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Ein Ausblick, ein Knickmeister, ein Drama für die Älteren

Folge 27: Seulingen Ein Ausblick, ein Knickmeister, ein Drama für die Älteren

Als Hans Turi die große Kirche im Mittelpunkt Seulingens betritt, nimmt er die Kappe ab. Der Ortsheimatpfleger tippt den Finger in die Weihwasserschale und bekreuzigt sich. Die Türen der barocken Kirche stehen offen, die Sonne flutet den Raum.

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Früh besiedelt: In der Gegend um das Dorf an der Suhle mit seinen fruchtbaren Böden ließen sich schon vor Tausenden von Jahren Menschen nieder.

Quelle: Pförtner

„Hier drunter“, er weist auf ein mit Metall eingefasstes Quadrat am Boden, „ist ein Grab erhalten.“ Wären noch einige kräftige Seulinger hier, könnten sie die schwere Platte anheben, und der Blick auf die alten gotischen und romanischen Fundamente und ein Pastorengrab wäre freigelegt. St. Johannes ist eine der bestuntersuchten Kirchen im ganzen Kreisgebiet und mit dem benachbarten alten Gemeindekrug der historische Mittelpunkt des 1400-Einwohner-Dorfes. Der Name der schmalen Gasse hinter der Kirche wiederum spricht Bände: „Im Winkel“: Ein Schild weist darauf hin: „Enge Kurven! Keine Langfahrzeuge.“

Vor dem Krug, dessen Fenster schon seit Jahren blind sind, steht ein beleibter Herr mit mickrigem Fotoapparat. Einige Bilder soll er schießen, denn die neuen Eigentümer wollen Leben in das geschichtsträchtige Gemäuer bringen – jedenfalls sagt der Besucher das. Turi strahlt eine gewisse Skepsis aus. Hinter dem ehemaligen Lehrer befindet sich der alte Thieplatz, wo das Ehrenmal seinen Platz hatte, bis es in kleinerer Form an die Kirche verlegt wurde – was einigen älteren Seulingern bis heute sauer aufstößt.

„Dies war ein Bauernhaus“, erklärt der Ortsführer, der erst Zimmermann war, dann Erzieher und schließlich in den Schuldienst eintrat. „Hier im Winkel, das waren alles Bauernhäuser.“ Hier liegt der Ursprung des Seulinger Wohlstands: „Guter Boden und viel Wald.“ Vor einer großen Hofeinfahrt in der nächsten Straße bleibt er stehen: „Das ist typisch. Das waren riesige Höfe.“

Eines ist Turi aufgefallen: Seulingen hatte nach dem Krieg viele Flüchtlinge, „aber es sind kaum welche hiergeblieben“. Denn weder die politische noch die Kirchengemeinde stellte Land zur Verfügung. Ein Manko, das später behoben wurde. Bei der hohen Dichte archäologischer Fundstellen in und um Seulingen hatte man Schwierigkeiten, dem Wachstum der Siedlung die nötigen Bahnen zu eröffnen. Auch ein Gewerbegebiet hat das Dorf inzwischen, „aber da ist nicht soviel los, wie es sein sollte“.

Der gebürtige Ungar ist an seiner alten Wirkungsstätte. Im Garten der Kita tobt der Nachwuchs, 50 Kinder kommen hierher, 15 in die Krippe, die sich im zweiten Jahr befindet. Auf dem geschützten Hof sausen die Fahrzeuge durcheinander, rutschen Kinder, johlen und spielen. Drinnen sind die Räume großzügig. „Hier habe ich auch einmal unterrichtet“, wirft er hin und wieder bei der Führung durch Mitarbeiterin Anke Engelhardt ein, vor dem Bewegungsraum, vor anderen Räumen. Der Kindergarten, der seit 1991 besteht, war zuvor ein Flügel „seiner“ Schule. Der ehemalige Lehrer sagt: „Ob Seeburg oder Seulingen die Mittelpunktschule bekommt, diese Frage bedeutete damals Krieg!“ Das war 1969. Seit dem aktuellen Schuljahr bilden die beiden Orte die Grundschule Seeburg-Seulingen – früher gab es noch Streit, heute schlägt man sich gemeinsam durch.

