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Das kleine Drei-Bäche-Dorf am Pferdeberg

Immingerode Das kleine Drei-Bäche-Dorf am Pferdeberg

Es ist angenehm kühl auf dem Pferdeberg, während jenseits des Schattens der grünen Laubbäume die Hitze alles niederdrückt. Doch von dieser Oase aus lässt sich die Aussicht genießen: die zwei Gleichen am Horizont, Nesselröden in der Ferne und am Fuße – Immingerode.

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Blick vom Pferdeberg: Um die Kirche St. Johannes Baptist herum liegt der Fachwerkkern von Immingerode.

Quelle: Blank

Der Wind streift durch die Bäume, zwei Besucher inspizieren die Stationen des Kreuzwegs, der vom Dorf herauf führt.

„Unser Naherholungsgebiet“ nennt der Immingeröder Ortsheimatpfleger Bernd Klingebiel den Berg, der zu zwei Dritteln zur Gemarkung seines Heimatortes gehört. Aber eben nicht alleine, fügt er hinzu, damit niemand in einem der beiden betroffenen Nachbarorte auf falsche Gedanken kommt. Deshalb betreue man die Erhebung gemeinsam mit den Tiftlingerödern und Gerblingerödern im Pferdebergausschuss, der die Erschließung und Nutzung fördern soll. Einen Trimm-
pfad im Wald hat man angelegt, und der werde auch gut genutzt, sagt Klingebiel, der selbst gerne hier oben spazieren geht.

Mit Tiftlingerode, das nur einen Kilometer entfernt liegt, hat es in der Vergangenheit wegen des Bergs sogar ein wenig böses Blut gegeben. Eine Geschichte, die kaum einer mehr kennt, auch der Geschichtensammler Klingebiel nicht. Nur die ältere Generation erinnert sich vage an Erzählungen davon, wie sich mögliche Ereignisse abgespielt haben könnten. Irgendwann in grauer Vorzeit nämlich hätten – so heißt es – die Immingeröder den Tiftlingerödern ein Stückchen Land an der Erhebung abgeluchst. Eine verworrene Angelegenheit um geliehenes Geld und kleine Tricks. Ein Mann aus dem Nachbardorf hatte sich von einem Immingeröder Geld geliehen und wollte es zum Stichtag zurückzahlen. Der Gläubiger war an diesem Tag bei der Ernte und ließ ausrichten, der Schuldner solle an einem anderen Tag wiederkommen – um später darauf zu beharren, der Termin sei ja bereits verstrichen. Das Land, das als Pfand gedient hatte, fiel an den Immingeröder. „Eigentlich ja nicht mehr so schlimm“, weil lange her und somit eigentlich „kein Grund mehr für Streitigkeiten“, meint Ur-Immingeröder Werner „Werni“ Kuchenbuch, der zu der Angelegenheit leicht schmunzelnd Auskunft gibt. Und schließlich sei es lediglich um sechs Morgen gegangen.

Kaum ein Auto stört die Beschaulichkeit des alten Ortskerns, die Umgehungsstraße führt seit Jahrzehnten an ihm vorbei. Inmitten der großen, rechteckigen Bauernhöfe mit dem weiten Innenhof ist alles ruhig. Einige Schafe versuchen sich hitzebedingt so wenig wie möglich zu bewegen und kuscheln sich an die kühlen Steine einer Ziegelwand, die im Schatten liegt.

Von diesen Bauernhöfen werden nicht mehr viele im Dorf in der ursprünglichen Weise genutzt. Einer wurde gar „über Nacht abgerissen“, berichtet Klingebiel mit leichter Empörung. Dort klafft heute eine große Lücke, fast ein zweiter Dorfplatz, wenn man so möchte. Der eigentliche Mittelpunkt liegt ein paar Meter weiter und soll umgestaltet werden. Jedenfalls hoffen sie das im Ort, schließlich ist man in das Dorferneuerungsprogramm aufgenommen worden, und die Planungen laufen. Ein Gegenstück zum Weserstein wolle man hier aufstellen, sagt Klingebiel, und ein Lächeln umspielt seinen Mund, während neben ihm ein kleines Rinnsal plätschert. „Schließlich fließen hier, fast wie in Hann Münden, drei Bäche zusammen: die Ike und die Bruche werden zur Muse.“ Wenn das keinen Stein wert ist?

In dem Moment flitzt Lemke’s rollender Supermarkt vorbei. Der fahrende Tante-Emma-Laden bietet jedoch nicht die einzige Versorgung. Immingerode kann die höchste Dichte an Hofläden im Untereichsfeld vorweisen: Zwei Hofläden bei 500 Einwohnern.

Die Kirche St. Johannes Baptist liegt, getrennt durch Gassen und Wege, nur einen Steinwurf entfernt. Um den Turm des Gotteshauses, das auf einer kleinen Anhöhe liegt, schwirren die Mauersegler. Im Turm nisten ein Falke und Schleiereulen, erklärt Klingebiel. Im Innenraum scheint durch eine geöffnete Seitentür die Sonne herein. „Hier lässt sich heiraten“, findet der 63-jährige Lehrer im Ruhestand. Der frühere Pfarrer Leineweber hatte einmal die „lebenssprühende Kunst der Barockzeit“ im Innern des Bauwerks betont. Sicherlich ein Argument für das kleine Gotteshaus, das doch fast noch mehr durch seine helle Friedlichkeit hervorsticht.

Vielleicht hat diese Atmosphäre vor 65 Jahren ja dafür gesorgt, dass „der Krieg hier nur einen Tag gedauert hat“, wie Klingebiel sagt. Wahrscheinlicher jedoch, dass sich einige der alliierten Soldaten an die gute Behandlung erinnerten, die ihnen von den Dorfbewohnern im Lazarett des Ortes zuteil geworden war, meint der Ortsheimatpfleger. Im Saal der einstigen Gaststätte Henze waren nicht nur verletzte Deutsche gepflegt worden, erklärt der gebürtige Immingeröder, sondern bis zu 200 Verwundete verschiedener Nationalitäten. Als dann alliierte Spähwagen drei Tage nach Auflösung des Lazaretts von Duderstadt heranrollten, legten die Gepflegten Fürsprache ein, und dem Dorf sei nichts geschehen.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Immingerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 21. Juli. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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