Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
„Vieles lässt sich zwischenmenschlich regeln“

„Morgens um 10 im Eichsfeld“ „Vieles lässt sich zwischenmenschlich regeln“

Was ist vormittags los im Eichsfeld? In einer Serie besucht das Tageblatt morgens um 10 Uhr Menschen und Orte der Region. Heute: das Ordnungsamt Duderstadt an einem ganz normalen Montag.

Voriger Artikel
„Für gewöhnlich ist in jeder Schicht etwas los“
Nächster Artikel
Staubschicht in Ensemble aus Stahl und Stein

Im telefonischen Dauereinsatz: Sabine Holste-Hoffmann vom Ordnungsamt der Stadt.

Quelle: Tietzek

Sabine Holste-Hoffmann ist persönlich kein Fan eines reglementierten Alltags oder strikter Bestimmungen, auch nicht morgens um zehn Uhr. „Ich fände es paradiesisch, wenn wir nicht so viele Regeln bräuchten“, sagt die Leiterin des Fachdienstes Gefahrenabwehr und Feuerschutz, vulgo: Ordnungsamt. Über drei Jahrzehnte war sie im Kulturamt, Kunst und Kultur ist ihr Leben – dann kam der Wechsel. Durchaus ein weiter Schritt hin zu „Kot, Katastrophen und Knöllchen“, wie sie sagt.

Diese von ihr beschriebene Bandbreite der drei Ks findet sich schon in den ersten fernmündlichen Gesprächen des Tages wieder. Da geht es von der Beschwerde eines Anwohners wegen fehlender Parkplätze über gefährliche Hunde bis hin zum Ortsbrandmeister, dem Fragen auf der Seele liegen. Sie alle werden mit einer Mischung aus Herzlichkeit, Humor und Interesse behandelt. „Guten Morgen, was verschafft mir die Ehre? Wer benimmt sich nicht anständig?“, wird gefolgt von „Ahh, mein persönlicher Ortsbrandmeister...“; „Hallo Herr..., steht der schon wieder da? Ja. Ja, ich hoffe, wir bekommen bald mehr Personal für den ruhenden Verkehr.“ Der Takt der Telefonanrufe an diesem Morgen erhöht sich stetig bis hin zum telefonischen Dauerfeuer. Holste-Hoffmann seufzt und murmelt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“

Trotz ihres Wunsches: Die Zustände sind schließlich nicht paradiesisch – Holste-Hoffmann und ihre Kollegen müssen es wissen: Denn meist kommen die Ordnungsamtmitarbeiter in Kontakt mit Menschen, weil sich jemand nicht an Vorschriften hält. Und die sind festgeschrieben, in der „Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in der Stadt“ beispielsweise und zahlreichen Gesetzen auf hunderten von Seiten.

Das alles spielt sich in einem typischen Verwaltungsbüro ab, das durch seine Sprödigkeit besticht. Zimmer 13, in dem die 51-Jährige sitzt, die zuvor auch als Standesbeamte tätig war, wird durch uniformes gelblich-fahles Interieur dominiert. Kleine Inseln hat sie sich geschaffen: Die Vase mit Trockenblumen, der Steh-Engel mit freundlichem Kindergesicht, die Kunstdrucke von Dali, die Hochzeitsbänke, auf deren weichen weinroten Kissen erboste Bürger Platz nehmen können. Oft tun sie das, um sich einmal so richtig zu erregen. Es gebe auch Besucher, die kämen täglich und hätten „feste Themen“. Hin und wieder kommt eine der Kolleginnen durch die schmale, mit Holzimitat beklebte Tür, die viel enger ist als die Besuchertür zum Flur, aus dem angrenzenden Büro und fragt etwas.

Nur ein Bürger taucht binnen eineinhalb Stunden dieses Morgens in persona auf: Holste-Hoffmanns Kollegin im Nebenraum gibt der Dame freundlich Auskunft zu einer Gewerbesache. Es hätte auch ein Waffenbesitzer sein können – die Überprüfung der Vorschriften des Waffenrechtes fällt nämlich ebenso in den Bereich des Fachdienstes.

