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Staubschicht in Ensemble aus Stahl und Stein

„Morgens um 10 im Eichsfeld“ Staubschicht in Ensemble aus Stahl und Stein

Was ist vormittags los im Eichsfeld? In einer Serie besucht das Tageblatt morgens um 10 Menschen und Orte in der Region. Heute: Das Duderstädter Westerturm-Ensemble.

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Nach Ende der Bauarbeiten wieder für Trauungen geeignet: Der verglaste Schauraum im Westerturm.

Quelle: Tietzek

Die Frühlingssonne flimmert hell über das Kopfsteinpflaster. Die Menschen schlendern Richtung Wochenmarkt. Mancher genießt schon ein Eis oder trifft Bekannte und hält ein Schwätzchen auf der Straße. Es ist Sonnabend. Eigentlich die beste Zeit für einen entspannten Besuch bei einer der Duderstädter Touristenattraktionen: dem Westerturm-Ensemble.

Wir stehen vor der Eingangstür zum Turm, doch die ist verschlossen. Auf einem Plakat an der Tür steht, man solle einen Euro bezahlen in dem Café nebenan. Eine weitere Tafel informiert darüber, dass es sich hier um ein „Kulturdenkmal von besonderer nationaler Bedeutung“ handelt. Wir werden neugierig und versuchen, durch die Scheibe in den dunklen Raum hinter der Tür zu spähen. Da ist ein Treppenaufgang, aber viel mehr kann man nicht erkennen, weil ein großes, nicht zu definierendes Etwas den Blick versperrt. Also gehen wir erst einmal ins Café am Fuß des Turms.

Hier hat Bäcker-Familie Stockfisch schon gut zu tun. Fast alle Tische sind besetzt, Kunden kaufen Brötchen und Kuchen für das Wochenende. Es riecht nach würzigem Kaffee und frischem Gebäck. Inhaberin Charlotte Stockfisch ist die „Hüterin des Tores“. Mit einem elektrischen Türöffner, der sich hinter dem Tresen bedienen lässt, kann sie die Besucher des Denkmals einlassen. „Hier kommen jeden Tag Touristen oder Einheimische, die sich den Turm ansehen. Drei- bis viermal am Tag öffnen wir die Tür im Durchschnitt“, erfahren wir.

Kurz darauf schnarrt der Summer am Eingang zum Westerturm, und wir treten ein. Der Bewegungsmelder funktioniert, es wird hell im Treppenhaus. Das große Etwas hinter der Tür erweist sich als eine riesige Metallwand, die man hier abgestellt zu haben scheint. Wir schielen auf die Baustelle auf der anderen Seite des Westerturms, wo gerade das neue Schützenmuseum entsteht. Vermutlich findet man dort den Zusammenhang. Hier drinnen riecht es feucht und muffig. Die unteren Wände des Treppenhauses zeigen eine großflächige, pelzige Schimmelpilz-Kolonie, der Putz ist an vielen Stellen abgeblättert. Hat man nicht auf der anderen Seite des Turms einen alten Brehmelauf entdeckt? Kommt daher auch diese Feuchtigkeit?

Wir steigen die Betontreppen nach oben bis ins erste Geschoss. Durch eine Tür sehen wir in einen Raum mit hohen Glasvitrinen. Das Schild neben der Tür klärt uns auf: Galerie am Turm. Die Tür ist offen. In dem hellen Raum verbinden sich alte Mauerelemente mit sanierten Flächen zu einem harmonischem Ganzen. Trotzdem haben wir den Eindruck, als sei vor uns lange niemand hier gewesen. Vom Tisch, der in der Mitte des Raumes steht, blättert scheibchenweise das billige Kunststoff-Furnier. Die Farbe der Tischplatte ist unter einer dicken Staubschicht kaum zu erkennen, und klebrige runde Ränder erinnern an abgestellte Getränkeflaschen. Vor einer Glasvitrine sehen wir die Rückseite einer Fußmatte, deren Rand sich bereits auflöst. Die Inhalte der Vitrinen und der ebenfalls eingestaubte hölzerne Schützenvogel sollen an das Duderstädter Schützenwesen erinnern, aber die Schilder mit weißer Schrift im Inneren der Schaukästen sind vor den hellen Steinwänden nur teilweise zu entziffern. Willkommen fühlen wir uns hier nicht und steigen die Treppe weiter nach oben.

Hinter einer gelben Feuerschutztür gelangen wir in einen lichten Raum, der wie eine Terrasse auf der alten Stadtmauer angelegt ist. Das gläserne Dach, gestützt durch eine Stahlkonstruktion, lässt strahlendes Sonnenlicht hinein. Wir blicken über ein Geländer hinunter auf die ehemalige Treppe zum Turm – die ausgetretenen, schmalen und doch hohen Stufen sind heute mit Recht nicht mehr für den Publikumsverkehr geeignet. Der Raum verbindet Offenheit und Geschlossenheit auf faszinierende Weise. Von unten dringen die Geräusche der Straße hinauf, Stimmen, Schritte oder das Klappern von Tellern aus dem Café. Trotzdem sind wir nicht mehr Teil des geschäftigen Treibens. Infotafeln an den Wänden der Stadtmauer zeigen die Geschichte des Turms und die der Stadtbefestigung.

Durch eine weitere Glastür kommen wir in das Innere des Turms. Auch hier empfinden wir die Kombination aus Stahl und Glasplatten in Verbindung mit der alten Bausubstanz, den schweren Holzbalken und Steinwänden, als reizvoll. Von oben bis unten lässt sich durch den Turm schauen, und es bleibt ein Eindruck von Höhe, Baukunst vergangener Epochen und Wehrhaftigkeit einer mittelalterlichen Stadt. Je höher wir die nun recht schmalen Gitterstahltreppen hinauf klettern, desto eindrucksvoller wird der Blick aus den Fenstern. Der Straßenlärm dringt nur noch gedämpft zu uns. Die schräg stehende Frühlingssonne hängt den Passanten unten auf der Straße lange Schatten an. Die Dächer und Türme Duderstadts schimmern im Licht. Je höher wir steigen, desto weiter wird der Ausblick. Schließlich zeigen sich Pferdeberg, Euzenberg und Suhlberg, deren Wälder noch im feuchten Morgendunst liegen, im Hintergrund das Ohmgebirge.

Außer uns hatte niemand so früh an diesem Morgen die Idee, den Westerturm zu besichtigen. Es lohnt sich aber – trotz der Mängel, die dem Wahrzeichen Duderstadts etwas Glanz rauben. Wieder unten angekommen, klärt uns Charlotte Stockfisch auf: „Das Innere des Turms wird regelmäßig gründlich gereinigt, dafür ist die Stadt zuständig. Nur zur Zeit kommt viel Staub und Dreck durch die Baustelle von nebenan. Durch die offenen Fronten zieht das wie ein Sog nach oben.“ Demnächst seien die Bauarbeiter damit beschäftigt, eine Wand zu durchbrechen, um Schützenmuseum und Turm zu verbinden. Also ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich das „Kulturdenkmal von besonderer nationaler Bedeutung“ wieder angemessen präsentieren wird.

Von Claudia Nachtwey

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