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Alte Animositäten und erfolgreiche Einwohnerwerbung

Folge 28: Tiftlingerode Alte Animositäten und erfolgreiche Einwohnerwerbung

Den strahlenden Sonnenschein und blauen Himmel nutzen die Tiftlingeröder auch an einem Mittwochmittag intensiv. Da wird Rasen gemäht, in der Auffahrt das Auto repariert, ältere Frauen harken und jähten, junge Frauen schneiden Bäume, Herren mittleren Alters schauen aus dem Fenster ihrer Einfamilienhäuser in den ruhigen Stichstraßen des Ortes und in den Sackgassen der Neubaugebiete, die einen großen Teil des Dorfes ausmachen.

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Tiftlingerode: Die Einwohnerzahl des Duderstädter Ortsteils am Rande des Pferdebergs oberhalb der Kernstadt hat sich seit 1939 mehr als verdoppelt.

Quelle: Blank

Willi Klingebiel gibt beherzt Gas an seinem Bike. Der 63-Jährige, der seit einem Unfall an den Rollstuhl gebunden ist, ist seit 15 Jahren Behindertenbeauftragter Duderstadts und hat es mit Rolliwandern in der Region bereits ins Fernsehen geschafft.

„Das alte Dorf“, sagt er, „hatte wesentlich weniger Einwohner.“ 350 Menschen lebten 1930 in dem bis dahin verschlafenen Ort am Pferdeberg. Nicht, dass in Tiftlingerode heutzutage permanenter Almabtrieb herrschen würde. Ein paar Autos Richtung Immingerode rauschen durch, einige in Richtung Kolpingferienstätte. Nur wenn bei Otto Bock Arbeitsschluss sei, meint Klingebiel, dann werde es ungemütlicher: „1500 Eichsfelder nehmen die Abkürzung durch das Altdorf.“ In den weitaus größeren neuen Teilen am Salmketal, der Friedensstraße und dem Roten Feld, bekommt man davon wenig mit. An den Rändern der Baugebiete sieht man immer wieder die Reste des alten Ortes, ein paar Obstbäume, einen Holzstoß.

Auf der anderen Seite ist die Nähe zu Duderstadt sehr vorteilhaft, sagt Klingebiel etwas untertrieben, als er mit seinem Rollstuhl am Wendehammer der Friedensstraße steht. „Dort hinter den Bäumen geht die Stadt bereits los.“ Diese Nähe habe die Bauplätze in Tiftlingerode begehrt gemacht. Sogar den 1000. Einwohner haben sie 2005 begrüßen dürfen, der groß angelegten Aktion „1000 für Tiftlingerode“ sei Dank. Ein Radiosender warb halb-ironisch für neue Einwohner, auch überregionale Medien berichteten über den Kampf gegen die Windmühlen der Demografie. Das Hoch hielt ein Jahr, inzwischen ist die Zahl der Tiftlingeröder unter den Stand von 2004 gefallen.

„Drehst du ne Runde mit dem Hund oder er mit dir“, fragt Klingebiel einen Spaziergänger und beide lachen sich an. 100 Meter weiter im Altdorf befand sich die alte Poststelle in einem kleinen Häuschen. „Dort habe ich früher von Post-Hildchen mein Gehalt bekommen.“ Und nebenbei betrieb Post-Hildchen Landwirtschaft.
Inzwischen ist der Ort aus dem Schatten des größeren Nachbarn Gerblingerode getreten, meint Klingebiel. „Früher hieß es immer: Wir haben 2000 Einwohner. Inzwischen sind wir nicht nur beim Fußball ebenbürtig.“ In der ersten Kreisklasse lieferten sich die SV Viktoria und der VfB vor Wochen das erste Lokalderby seit Jahren, da die Gastgeber zuvor eine Klasse tiefer antraten. Trotzdem brauchten die 250 Zuschauer im „Waldstadion“, wie er es mit listigem Lächeln nennt, noch keine Begleitung durch die Bundespolizei. Auch wenn es Animositäten gibt: „Diese Hierarchien“, wie Klingebiel „die alten Reibereien“ nennt, „gehören der Vergangenheit an.“ Die Jugendfußballer spielen zusammen, und auch der alte Streit mit Immingerode um ein Gelände am Pferdeberg sei Schnee von gestern.

Die Gebäude hinter der Schule sind ein Schandfleck – findet Klingebiel. Die alte Schule werde renoviert und solle dann den Vereinen offenstehen. Die angrenzenden Gebäude stünden leer, eines werde zwangsversteigert. „Zusammenschieben und neu bauen“, lautet sein Vorschlag. Es ist inzwischen selten, dass jemand eines der alten Häuser so schön wieder herrichtet, meint der 63-Jährige, als er an einem hellen Gebäude vorbeifährt. Die Menschen bauen lieber neu.

Hinter den Fenstern des Gasthauses im Altdorf stehen die Stühle noch umgedreht auf den Tischen. 2006 hat Anne Brodmann das Gasthaus schließen müssen, wie sie hinter dem Saal auf ihre Harke gestützt berichtet. Die Gesundheit der 73-Jährigen machte nicht mehr mit, die Kinder wollten den Betrieb nicht weiterführen. In Brodmanns Garten steht einer der letzten Tabaköfen im Dorf. „Schade, dass damals der Virus kam“, sagt die Gastwirtin. „Der Tabakanbau war recht einträglich – machte aber viel Arbeit.“

Am Ortsrand angekommen, beschreibt Klingebiels Finger einen Bogen in den strahlend blauen Himmel. „Dort, von Otto Bock kommend, hier vorbei Richtung Gerblingerode soll sie verlaufen, die Umgehungsstraße. Aber das wird noch dauern.“ Links und rechts liegen Äcker und Wiesen – wenn die Straße kommt, dürfte es hier anders aussehen.
Die St.-Nikolaus-Kirche hingegen wurde vor 30 Jahren gebaut, ein großer, auch für Rollstuhlfahrer zugänglicher Bau, meint Klingebiel angetan und fährt ein, zwei schnelle Kurven auf dem Platz hinter dem gelb verklinkerten Gotteshaus. „Wer hätte gedacht, dass sonntags vier Leute mit Rollator und fünf mit Rollstuhl hier sind?“ Wie es in der Zukunft um die Kirche bestellt sein wird, ist unklar – sie gehört zu denen, die ab 2014 nicht mehr beim Unterhalt unterstützt werden. „Das ist vielen noch nicht bewusst.“ Auf der Wiese nebenan war vor einiger Zeit noch Kirmes – „in der Blockhütte stand die Gulaschkanone.“ Nicht das einzige Fest, das hier gefeiert wird – auch die Eichsfeldtage waren bereits zweimal zu Gast.

„Das Pfarrzentrum ist Kommunikationszentrum“, sagt der gebürtige Ecklingeröder. „Schließlich gibt es keine Kneipe mehr.“ Hier intoniert der Gesangverein „Einigkeit“ seine Lieder, tags darauf tagt der Ortsrat an gleicher Stelle. Wirtschaftlich gesehen ist Tiftlingerode nach Duderstadt ausgerichtet – einzig die Kolpingferienstätte, die auch auf dem Gebiet Gerblingerodes steht, stellt einen Faktor dar. Früher hatte der Ort einige Steinsetzer. Von ihnen zeugen nur einige gehauene Fratzen an Häusern und Mauern im historischen Teil des Dorfes, dessen Häuser und Traditionen schwinden.

Weitere Infos und Bilder zu Tiftlingerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 27. Oktober. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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