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Mit kühlem Kopf bei komplexen Rechtsfragen

Großes Arbeitspensum am Amtsgericht Mit kühlem Kopf bei komplexen Rechtsfragen

Was ist vormittags los im Eichsfeld? In einer Serie besucht das Tageblatt morgens um 10 Uhr Menschen und Orte der Region. Heute: Das Amtsgericht in Duderstadt.

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Unabhängiges Organ und Amtsgericht-Urgestein: Helga Duwe-Pohl zückt seit 45 Jahren ihren Rechtspfleger-Stempel.

Quelle: Tietzek

Beim Eintreten in das weitläufige Gebäude in der Hinterstraße wird sofort klar, dass dies keine normale Behörde ist. Am Empfang grüßen statt einer Sekretärin zwei Wachmänner freundlich. Per Knopfdruck gewähren sie dem Publikum – so werden hier Besucher und Antragsteller genannt – Einlass in Justitias Hallen. Die meisten Eintretenden haben Glück und werden als ungefährlich eingestuft. Manche jedoch müssen ihre Tasche herzeigen oder unter dem Metall-Detektor-Bogen hindurchgehen. Einem Mann, der um 10.02 Uhr das Gebäude betritt, wird tatsächlich ein Pfefferspray abgeknöpft.
Eine der vielen Türen auf dem langen Flur in der ersten Etage führt in das Büro von Daniela Beckmann-Dietrich, Geschäftsleiterin des Duderstädter Amtsgerichts. Seit 1996 ist sie zusammen mit 24 weiteren Beschäftigten in Sachen ordentlicher Gerichtsbarkeit zuständig. Zu dem zirka 45 000 Menschen umfassenden Amtsgerichtsbezirk gehören unter anderem vier Richter, fünf Rechtspfleger und zwei Gerichtsvollzieher.

Bei den ersten zwei Berufsgruppen herrscht im Amtsgericht ein Mangel. „Wir haben hier ein hohes Arbeitspensum, ungefähr ein Viertel mehr als das, was regulär anfallen würde“, sagt Beckmann-Dietrich. Kein Raum also für Vorurteile in Richtung Beamtenstatus. „Wenn ich nachmittags um vier nach Hause fahre, dann liegt das nicht daran, dass ich nichts zu tun habe, sondern daran, dass ich schon um sechs Uhr morgens angefangen habe“, so Beckmann-Dietrich. Das aber sei kein Maßstab für die Arbeit, sondern einzig und allein die Zufriedenheit der Bevölkerung. Null Dienstaufsichtsbeschwerden habe es in zwanzig Jahren hier gegeben.

Einen Grund zur Beschwerde hat offenbar auch ein Angeklagter nicht mehr gesehen und am Morgen noch seinen Einspruch in einer Streitfrage zurückgezogen. Die gewonnene Zeit nutzt Richterin und Direktorin Hannelore Franz, um sich zwischendurch dem Kampf gegen die Aktenberge zu widmen.

Im Sitzungssaal wiederum ist in den verschiedensten Sachgebieten ihr Durchblick gefragt: Zwangsversteigerungen, Familien-, Straf- und Bußgeldsachen gehören dazu. Eine Verhandlung kann gut und gerne einmal bis in die Nachmittagsstunden hinein andauern. Verhandelt werden dabei Streitwerte bis hin zu 100 000 Euro, die zum Beispiel bei Mietzahlungsklagen anfallen können. Manchmal muss Richterin Franz in Zwangsvollstreckungssachen auch einen Haftbefehl herausgeben. „Um Transparenz herzustellen sind die Sitzungen öffentlich. Jeder kann hinzukommen und sich eine Verhandlung anhören. Ausgenommen sind Familiensachen, die sollen privat bleiben“, erklärt Franz.

Rechtspflegerin Helga Duwe-Pohl ist mit 45 Jahren Dienstzeit ein Amtsgericht-Urgestein. Als unabhängiges Organ nimmt sie Anträge auf und lädt zu Anhörungen, bevor sie Recht spricht. „An meiner Arbeit schätze ich die ausgewogene Mischung aus Publikumsverkehr, Entscheidungsbefugnis und Unabhängigkeit“, so Duwe-Pohl. In beinahe einem halben Jahrhundert habe sich aber auch viel verändert: „Viel mehr Leute sind heute bereit, sich vor Gericht zu streiten. Vor allem mit der sich entwickelnden Wirtschaft ist das Recht komplexer und komplizierter geworden. Oftmals habe ich auch mit ausländischen Firmen oder Investoren zu tun, die hier in der Region ein Standbein haben.“ Ein kühler Kopf und eine gute Versicherung sind dabei unerlässlich, denn für ihre Entscheidungen haftet die Rechtspflegerin mit ihrem Privatvermögen.

Im Zimmer schräg gegenüber kümmert sich Kollege André Zinke um Familiensachen. Seine Fälle sind durchaus saisonal bedingt: „Kurz vor den Ferien gibt es mehr Fälle in Sachen Sorgerechtsstreit. Welches Kind fährt mit welchem Elternteil in den Urlaub zum Beispiel. Und nach Weihnachten gibt es mehr im Bereich Scheidung zu tun“, erzählt Zinke. Ein Stockwerk unter ihm hofft in der Grundbuch-Abteilung Ferdinand Kurth vergeblich auf einen Kaffee. „Leider heißt es hier nur Wasser trinken. Kaffeemaschinen sind aufgrund von Brandschutz nicht erlaubt.“

Von neun bis zwölf ist bei Kurth Sprechstunde. Eigentümer oder Personen mit berechtigtem Interesse können Einblick in Grundstücks- und Flurkarten erhalten. „Manchmal kommen ältere Herrschaften, die sehr viel Respekt vor dem Besuch beim Amtsgericht haben und sagen hinterher: War doch gar nicht so schlimm. Oder es kommen Landwirte, die teilweise selbst am besten wissen, was im Grundbuch steht.“

Kurth geht in seiner Arbeit sichtlich auf. Ursache seiner „Grundzufriedenheit“ sei die Teamarbeit mit seinen Kollegen, welche so manchen Ablauf beflügele. „Man geht nach Hause und sagt sich: astrein“, bringt er es auf den Punkt.

Von Anna Kleimann

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