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Maibäume, die fast bis in den Himmel ragen

Folge 21: Obernfeld Maibäume, die fast bis in den Himmel ragen

Die Brautwahl in Obernfeld war einfach gelagert, erklärt Karl Morick, ehemaliger Vorsteher der Realgemeinde. „Entweder sie kann ein Kunststück oder sie hat ein Grundstück“, zitiert er grinsend einen althergebrachten Grundsatz. Man nutzte die Heirat zur Erhaltung oder Vergrößerung des Besitzes.

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Dorfzentrum: Rechts steht der Museumskrug, dahinter ist die Gemeindeverwaltung mit der rechts angrenzenden Schule, links daneben ist die Kirche zu erkennen.

Quelle: Blank

Es war ein wohlhabender Ort, da mussten die Maibäume höher sein als der Dachfirst des Hauses, vor dem er stand; da hatten 132 von 180 Betrieben einen Trecker (einer hatte zwei), bald nachdem sie auf den Markt kamen, da trugen die Frauen Tracht, die nicht ganz günstig war. Und das bis in Adenauers Republik, entsinnt sich Morick: „Meine Oma ist mit der schwarzen Haube in den 50er-Jahren noch in die Kirche gegangen.“

Reich war jedoch auch Obernfeld nicht, das stellt Moricks Kompagnon bei der Ortsführung, der Ex- und Ehrenbürgermeister Alois Ehbrecht senior, klar. Und natürlich ist – wie allgemein in der Region und darüber hinaus – die Landwirtschaft zurückgegangen, gleiches gilt schon lange für den Tabaksanbau, der in Obernfeld florierte und dem die Trecker zu verdanken waren. 109 landwirtschaftliche Betriebe waren es 1971, 14 sind es heute noch. Die großen Höfe im Altdorf, an denen Ehbrecht senior und Morick vorbeiführen, sind oft nur noch von einer Person bewohnt. „Wie hier“„ sagt der 73-jährige Morick und weist auf einen der einst größten Höfe aus alten roten Ziegeln. Dort wohnt seit 20 Jahren eine Dame, inmitten von mehreren Scheunen, Ställen und dem Wohnhaus.

An die Stelle der Landwirtschaft trat auch in Obernfeld die Pendelei in die nahen Städte, dazu blieben einige Handwerksbetriebe, und der ein oder andere auswärtige Arbeitgeber ließ sich hier nieder. Vielleicht einer der Gründe, warum die Gemeinde noch schuldenfrei ist. Doch dies sind Phänomene, die auch die anderen untereichsfeldischen Dörfer betreffen. Was unterscheidet Obernfeld von anderen Orten?
„Es sind drei Punkte“, kündigt der ehemalige Realgemeindevorsitzende Morick, der zu fast jeder Gelegenheit mit lebensprallen Schwänken aufwarten kann, an. Zum einen: „die große Flur. Fast jeder hatte ein Stück Land, im Durchschnitt waren es 40 Morgen.“ Zum zweiten die Dimension der Maibäume. „Man wollte sich ja nicht schämen.“ Deshalb waren sie lang. So lang, dass man hin und wieder an die elektrischen Leitungen stieß, die damals oberirdisch verliefen. „Da hat es auch schon einmal ordentlich gefunkt“, sagt er und bebt vor Lachen.

Und die dritte Besonderheit: „die Hausschlachtungen.“ Hausschlachtungen? Die gab es doch in so gut wie jedem Ort? „Aber in Obernfeld lugte im Winter zur Schlachtezeit aus jeder zweiten Tür jemand und wartete auf den Fleischbeschauer. Nie wäre jemand am Schlachtetag aufs Feld gefahren. Jeder hat mit angepackt.“ Nicht wie in anderen Dörfern: „Dort erlebt man das blaue Wunder.“ Abgegrenzt habe man sich früher gegen die Brehmestädter: „Wer ein guter Obernfelder war, der hielt sich die Duderstädter vom Leib.“

Ein lautes Geknatter ertönt, um die Ecke biegt ein Sitzrasenmäher, der mit zehn Kilometern die Stunde in Richtung Friedhof enteilt; Letzterer stellt eine essenzielle Station auf dem Gang durch die Dörfer dar. Ein Fenster in die Vergangenheit – jedenfalls bei den Gräbern, die nicht entfernt werden. Wie das von Pfarrer Ludwig Flörke, der aus Hannover nach Obernfeld kam, hier neben der Seelsorge noch Landwirtschaft betrieb und sich ein Denkmal setzte, indem er viel Geld für den Anbau der Kirche 1912 sammelte. „Mein Kind, was bringst du mir“, habe er immer gesagt, wenn jemand ihn aufsuchte, gräbt Morick in den Berichten seines Großvaters. Die Kirche aber ist heute noch eine Besonderheit: der Turm von 1448, das Langhaus von 1629 und der Anbau von 1914. Ein Mannhaus, das Frauen und Männer innerhalb des Gotteshauses trennte, gibt es nicht. „War ja genug Platz nach der Erweiterung“, wirft Morick ein. „Man sagt ja nicht von ungefähr: der Dom des Untereichsfeldes“, ergänzt Ehbrecht. Für die Pennäler der Schule war es ein Katzensprung von der Frühmesse in den Unterricht. Die heutigen Grundschüler müssen diesen Gang nicht mehr unternehmen. Ob sie ahnen, dass unter ihnen früher verderbliche Kostbarkeiten ruhten, in der gemeinschaftlichen Frostfach-Anlage?

Auf dem Friedhof säumen Linden die Wege. Sie bildeten einmal ein Kreuz, wie sich das gehört im christlichen Kontext. Jedenfalls bis der eine Arm abhanden kam, als man 1972 die Kapelle errichtete und einige Bäume weichen mussten. Vor deren Bau begannen Begräbnisse zuhause: Den Leichnam bahrte man bei gutem Wetter im Hof auf, bei schlechtem im Flur. Noch 1971 sei das nach dem Tod seines geschichtenträchtigen Großvaters so gewesen, berichtet der Katholik Morick. Seine Konfession lässt sich an der Namensschreibung erkennen, sagt er. Die evangelische Schreibweise: Morig.
An der Klus, die am Eingang steht, bleibt Ehbrecht, seit drei Wochen nur noch ehemaliger Ortsheimatpfleger, stehen. „Die hat Josef Ehbrecht gestiftet.“ Ein Verwandter von ihm? „Natürlich! Alle Ehbrechts im Ort sind verwandt. Ich selbst habe eine Tafel zuhause mit gut 100 Namen darauf.“ Wie die B 247 zustande kam, steht ihm, dem langjährigen Bürgermeister, noch lebhaft vor Augen, wie er nahe der vielbefahrenen Bundesstraße zum Besten gibt. Als aus Hannover jemand zum Ausmessen kam, habe er fehlenden Platz für den Straßenbau moniert. „Das kriegen wir schon hin“, war Ehbrechts Antwort. Die Straße kam. „Vielleicht war’s ein Fehler“, sagt er und zieht leicht fragend die Schultern hoch.

Sicher ist: Die Gemeinde ist stolz auf ihre Sportler. An jedem Ortseingang, ob Wirtschaftsweg oder Bundesstraße, prangt das Schild: „Radball 1. Bundesliga“. Bei den Aufstiegen herrschte Ausnahmezustand im Dorf. Auch wenn die Leistungsdichte beim Radball nicht mit anderen Sportarten vergleichbar ist: Erste Liga in einem Dorf mit knapp 1000 Einwohnern – das ist ja schon fast ein Kunststück. Wenn schon kein Grundstück.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Obernfeld finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 8. September. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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