Heute ist der Komplex eines der lebendigen Zentren in dem Ort an der Suhle. Ein gewisser Stolz ist Turi auch heute noch anzumerken beim Gang durch leere Korridore der Umweltschule. „Es ist alles hervorragend eingerichtet.“ Nur ein wenig überdimensioniert ist das Gebäude als Verbundschule inzwischen. Die „alte Schule“ von 1953 ist heute das Bürgerhaus.

Ein kleiner Abstecher zur Warte darf in jeder Ortsführung durch Seulingen nicht fehlen. Turi fährt die zwei Kilometer über Verbundsteine schaukelnd hinauf zu dem beliebten Ausflugsziel mit dem gerühmten Weitblick. „Da geht es hinüber nach Seeburg“, weist er nach rechts, „ins feindliche Ausland.“ Er lacht herzhaft. Oben angekommen dekliniert er: „Bernshausen, Rollshausen, Gieboldehausen. Und das Weiße da, das ist das Herzberger Krankenhaus.“ Er klappt den Arm wieder ein. „Ein herrlicher Ausblick“, ein Hahn kräht.

„Ein sonntäglicher Spaziergang mit den Kindern war hier obligatorisch.“ Und noch heute werde die Gastronomie und der angrenzende Wald von den Seulingern gern genutzt. Der Turm der Warte ist schon lange abgebrochen, man hatte für ihn keine Verwendung mehr. Es gab auch einen Knickmeister, erklärt Turi, der dafür sorgte, dass das Abwehrbollwerk aus Erde und Hecke schwer überwindbar blieb. „Er knickte die Zweige um, sodass die Hecke dicht blieb.“

Der Zustand der dörflichen Infrastruktur ist in seinen Augen etwas weniger erfreulich. Hier fehlt ein Infrastrukturmeister, der hier und da etwas umknickt und dafür sorgt, dass das ihm anvertraute Netz dicht bleibt. Zwar gebe es das eine oder anderer Geschäft. Doch der Status quo lässt sich vor allem so beschreiben: „Für die Älteren ist das ein Drama.“ Und die Jüngeren haben sich längst daran gewöhnt.

Auch das Land auf dem sich der neue Sportplatz befinde, gehört der Realgemeinde, die über den großen Wald wacht, mit 3,32 Quadratkilometern der größte Wald des Untereichsfeldes, wie es in verschiedenen Gesprächen im Ort an-
klingt. Bis nach Landolfshausen reiche er, der große Wald, meint der 77-Jährige. Aus Landolfshausen kämen auch Landwirte, denn die „Raiffeisengeschichte“ in Seulingen habe sich gehalten.

Hinter dem großen Sportgelände befand sich nach der Flurbereinigung „nur Ödland“. Inzwischen habe man Blühstreifen angelegt, mit Buchweizen, Malve, Steinklee oder Borretsch. Das Grün sprießt.

Die Überschwemmungsgefahr hingegen ist zurückgegangen. Früher habe man vom wenige Kilometer entfernten Potzwenden schon angerufen, wenn dort die Pegel der Suhle stiegen, um Bescheid zu geben, „dass das Wasser bald bei euch ist“. Doch mit Auffangbecken und Dämmen hat sich die Situation gebessert. Ein besseres Verhältnis zum Wasser scheint angebracht: Denn eigentlich sei die Suhla, wie sie im Ort genannt wird, ja auch der Grund, dass die Siedlung überhaupt entstanden ist und sich Menschen hier niederließen.

Weitere Infos und Bilder zu Seulingen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 20. Oktober. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

Von Erik Westermann

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