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Bergdorf im Tal: Überraschungen abseits der Hauptstraße

Hilkerode Bergdorf im Tal: Überraschungen abseits der Hauptstraße

Hilkerode, das Handelsdorf: An verschiedenen Stellen im Ort trifft Rudi Conrady bei seiner Führung durch den Duderstädter Ortsteil auf Überbleibsel dieses Wirtschaftszweiges. Wie die Statue vor der Paul-Maar-Schule, die auf dem Rücken ein Reff trägt, eine Mischung aus hölzerner Trage und Bauchladen auf dem Rücken, mit dem die Handelsleute unterwegs waren. Er erinnert sich: „Ich weiß noch, wie wir das Fundament gemacht haben.“ Das war nach der 750-Jahr-Feier vor 36 Jahren.

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Heute steht die gebückte Frau vor der Grundschule, deren Kinder sich wohl kaum mehr für diesen Beruf entscheiden werden. Das Schulgebäude für die über 80 Kinder aus Breitenberg und Hilkerode wird derzeit neu gedämmt. Der Namenspate der 2008 benannten Schule schaut regelmäßig vorbei. Er würde sich wundern: An allen Ecken und Enden des großen Baus wird gearbeitet. „Hier im Ort werden ja wenigstens noch ein paar Kinder geboren“, sagt Conrady. Genau zehn waren es im vergangenen Jahr, setzt er hinzu.

Wenn alle es so hielten wie Conrady, dann wäre die Lage anders. Sieben Kinder hat der gelernte Tischler, der jahrelang im Ortsrat aktiv war, großgezogen. „Das gibt es ja heute kaum noch.“ Sechs von ihnen und viele seiner 16 Großkinder leben in Hilkerode und haben in den großen Baugebieten eigene Häuser errichtet. „Hilkerode ist stark gewachsen und hat sich viel mehr in die Breite ausgedehnt, als es andere Bergdörfer wie Brochthausen oder Langenhagen getan haben“, meint Conrady, als er schnaufend eine Steigung hinauf kraxelt. Der alte Kern lag „beschützt von den das Dorf umgebenden Hügeln“, wie es auf einer Informationstafel am Wegesrand heißt. Erst seit den 1950er-Jahren, während des Baubooms, breitete sich die Besiedelung in die Ellerniederung und besonders an den Längenberg aus. Heute herrscht die verbreitete Mischung aus Fachwerk im Kern und Neubauten in den daran angrenzenden Teilen.
Auf dem Schild heißt es weiter: „Von allen Hügeln – Ankerberg, Kloßberg, Längenberg, Pahmberg, Ochsenberg, Hägerberg, Lohberg – bietet das Dorf jeweils einen charakteristischen Anblick, zuweilen von einer mit dem bloßen Auge kaum beachteten Schönheit.“ Eines wird deutlich: Berge scheint es um Hilkerode genügend zu geben.

Es sind über 30 Grad, die Sonne knallt auf einige Gemüsebeete am Straßenrand. „Hier war alles voller Gärten. Alles weg.“ Ein Satz, den der sanfte, freundliche Mann häufiger fallen lässt. Denn auch die Landwirtschaft, die er aus seiner Jugend kennt, ist zurückgegangen. Wie zum Trotz kräht laut ein Hahn.
Conradys Dorf hat sich verändert. Er sieht die Siedlung mit zwei Augen: einem, das den Zustand vergangener Jahrzehnte fokussiert. Und einem, das in die Gegenwart blickt und sich hin und wieder leicht über die Veränderungen zu wundern scheint. Immer wieder bei seinem Gang durch die einst selbstständige Gemeinde bleibt er stehen, plauscht mit Hilkerödern, die die Straße fegen oder mit dem Fahrrad unterwegs sind; mal auf Platt, mal auf Hochdeutsch. Immer neckt man sich, macht einen Spruch – und geht dann weiter.

Die Landwirtschaft war für die meisten Bewohner in der „buckeligen Welt“ der Gemarkung ohnehin nicht besonders ertragreich. Schlechte Böden und zerklüftete Hänge gaben nicht allzu viel her. Viel besser ist der Teil des Dorfes, der nördlich der Eller liegt, eigentlich Pöhlder Gebiet, das jedoch schon lange von Hilkerödern bewirtschaftet wird. Auch die Kosten für den Unterhalt der dortigen Wege und Gräben muss von den Bauern südlich der Landkreisgrenze getragen werden.

In Hilkerode wartet die eine oder andere Überraschung. Wie die abseits der Hauptstraße liegenden grünen Hohlwege. Es sind Wanderwege, die von einem Blätterdach geschützt quasi mitten durch den Ort führen, an der einstigen Mühle vorbei, die bis 1972 in Betrieb war, angetrieben vom „Mühlenwasser“. Seit mindestens 625 Jahren hatte die Mühle im Dorf das Korn zerkleinert – der erste Gewerbebetrieb. Jedoch nicht der letzte. Nach dem Krieg hatte sich eine Fabrik angesiedelt, die „Pickelfabrik“, wie sie genannt wurde – besonders hautverträglich war die Arbeit wohl nicht. Hier wurden Teile für Mess- und Fernmeldetechnik hergestellt, und es waren zahlreiche Frauen beschäftigt, unter ihnen auch Gastarbeiterinnen aus Griechenland.

„Vereine haben wir hier noch satt“, sagt Conrady. Zwar würden die schrumpfen, aber zum Beispiel der Spielmannszug, der sei immer noch recht flott und die Dorffeste gut besucht. Eine echte Besonderheit befindet sich unter dem Erdboden. In dem Dorf mit damals 900 Menschen wurde eine der ersten Wasserleitungen in Südniedersachsen gebaut. Ab 1910 versorgte sie das Unterdorf vom Hummelborn aus mit Wasser – nicht einmal Duderstadt hatte zu dieser Zeit eine Wasserleitung. Ingenieure, die zu der Zeit die Bahnlinie Herzberg–Bleicherode errichteten, hatten den Anstoß dazu gegeben, wie sich die gebürtige Hilkeröderin Irmgard Spengler, (geb. Gerlach) aus den Erzählungen ihres Großvaters noch erinnert. Bis in die 1960er-Jahre bestand die Wassergenossenschaft. Erst dann wurde dieser Teil des Dorfes an die Kreiswasserleitung angeschlossen. Im Gegensatz zum Bahnhof des Ortes kann man das noch erahnen. Denn der Grillplatz, der heute gern genutzt und vermietet wird, liegt auf dem Gelände des Quellhäuschens. Und unter der Erde schlummern sie, die Tanks der einstigen Wasserversorgung.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Hilkerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 14. Juli. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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