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„Langeweile muss man hier nicht haben“

Folge 20: Nesselröden „Langeweile muss man hier nicht haben“

Das Schöne an Nesselröden“, sagt Jutta Becker auf dem Weg hinunter von der Warte mit dem Campingplatz, „ist, dass es in einem eigenen Tal für sich liegt.“

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Größter Ortsteil außerhalb der Kernstadt: Rund 2200 Menschen leben in dem Dorf, das erst seit dem Bau der K 48 von 1979 bis ’84 über eine direkte Anbindung nach Göttingen verfügt.

Quelle: Pförtner

Hedwig Leineweber, ihre Begleiterin bei der Ortsführung durch das sonnendurchflutete Nesselröden, stimmt zu. Damit wollen die derzeitige und die ehemalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende aber nicht sagen, dass man im Duderstädter Ortsteil am Kontakt zur Außenwelt kein Interesse hat.
Vielmehr ist es der Blick über weite Kornfelder, der die beiden zu dieser Aussage animiert. Gerade heute, an einem der letzten schönen Augusttage, werden sie abgeerntet. Die gemeinschaftlich genutzten Mähdrescher brummen in der Ferne. Es ist der Blick vorbei an Birnen-, Apfel- und Kirschbäumen am Straßenrand, die früher jährlich versteigert wurden und an denen sich heute jeder frei bedienen kann.

Von zahlreichen Hügeln ist das Dorf umgeben, unter ihnen mit dem in die Gemarkung hineinragenden Uferberg (hier 324 Meter) der höchste im Untereichsfeld. Von keinem sieht man die gesamte Siedlung an der Nathe. Es ist keine „Stadt auf dem Hügel“, wie sie die Puritaner einmal in den USA aufzubauen hofften – eine ideale Gemeinschaft also. Sondern vielmehr eine Stadt zwischen den Hügeln – das ist vielleicht die erreichbare, irdische Variante. Denn den Gemeinschaftssinn versuchen sie in Nesselröden zu beschwören – wie im gesamten ländlichen Untereichsfeld – das wird im Gespräch mit den beiden Frauen klar; mit der Arbeitsgemeinschaft der Vereine und Verbände beispielsweise, die 1975 aus dem Festausschuss zur Planung der 750-Jahr-Feier entstand. 24 Vereine und drei Verbände sind dort versammelt, zu viele, um sie alle aufzuzählen.

Ganz einfach ist das bei etwas mehr als 2000 Einwohnern nicht mehr. „In einem kleinen Dorf kennt jeder jeden“, wirft Becker ein, „hier gibt es größere Siedlungsgebiete, da ist das nicht mehr so.“ Aber das mit der Arbeitsgemeinschaft haben sich andere Dörfer abgeschaut, und ein wenig stolz sind die Dörfler darauf.

Die 46-jährige Becker steuert ihren Wagen auf den nächsten Hügel und stoppt vor zwei steinernen Stelen. Denn nicht weit von hier, „hinter der Baumgruppe“, sagt Leineweber (71), liegt Böseckendorf.Hier verlief die Grenze, die Verwandte jahrzehntelang trennte, obwohl man die Glocken von drüben läuten hörte und das Schnattern der Gänse. Leineweber war oft hier, in den Taschen hatte sie Garn, das drüben gebraucht wurde. Sie warf die Rollen heimlich über den Zaun, wie sie erzählt, während sie sich hastig bückt, suchend umguckt und die Vergangenheit pantomimisch aufleben lässt.

Am Weg hinunter liegt die Reithalle. „Der Ort hat inzwischen mehr Pferde als Kühe“, meint Becker und illustriert so die Entwicklung weg von der Landwirtschaft, die auch das Dorf mit dem eigenen Tal genommen hat. Leineweber hat dies am eigenen Leib erfahren. Lange hatte sie selbst 60 Kühe, doch „heute müssen die Betriebe groß sein, fast wie LPGs. Dazu kommt: die Handwerker müssen immer weiter reisen. Es ist fast eine Rückentwicklung hin zu den Zeiten der Eichsfelder Wanderarbeiter.“

Aber auch im Dorf selbst gibt es für die Nesselröderinnen etwas zu zeigen. Schließlich ist dies der größte Ortsteil Duderstadts und mit über 2000 Einwohnern die viertgrößte Siedlung im Untereichsfeld. Wie sich die Größe bemerkbar macht? „Wir haben die Schule mit drei Klassen und den Kindergarten mit drei Gruppen“, dazu kommt das ein oder andere Geschäft und die Vereine mit zahlreichen Veranstaltungen. Lebensmittel: Fehlanzeige – wenn man vom Bäcker mit dem erweiterten Sortiment, dem Schlachter und dem einzigartigen Eierautomaten auf dem Gelände eines Bauernhofes in der Ortsmitte absieht. „Wir sind zu nah an Duderstadt“, erklärt Becker.

Der Automat wird gut genutzt: „Bei Festen holen hier nachts 20 Mann Eier und hauen sie in die Pfanne“, erklärt Becker milde lächelnd. Gerade klappert das Gerät und Alexander Satmari versorgt sich mit Eiernachschub. Dabei schauen ihm die Kühe zu, träge linsen sie aus dem Stall, der angeleinte Hund bellt manisch.
Die Geschäfte liegen verstreut, „es gibt hier keine Einkaufsstraße“, meint Becker. Das habe auch Vorteile – so komme man herum und könne hier und da plauschen. Da brummt Lemke‘s rollender Supermarkt vorbei, bremst in der engen Straße und gibt wieder Gas – gefährlich nah torkelt eine Packung Damenstrumpfhosen zur offenen Seitentür, hält inne und fällt wieder zurück. „Den gibt es natürlich auch“, sagt Leineweber. Gerade für die Älteren sei das hilfreich.

Inzwischen stehen die Frauen am Mittelpunkt jedes Dorfes: der Kirche. Hinter ihnen grünt der Gingkobaum, wahrscheinlich das exotischste Gewächs des Dorfes. Gepflanzt wurde er zum 150-jährigen Jubiläum der Kirchweihe. An der Telefonzelle am Kirchplatz, meint Leinweber, da hat sich alles getroffen. Heute ist die Zelle weg, dafür gibt es den Jugendraum in der alten Schule. „Früher war dort eine Gefrieranlage“, ergänzt sie, „sehr fortschrittlich.“ Die Anlage der Kalthausgenossenschaft hatte mehr als 100 Fächer. Später haben sie sich auch den Anschluss an das DSL-Netz erkämpft. Nur guter Handy-Empfang ist in dem Dorf mit eigenem Tal Mangelware. Macht nichts: „Langeweile muss man hier nicht haben“, sagt Becker.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Nesselröden finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 1. September. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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