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Lindenallee, Wisperkirsche, Erbsenbär: „Was ist denn hier los?“

Folge 19: Mingerode Lindenallee, Wisperkirsche, Erbsenbär: „Was ist denn hier los?“

Das Grün hat in den letzten Jahren wirklich zugenommen“, sagt Andreas Müller, während er am Zaun des Spielplatzes steht. Beim herrschenden nieseligen Grau ist er verwaist, werde aber ansonsten viel genutzt. „Früher hat man alles umgeholzt“, meint der Ortsheimatpfleger a. D.

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Blick von der Sulbergwarte auf das Dorf: Die erhöhte Lage der St. Andreas-Kirche ist deutlich zu erkennen.

Quelle: OT

Ein Stückchen weiter liegt das alte „Naturschwimmbad“, wie Müller es nennt; eines jener alten Schwimmbäder, wie es sie in manchem Dorf gab: ohne Fliesen, Heizung und 35-Meter-Rutsche. Andreas Müller sagt nichts dergleichen, kreist nicht zwischen „früher“ und „alles besser“. Als ehemaliger Leiter des Sozialamts des Landkreises und Heimatforscher hat er sich einen genauen, eher humorvollen Blick bewahrt. „Nach dem Schwimmen hatten wir immer einen roten Rand im Gesicht“, berichtet er von seinen Erfahrungen mit dem nicht immer ganz sauberen Gewässer und zeichnet die rote Linie in seinem Gesicht nach.

Ein paar Meter weiter und der Verfasser der 550-seitigen Ortschronik ist auf dem Kirchberg angekommen. Die dreischiffige Basilika ist fast von jedem Punkt aus zu sehen. „Wir sind froh, dass wir die Kirche haben und nicht nach dem Krieg neu bauen mussten, wie das in anderen Orten der Fall war“, kommentiert der 74-Jährige.
Über das Kirchtal unterhalb des heutigen Friedhofs hat sich in früheren Zeiten, bevor die Kirche dieses Land verkaufte und die Bebauung wuchs, sicherlich ein anderer Ausblick ergeben. Schließlich war der vorbeiplätschernde Bach, die durch Oberflächenwasser gebildete Beeke (plattdeutsch für Bach), vor 1913 noch unverrohrt und somit sichtbar.

Der Friedhof fließt den Kirchberg halb hinunter und wird begrenzt von einer abfallenden Kante, die ihn von den Gärten der nächsten Grundstücke trennt. Müller streift durch die Reihen und inspiziert die Grabsteine. „Das mit den wuchtigen Steinen hat nachgelassen. Früher hieß es: Hauptsache groß.“ Dass sich der Friedhof an die Kirche anschließt, war früher der Regelfall – und ist heute eine Besonderheit. „Ich kenne kein anderes Dorf im Untereichsfeld, wo das so ist“, sagt Müller. Auch den Mingeröder Gottesacker wollte man einst aus Platzgründen verlegen. „Heute sind genug Gräber frei.“

Den Berg hinauf liegt das älteste Neubaugebiet „Am Wisperberg“, wo weniger geflüstert wird, als dass dort früher viele Obstbäume standen. Darunter eine kleine, Wisper genannte Wildkirsche, wie Müller erklärt. Folgt man der verrohrten Beeke, die den Ort in ost-westlicher Richtung durchfließt, wieder hinunter ins Dorf, gelangt man zur Gemeindewirtschaft, dem Elfer-Ratskeller; das nicht nur karnevalistische Herz des drittgrößten Duderstäder Ortsteils. Auf dem Weg passiert Müller ein Fachwerkgebäude. „Das“, meint Müller, „war vermutlich ein Vorwerk der Familie von Minnigerode. Aber auch hier gibt es keinen Beleg.“ Man sieht, wie ihn wurmt, dass nach ellenlanger Buddelei in Archiven Rätsel verbleiben, die sich einfach nicht aufklären lassen.

Die Wirtschaft ist im Besitz der Realgemeinde, eines der Verbände also, der gemeinschaftlichen Besitz verwaltet. Auch das gibt es sonst kaum noch. Verpachtet ist der Elfer-Ratskeller, der benannt ist nach dem Parlament für die närrichen Zeiten, an den MCV, den Mingeröder Carnevalsverein. Der wiederum hat den Ratskeller unterverpachtet. „Für den Verein hat vor allem der kleine Saal im Haus große Bedeutung“, gibt Müller seine Einschätzung. Hier herrsche bei den Büttenabenden eine gute Atmosphäre. Das sei andernorts nicht reproduzierbar. „Wir hatten das mal nach Duderstadt verlegt, da kam keine Stimmung auf.“ Die Ursprünge des hiesigen Karnevals reichten bis vor „den Krieg“ zurück: In den 50er-Jahren hat sich das Virus ausgebreitet: „Irgendwann war das halbe Dorf dabei.“ Ob der alte Brauch des „Erbsenbärs“ in Mingerode, an den sich Müller erinnert, auch zum Karneval gehörte? Er ist sich nicht sicher. Eine seltsame Gepflogenheit: Ein Mann wurde mit Erbsenstroh umwickelt und als tanzender Bär durch den Ort geführt. Ein Element aus der alemannischen Fastnacht, ein archaischer Erntezauber. Wie er seinen Weg nach Mingerode fand? Es bleibt ein Rätsel.

Der unsichtbare Bach fließt weiter, unter der vielbefahrenen Bundesstraße hindurch. „Rush hour in Mingerode“, kommentiert Müller fein lächelnd, als die Wartezeit zum Überqueren wächst. Jenseits der Durchgangsstraße liegt die Lindenallee. Etwas verlassen ziehen sich die Bäume auf der breiten Schneise in Richtung Rübenschnellweg nach Germershausen, der über die neu hergerichtete „100-jährige Hahlebrücke“ führt. Angelegt wurde die Allee in den 1950ern von der Schuljugend anstelle von Apfelbäumen. Ab 1967 verrohrte man auch diesen Teil des Baches. Als Oberkreisdirektor Alexander Engelhardt Ende der 70er-Jahre zu Besuch war, kommentierte er die großzügige Straße: „Was ist denn hier los?“ Eine der schönen Ecken des Dorfes.

Wenn da nicht Häuser wären wie der Bauernhof, der „seit mindestens 50 Jahren leersteht“ und langsam verfällt. Das ist Müller ein Dorn im Auge. Doch ändern lässt es sich eben nicht. Viele Menschen sind gerade nicht unterwegs, „mehr werden es auch bei schönem Wetter nicht.“ Der Seniorentreff bei den Bänken zwischen den Baumreihen habe sich schnell wieder aufgelöst. „Diese Scheune“, fährt Müller fort, „gehört zu denen, die der Brandserie in den 50er-Jahren zum Opfer fiel. Ich erinnere mich noch, wie die Bewohner ihre Matratzen aus den Fenstern warfen, weil sie dachten, der Hof würde in Flammen aufgehen.“ Fünf Scheunen und drei Höfe brannten damals insgesamt nieder. Der Täter wurde nie gefasst.

Obwohl beispielsweise der MCV gut frequentiert wird und viele unterschiedliche Angebote für junge und alte Bewohner existieren, befindet sich auch Mingerode in einer Umbruchzeit, meint Müller – wie man anhand der Feierlichkeiten beobachten könne. „Ältere Feste wie die Kirmes oder das Spätsommerfest sterben, neue Dinge treten an ihre Stelle.“

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Mingerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 25. August. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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