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Geschichten vom „Mittelpunkt der Erde“

Folge 18: Lütgenhausen Geschichten vom „Mittelpunkt der Erde“

Jawoll, die Linde, das ist der Mittelpunkt des Dorfes“, findet der Lütgenhäuser Gerhard Schrelle. „Die Schaltzentrale“, schiebt er noch nach und nickt emphatisch mit dem Kopf, während er auf dem grün gepolsterten Stuhl des Gasthauses sitzt. Auch Heinz Spieß, Sohn des Dorfschmieds, stimmt zu.

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Aus der Luft: Lütgenhausen.

Quelle: Mischke

Und Wirt Helmut Behrendt sieht nicht aus, als wolle der das Gegenteil behaupten. Seit 1863 existiert das Gasthaus Zur Linde. Hier finden Versammlungen statt, hier trifft sich mit Feuerwehr und Schützenverein die gesamte Lütgenhäuser Vereinswelt zu Stammtisch, Beratung, Sitzung und Fest. Und manchmal fallen die Anlässe auch zusammen. Feiern, das kann man in Lütgenhausen, wie die drei bestätigen. Spontan fällt dem 64-jährigen Spieß da das Schützenfest 1976 ein. „500 Mann mit Taschenmesser“, ergänzt Schrelle. Denn Taschenmesser mitzubringen, „war Paragraf 1“ – „Paragraf 2, das war die Wurst nach alter Art.“ Oder die Feier zum 950-jährigen Dorfjübiläum im Jahr 2001. „Das war Wahnsinn“, sinniert Spieß. „Ja, nach Lütgenhausen kommen alle gern“, meint Schrelle.


Und da hier das Zentrum des Dorfes ist, entfernen sich die Ortskundigen Spieß, Schrelle und Behrendt bei ihrer Ortsführung nie weiter als 100 Meter von der Gaststube. Das ist auch nicht nötig, denn Lütgenhausen ist übersichtlich. Die Zahl der Bewohner hat Behrendts Frau Ingeburg eigenhändig ermittelt. Knapp 170 Striche hat sie auf ihrem Notizzettel gemacht – und so die offizielle Statistik, die 190 Einwohner ausweist, um fortgezogene Karteileichen und „Zweitwohnsitzer“ bereinigt. „Aber ohne Garantie“, wie sie sagt. Trotz der rückläufigen Bewohnerzahl stünden aber nur zwei Häuser leer.

„Reform drängt kleines Dorf ins Abseits“ lautet die Überschrift des 17 Jahre alten Zeitungsartikels, den Spieß mitgebracht hat. Er ist ein wenig vergilbt und das dünne Papier ist abgestoßen. Inhaltlich aber spiegele er wider, wie man sich hier gefühlt habe, zehn Jahre, nachdem das Dorf dem Landkreis Göttingen zugeschlagen wurde. Zuvor hatte Lütgenhausen zu Osterode gehört. Etwas abgeschwächt hat sich der Widerwillen gegen die „neuen Verwaltungsherren“ im, nach Esplingerode, zweitkleinsten Dorf innerhalb des Verbreitungsgebiets des Eichsfelder Tageblatts. Abgedrängt fühlen sie sich trotzdem. Sie liegen ja tatsächlich am äußersten Rand und sind lange schon protestantisch ausgerichtet. Außerdem: Herzberg liege einfach näher als Duderstadt oder Göttingen. Doch seit die Kinder in Gieboldehausen zur Schule gehen, fühlten die sich zunehmend als Eichsfelder und der Lütgenhäuser Widerwillen wird so abgeschliffen.

An die eigene einklassige Dorfschule, die 1972 schloss, erinnern sich Behrendt und Co mit Wehmut: „Sogar selbstgemachtes Eis gab es dort“, berichtet der Wirt. Es wurde aus einem erhöhten Fenster heraus an die Schulkinder verkauft. „Wir brauchten einen kleinen Tritt, um heranzukommen.“ Bereits seit einer Viertelstunde stehen die drei nahe der Luthereiche auf der Straße, die neu gemacht wird, zeigen hierhin und dorthin und lassen die Vergangenheit lebendig werden.
Ähnlich schön scheint ihnen die Erinnerung an ein Fußballspiel, das Jahrzehnte zurückliegt. 7:2 besiegten die Lütgenhäuser Dorfkicker den ambitionierten Nachbarort Wollershausen auf dem Platz in Rhumspringe; ein eigenes Spielfeld hatte man auch damals nicht. Eine Mannschaft gab es eigentlich ebenso wenig.

Die drei Ortsführer waren an dem Sieg beteiligt – und grienen noch heute bei dem Gedanken daran. Spielen gelernt hatten sie auf dem Bolzplatz, an dessen Stelle sich heute ein Kinderspielplatz befindet. Ausgerechnet Wollershausen: Der Ort, in den man zur Kirche geht und wohin die Toten aus Lütgenhausen bis 1967 kamen. Erst dann bekamen sie hier einen eigenen Friedhof; zwei Jahre später schloss man das Dorf an die Wasserleitung an.

Im Dorfbild hat sich seit 1983, dem Jahr des Zeitungsartikels über das marginalisierte Dorf, wenig Grundsätzliches geändert. Es sind immer noch zwei Hauptstraßen im Ort, von denen der Verbindungsweg nach Rüdershausen neu asphaltiert wurde. Ebenso wie die Brücke, jenseits derer das alte Lütgenhausen vor seiner Verlegung lag. Die Einwohnerzahl ist heute fast die gleiche wie nach dem Dorfumzug – dazwischen liegen rund 200 Jahre. Nur so dezidierte „Subkulturen“ wie die neue Hofgalerie oder den Tauchlehrer mit Kursen im eigenen Pool dürfte es damals nicht gegeben haben.

Inzwischen gibt es zwar sieben Straßen, doch die Grundstücke an den beiden breiten Wegen, die durch den Ort schneiden, sind in ihrer Anordnung geblieben. Noch immer zeigen die Giebel der ehemaligen Meierhöfe zur Straße hin, erklärt Spieß und selbst seinen Begleitern war diese Information nicht bekannt.
„Lütgenhausen ist der Mittelpunkt der Erde. Der Kirchturm hier wirft keinen Schatten“, sagte Adolf Helmbold, der letzte Bürgermeister, den das Dorf hatte. Denn eine Kirche gibt es in Lütgenhausen nicht – ein echtes Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Dörfer der Region.

Zum Schluss der Ortsbegehung verabschiedet sich Spieß, während Schrelle mit Behrendt zum Gasthaus wandert. „So Helmut, ich trinke noch ein Bierchen“, meint Schrelle und verschwindet hinter dem Wirt in der Schaltzentrale. Auf dem Spielplatz, wo schon die Älteren das Kicken lernten, bolzt weiter ein eifriger Junge gegen die Rückwand einer Scheune.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Lüdtgenhausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 18. August. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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