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Musiker, Geschäfte und ein Abtstuhl im Heckennest

Renshausen Musiker, Geschäfte und ein Abtstuhl im Heckennest

Wer von Krebeck nach Renshausen will, der muss suchen. Kein Schild weist ihm den Weg an der alten Ziegelei vorbei, den Berg hinauf und ins Tal hinunter.

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Blick hinab nach Renshausen: Der etwas abgelegene Ort befindet sich in einer Senke, von Wald und Hecken umschlossen.

Quelle: Tietzek

Wer nach Renshausen will, der muss bergab – aus drei von vier möglichen Richtungen. Auf der anderen Seite, meint Hermann Friederici senior, der ältere der beiden ortskundigen Renshäuser, die einen Einblick in ihr Heimatdorf geben, fährt man auch aus drei Richtungen durch den Wald, wenn man nach Renshausen möchte – oder es verlassen will. Also so ganz zentral, könnte man sagen, liegt Renshausen nicht. Dabei leistet sich das 400-Einwohner-Dorf mit Groß Thiershausen einen eigenen Ortsteil – inklusive grünem Schild. „In der Nähe befand sich das Dreiländereck, wo die Landkreise Northeim, Duderstadt und Göttingen zusammenstießen“, erklärt der 78-jährige Ex-Landwirt und seine Goldzähne blitzen für die Dauer eines Grinsens im Licht der lauen Abendsonne auf. Mit der Zahl drei haben sie es hier.

Noch viel mehr haben sie es anscheinend mit der Musik. Friederici ist der Seniormusiker: Seit Jahr und Tag spielt er die Ziehharmonika – „schon meine vierte“. In der vergangenen Woche sei er vier Tage auf Geburtstagen älterer Herrschaften unterwegs gewesen. Sein Erfolgsrezept: „Singen und Spielen.“ Nur eines von beiden, das sei nicht genug. Man kann ihn sich vorstellen, wie er mit kaum merklichem Zittern in die Tasten haut und dazu leicht feixend alte Weisen intoniert. Hubert Nienstedt steht ihm kaum nach. Seit 1980 steht er dem Männergesangverein vor, seit 1953 ist er Mitglied. Beide waren sie Mitglieder der fast weltberühmten „Original Eichsfelder Musikanten“. Die Blasmusikkapelle löste sich auf, als der Erfolg kam, denn mit ihm kam der Streit. „Ums Geld“ hat man sich gezofft, sagt Friederici.

Doch nicht nur die beiden, der halbe Ort scheint musisch veranlagt: Da ist der Gesangverein, „Die singende Dreizehn“, ein weiterer Chor und die Renshäuser Blasmusik, der auch Krebecker angehören. Auch eine Galerie und ein Kunstschmied sind ansässig. In vergangenen Zeiten, munkelt man, wurden Krebeck und Renshausen schon als „Dörfer der Muse“ bezeichnet. Die Kunstsinnigkeit erklären können auch Nienstedt und Friederici nicht. Aber soviel muss klar sein: „Ich freue mich, hier leben zu dürfen“, wirft Friederici ein.

Vielleicht liegt es ja an der Lage: ganz am Rande des Eichsfeldes, in einem kleinen abgeschiedenen Heckennest: eine Bezeichnung, die weniger abschätzig gemeint als vielmehr ein Spitzname ist, den sie hier durchaus mit Stolz tragen. „Heckenrosen“ nennt sich etwa die neuformierte Frauengemeinschaft. Auch wenn der Kranz der namensgebenden Hecken um das Dorf früher dichter gewesen sei, wie Nienstedt zugibt. Aber alles in allem erfüllt Renshausen noch einige Punkte der Definition von „ländliches Idyll“. Die Kühe weiden ein paar Meter vom Dorfkern entfernt, die Kinder flitzen auf Rollern die Hauptstraße hinunter.

„Da drüben ist das Feuerwehrhaus“, merkt Nienstedt trocken an. „Es steht da halt, ist schön, mehr gibt’s dazu glaub ich nicht zu sagen.“ Mehr zu sagen hat der Dachdecker im Ruhestand, der seit 30 Jahren Küster ist, hingegen zur Kirche Mariä Geburt. Friederici sitzt andächtig in der hohen hellen Halle und lauscht Nienstedts Ausführungen. So andächtig, wie beide später den Ausführungen des Neubürgers zuhören. Heinz Peter Miebach, Militärseelsorger im Ruhestand, hat zu Kaffee und Kuchen geladen. Warum ist der Rheinländer vor zwei Jahren hierher kommen? Er sei auf der Suche nach einem Ort der Stille gewesen, einem Ort, an dem Menschen zur Ruhe kommen können. Er suchte Stille – und fand Renshausen.

Das historische Brunnenhaus ist hergerichtet, und die Menschen haben wieder einen Pfarrer vor Ort. Dazu haben sie ein Pfarrhaus, in dem sich Jugendgruppen, Pfadfinder oder Zivilisationsmüde inmitten eines Möbelsammelsuriums mitsamt gartenbestuhltem Partykeller erholen können. Im Erdgeschoss gar mit eigener Kapelle, wie Miebach stolz bei seinem Rundgang durch den ehemaligen Klosterhof vorführt. „Josefskapelle“ steht in metallenen Lettern an der Tür. Als sie sich öffnet, erklingt Musik. „Die Menschen ertragen die Stille nicht“, erklärt Miebach mit den beiden Ortskundigen im Schlepptau. Zweimal die Woche hält er zwischen Stühlen und einem alten Abtstuhl eine Andacht. 20 Renshäuser nehmen sein Angebot im Schnitt an.
Dazu regte der Seelsorger die Gründung der Heckenrosen an, auch die Kolpingfamilie wurde belebt. Miebach sitzt im kleinen Häuschen mit dem freigeräumten, verglasten Brunnen in seinem Wohnzimmer, setzt die Kaffeetasse ab, faltet die Hände vor dem Bauch und lächelt zufrieden.

Einen Glücksfall für Renshausen nennt Nienstedt den Pfarrer in Diensten der Stille, als man sich auf dem Weg zum Dorfladen befindet. Der hat weniger mit Glück zu tun, ist aber trotzdem erstaunlich: Bäcker, Lebensmittelladen und gegenüber die Getränkebude – das weisen nur wenige Orte in der Region auf. Was noch bemerkenwert ist für Renshausen? Das Dorfgemeinschaftshaus, da sind sich Friederici und Nienstedt einig. Die ehemalige Schule, die 1958 aus Zonenrandmitteln gebaut, 1969 geschlossen und 2004 auch dank des reichen Krebeckers Adolf L. Heine, dem zu Wohlstand gekommenen Auswanderer nach Amerika, umgebaut wurde. Da geraten die Zwistigkeiten zwischen Krebeck und Renshausen in Vergessenheit.

Schade findet Friederici, dass früher sieben Quellen im Dorf plätscherten, die heute „alle versiegt“ sind; wegen der Tiefbrunnen, die ab 1928 Wasser für den Altkreis lieferten, anfangs bis zu 40 Prozent des Bedarfs. Von drei Brunnen sind zwei erhalten. Der Dritte ist versandet.

Die beiden musizierenden Ortsführer verabschieden sich. Die Sonne geht unter, am Dorfrand rasten zwei Fahrradfahrer. Am Hof neben der Kirche steigt eine Familie aus dem Auto. Sie wähnt sich unbeobachtet und singt laut einen Kanon.

Weitere Infos und Bilder zu Renshausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 15. September. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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