiber verwendet, die in Osterode in der Kugelschreibermontage hergestellt werden. Wolfgang Jensche bedient die Maschine, die die leeren Plastikhüllen mit einem Schriftzug bedruckt. Von der Druckerei wandern die Teile auf die Tische der Montage. In ein Steckbrett sind die Spitzen gesteckt, da hinein setzen Katrin Kieslich und ihre Kollegen eine Feder, es folgen Hülle, Mine, Oberteil – zusammenschrauben, fertig. Was sich einfach anhört, ist nicht immer leicht zu koordinieren. Zwischen drei und 500 Stück fertigen die Mitarbeiter je nach individuellen Fähigkeiten pro Tag an. 

 

Ein wenig entfernt sitzt wieder in der Knopfmontage Bernhard Dehne. Er überprüft hereingekommene Ware und stanzt aus den Stoffstücken Kreise zum Beziehen der Knöpfe aus. Er kennt sich genau aus, weiß, dass jeder Stoff nur vier Wochen verwendet wird, danach entspricht er nicht mehr der Mode der Saison. Dehne lebt in Duderstadt nicht in der Wohnstätte, sondern eigenständig in seiner Wohnung. Einmal pro Woche kommt die ambulante Pflege bei ihm vorbei. Er arbeitet seit 35 Jahren in den Werkstätten, schon wenige Monate nach deren Öffnung im Mai 1972 hat er dort begonnen. Am Sonnabend steht für ihn ein außergewöhnliches Ereignis an: Er wird seine Kollegin Conny aus der Knopfmontage heiraten. 

 

Rund 100 behinderte Duderstädter arbeiten in Osterode. Nur 24 von ihnen leben in der Wohnstätte, alle übrigen bei ihren Familien, einige allein. „Besonders im Eichsfeld pflegen viele Familien ihre Angehörigen daheim“, so Augat. Die Werkstätten seien dann oft der Ort, wo noch etwas anderes los ist als zu Hause, Kommunikationsort und Kontaktbörse in einem.

Von Tina Lüers

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