Ob die bisherigen Anrufe die Top-Fünf widerspiegeln, die Ordnungsamtshighlights? Kurze Sendepause bei der Stakkato-Rednerin Holste-Hoffmann. Sie denkt nach, legt den Kopf schief und rechnet die Beschwerden vor dem inneren Auge zusammen. „Zum Teil“, meint sie und zählt auf, was sie und die Kollegen am meisten beschäftigt. „Hundekot, auch wenn das besser geworden ist“, (nur hinter dem Aushängeschild der Stadt – dem Rathaus – wüten noch Kotfrevler); der bereits aufgetauchte ruhende Verkehr natürlich („da sind die Falschparker ein großer Bereich“). Am Beispiel des Parkraums macht sie eine der gesellschaftlichen Veränderungen fest, die im Ordnungsamt aufschlagen. Ganz allgemein sieht sie eine gewisse Anspruchshaltung. Jeder wolle einen Parkplatz vor der Haustür, der Kneipe, dem Laden beispielsweise. Hier kollidierten die Interessen verschiedener Gruppen: die der Ladeninhaber, der Touristen, Berufstätigen und der Anwohner. Dazu habe sich die Zahl der Autos deutlich erhöht – in einer Stadt mit historischer Bausubstanz stehe jedoch nur begrenzt Raum zur Verfügung. „Dabei haben wir im Vergleich zu anderen Städten paradiesische Zustände.“ Zumindest hinsichtlich des Parkens also eine Ahnung vom Garten Eden.

„Und“, sie setzt zur Fortsetzung der Aufzählung an und holt tief Luft, man ahnt, jetzt kommt es, ihr Erregungsniveau steigt sichtlich: „Der Müllfrevel. Der nimmt sogar deutlich zu.“ Müllfrevel: Das ist ein Thema, das sie besonders aufregt – obwohl sie das Ärgern bei sich selbst gar nicht mag. „Ich verstehe es nicht: Warum schmeißt man seine Zigarettenschachtel aus dem Autofenster?“ Oder den McDonald’s-Müll an den Breiten Anger, die Tierfutterdosen in die Feldflur von Desingerode und Werxhausen? Letzteres ist ein aktueller Fall. Immer wieder tauchen leere Büchsen in der Landschaft auf. „Dabei wäre es doch so einfach mit der Entsorgung.“ Deckel auf, Müll rein, Deckel zu. Wie es mit dem größten Teil der rund 500 Kilogramm Haushaltsmüll, die jeder Bürger in Niedersachsen durchschnittlich pro Jahr produziert, sonst meist passiert. Gerade in diesem speziellen Fall wäre sie sehr dankbar für jeden Hinweis per Telefon. Obwohl bei solchen Wasserstandsmeldungen zum Verhalten der Mitbürger durchaus ein zwiespältiges Gefühl zu herrschen scheint: Auf der einen Seite könne man als Ordnungsamt nicht überall sein. Doch es ist eine Gratwanderung zum Denunziantentum, zum Zuträger, der seine Umwelt penibel kontrolliert. Woher der Drang zur unkontrollierten Entsorgung in der Natur kommt, ist ihr unerklärlich. „Früher wäre niemand auf solche Ideen gekommen.“

Nicht zu verachten sind auch Nachbarschaftsstreitigkeiten: „ein weites Feld“. Gerade hier – bei Lärm, Zäunen, Bäumen und ungereinigten Gossen – herrsche „ein Spannungsfeld“, ein heikler Bereich. Weiter will sie in ihrer Beschreibung nicht gehen: Es ist ein tiefgehender Blick in den privaten Raum der Menschen und ihrer Streitkultur, den Holste-Hoffmann und ihre Mitarbeiter werfen dürfen, können oder müssen – je nachdem, wie man es sieht. Nicht alles, was sie sehen, ist für die Öffentlichkeit geeignet.

Hin und wieder werden die Mitarbeiter des Amtes sogar beworfen – allerdings mehr mit Worten. Es kommt schon vor, dass jemand seinem Unverständnis über den Fünf-Euro-Strafzettel unverhältnismäßig Luft macht. „Ich denke schon, dass sich das verschärft hat.“ Dabei, stellt Holste-Hoffmann klar, seien alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung zu einer konstruktiven Auseinandersetzung bereit.

Das Gros der Arbeit dreht sich eben um Menschen, die in geringfügigem Maße rechtliche Grenzen übertreten. Da bleibt immer die Frage: Wo wird aus geringfügig vernachlässigbar? Ist jede Übertretung, jedes Fehlverhalten ein Schlag gegen die öffentliche Ordnung? Prinzip und Verhältnismäßigkeit, Regeln und Chaos, das sind Pole, zwischen denen Holste-Hoffmann und ihre fünf Kollegen im Außen- und Innendienst oszillieren.

Auch wenn ihre Angelegenheiten manchmal heikel sind, endet meist alles glimpflich. Da hilft es durchaus, dass die Ordnungsämtlerin, die nebenbei ehrenamtlich die Geschäfte der Theater- und Konzertvereinigung führt und gelegentlich Trauungen vornimmt, als Duderstädter Urgestein so gut wie jeden in der Stadt kennt. „Auch die Knötterpötte.“ So ließen sich viele Konflikte zwischenmenschlich regeln. „Man braucht nicht für alles eine Hackfleischverordnung.“

Von Erik Westermann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Anzeigenspezial

Informieren Sie sich über das aktuelle Fußballgeschehen in Göttingen und aller Welt.  mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt