Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
„Das ist meine Muttersprache“

Plattdeutsch „Das ist meine Muttersprache“

Der Saal ist voll, wenn die Plattdütschen Frünne sich treffen. Jeden letzten Donnerstag im Monat kommen die Freunde der ursprünglichen Sprache der Region – des Ostfälischen Platt – in einem Ort der Region zusammen.

Voriger Artikel
Maibäume, die fast bis in den Himmel ragen
Nächster Artikel
Musiker, Geschäfte und ein Abtstuhl im Heckennest

Freude an der Sprache: Die Abende der Plattdütschen Frünne um Werner Grobecker füllen Säle (hier 2008 im Niedersachsenhof).

Quelle: Walliser

Mal sind es 170 Menschen, die einen Abend mit Gesprächen, Gesang, Sketchen und Vorführungen verbringen, mal sind es mehr als 200. Der Dialekt der Eltern und Großeltern ist dann keine Folklore, er ist normal.

Ist es dann falsch, wenn der Landkreis Göttingen in einer Broschüre aus dem Jahr 2002 warnt, „Plattdeutsch wird in unserem ostfälischen Raum vorwiegend nur noch von der älteren Generation gesprochen und somit besteht die Gefahr, dass sie in kürzester Zeit verloren geht“? Stellt man diese Frage Werner Grobecker, zuckt der nur mit den Schultern. Er besitze ein Buch aus dem Jahr 1904, in dem schon das Aussterben des Platt prognostiziert werde. Der Gieboldehäuser belässt es bei dieser Feststellung, überlässt es dem Fragesteller, den Folgesatz zu formulieren: Auch mehr als 100 Jahre später füllt ein plattdeutscher Abend noch Säle.

Grobecker ist der Präsident der Plattdütschen Frünne. „Use Werner“ wird er im Untereichsfeld genannt – ein Ehrentitel, denn sonst nur noch „use Willi“, der legendäre ehemalige Landrat Willi Döring, inne hatte. Nicht nur deshalb ist Grobecker die personifizierte Antithese zum Aussterbe-Menetekel. Er lebt das Platt, nutzt es im Alltag. „Das ist meine Muttersprache“, von Eltern und Großeltern erlernt, antwortet er auf die Frage, was ihm das Platt bedeutet. Doch reiner Gebrauchsgegenstand ist es für ihn nicht, sondern auch mit Emotionen verbunden. Mit seiner Tischlerei habe er viele Aufträge in den Dörfern gehabt, erzählt er weiter. Nach ein paar Worten sei klar gewesen, wie das Gespräch laufen würde. „Verhandlungen in Platt waren viel einfacher. Das hat manche Barriere eingerissen.“ Diese Atmosphäre von Vertrautheit und Vertrauen, Identität und Identifikation ist es, die den Erfolg der plattdeutschen Abende ausmacht.

Das ist nicht selbstverständlich, denn befasst man sich mit tatsächlichen oder vermeintlichen Denkern der regionalen Mundart, merkt man schnell: Der Einsatz für das Platt kann schnell etwas Angestrengtes und Anstrengendes haben. Der ängstliche Pessimismus der Landkreis-Broschüre ist ein Beispiel, eine anderes ist die fordernde Belehrung eines Karl Leineweber, der im Vorwort seines 1986 erschienen Buches „Faellgieker vum Eichsfaelle“ schreibt: „Aber auch die Landsleute, die von Hause aus nur die Hochsprache gelernt haben, sollten sich um ein passives Verständnis unserer Mundart bemühen und sich die einschlägige Literatur aneignen.“ Befremdlich ist auch der trotzige Stolz eines Josef Gottlieb, der in sein Werk, „Die plattdeutsche Mundart des Untereichsfeldes“ einleitet mit: „Die niederdeutsche oder plattdeutsche Sprache ist bekanntlich weit älter als das Neuhochdeutsche.“ Daraus folgert er: „Jeder Freund unseres niedersächsischen Volksstammes wird daher sein Möglichstes tun, unsere altehrwürdige niedersächsische Stammesmundart zu pflegen und vor dem Verfall zu bewahren.“ Dieses Zitat dürfte 100 Jahre alt sein, doch auch das Jahr 2010 bietet Anschauungsmaterial, wie brisant das Thema Sprache sein kann. In der hitzigen Debatte um Integration in Deutschland wird Sprache als entscheidender Faktor für Eingliederung genannt. Man könnte das Thema Plattdeutsch aber unter rein linguistischen Aspekten betrachten – ein weites Feld auch das, schließlich wird nahezu in jedem Dorf eine eigene Form des Platt gesprochen. Das mag Germanisten erfreuen, wird der Sache im Untereichsfeld aber nicht gerecht. Hier ist Platt lebendig, hier ist es eine Sache der Seele, nicht des Kopfes.


Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wir im Eichsfeld
Wir im Eichsfeld: Die Orte
Duderstadt ZDF überträgt Fernsehgottesdienst aus Basilika

Der ZDF-Fernsehgottesdienst wird am Sonntag, 22. Oktober, ab 9.30 Uhr aus der Basilika St. Cyriakus in Duderstadt übertragen. „Segensorte – wo seid ihr?“ ist das Motto der Predigt von Propst Bernd Galluschke.

mehr