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Ruhiges Wasser und ein 80 Meter hoher Thron

Rhumspringe Ruhiges Wasser und ein 80 Meter hoher Thron

Die Wasser der Rhume fließen stetig durch das Dorf, gleichförmig gespeist von der Quelle im Karstgestein, der drittgrößten in Deutschland. 5000 Liter pro Sekunde sprudeln im besten Fall aus dem Boden und lassen das Flüsschen nach wenigen Metern anwachsen.

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Blick vom Lindenberg auf Rhumspringe: Das optisch beherrschende Element ist das ehemalige Schickert-Werk mit seinen 80 Meter hohen Türmen.

Quelle: Thiele

Es fließt durch den Ortskern mit den verputzten, verhängten, verkleideten Fachwerkhäusern – nur dem Spritzenhaus mit den Zechsteinen aus dem Steinbruch an der Rhumequelle sieht man die alte Bausubstanz an. Auf den Grundstücken, die direkt bis an ihren Rand reichen, mähen die Menschen Rasen, hängen ihre Wäschen zum Trocknen auf oder schauen dem Treibgut zu, das es vielleicht einmal bis ins Meer schafft. Von den Ereignissen um ihn herum ließ sich der Fluss nicht beirren: Nicht vor vier Jahren, als das Rhumehotel schloss, nicht vor sieben Jahren, als die Papierfabrik aufgeben wurde. Auch die Schließung des Kohlekraftwerkes 1972 dürfte nicht mehr als ein kurzes Aufmerken bewirkt haben. Auch wenn bis dahin eine Menge seines Wassers in den pilzförmigen Betonkühlturm des Kraftwerkes mit eigenem Bahnanschluss und rund 300 Mitarbeitern gepumpt wurde.

Zuvor gab es keine Blondinen in Rhumspringe, meint Heinrich Diederich, 78-jähriger Lehrer im Ruhestand, und die Enden seines Bartes ziehen sich nach oben. Die hohen Schornsteine pusteten dunklen Rauch in den Himmel über der Gemeinde, die neben Duderstadt einmal die industriestärkste im Untereichsfeld war. „Wenn der Wind schlecht stand, war die Wäsche schwarz“ – und die Frauen hatten Haar wie Ebenholz. Er und seine beiden Ko-Ortsführer stehen auf dem Gelände des „Kraftwerkes“, wie es genannt wird. Nicht ganz korrekt, wie er findet. „Schickert-Werke“ sei die genauere Bezeichnung – auch wenn die Anlage als Kraftwerk der Preussen Elektra länger in Betrieb war. Ursprünglich errichtet wurde der Industriekoloss mit einer Fläche von 17,61 Hektar von den Nationalsozialisten. Genauer: mit dem Blut und Schweiß von 1600 Zwangsarbeitern. Hier sollte Wasserstoffperoxid hergestellt werden, als Treibstoff für U-Boote und V2-Raketen – über den Probebetrieb kam man nicht hinaus. Bis heute hält sich die Geschichte, hier sollte „schweres Wasser“ für den Bau von Atombomben produziert werden – „ein Gerücht“ sagen die Hobby-Historiker Diederich und der 71-jährige Fritz Schmiedekind. Beide sind Teil der Heimatgruppe mit Ortsheimatpfleger Rolf Adler, die seit Jahren die lokale Geschichte erforscht.

Von weither sind die beiden wuchtigen, 80 Meter hohen Schornsteine auf dem Werksgelände zu sehen – sie üben einen ganz eigenen Reiz aus. Wie ein Thron muten die Bauten am Rande des 1800-Einwohner-Dorfes an. Die Gebäude bilden die Sitzfläche, über ihnen sollte sich eigentlich die Rückenlehne zwischen den Schornsteinen erheben.

Lange floss die Gewerbesteuer stetig wie die Wasser der Quelle. Man verlegte die Rhume, um einen Sportplatz zu errichten, von den inzwischen aufgebrauchten Rücklagen zehrte die Gemeinde lange. In die Brache zogen kleinere Betriebe ein: Der Generalimporteur US-amerikanischer Jachten (das Mittelklassemodell mit hellem Teppich und Mikrowelle zu 95 000 Euro), eine Tischlerei, ein gigantisches Papierlager und kleinere Unternehmen.
„Ich bin zum ersten Mal auf dem Gelände“, gesteht die 19-jährige „Nixe Rhuma“, im bürgerlichen Leben Katharina Böning. Seit sieben Jahren ist die Nixe das lebendige Wahrzeichen des Ortes. Sie tauchte der Sage nach als Wasserstrom in die Erde, um dem Zorn des Vaters zu entkommen. Der Grund: Sie liebte den Falschen. Alle zwei Jahre wird eine Nixe aus den Bewerberinnen gewählt, Böning hat ihr erstes Dienstjahr absolviert.

Es verwundert nicht, dass Schmiedekind sagt, der Rückgang der Industrie sei die gravierendste Veränderung der letzten Jahrzehnte gewesen. In positiver Hinsicht war es der Bau der innerörtlichen Umgehung 1992, hält Diedrich dagegen. Die Straße verläuft auf dem alten Bahndamm der Strecke Bleicherode-Herzberg.

Die Rhumequelle als landschaftliche Attraktion ist dauerhafter als die flüchtige, verschwundene Industrie. Dem blau-grünen Wasser des Quelltopfes sieht man den hohen Wasserausstoß nicht an. Nur eine leichte Bewegung des acht Grad warmen Wassers ist an der Oberfläche zu beobachten. „Früher haben wir in der Rhume sogar gebadet“, meint Böning – trotz der Kälte.

Die drittgrößte Quelle Deutschlands nach Ach und Blautopf zieht Besucher an. Dass sie sich am linken Wegesrand bereits auf dem Gebiet des Nachbarortes Pöhlde und somit im Landkreis Osterode bewegen, dürfte den beiden Damen aus München, die ihrem silbernen Cabriolet entsteigen, allerdings kaum bewusst sein. „Oft halten hier Busse auf dem Weg in den Harz“, sagt Diederich. „Die Leute steigen aus und gehen einmal um die Quelle.“ Beim Schützenfest – einem der Höhepunkte im Kalender – ist es mit Beschaulichkeit jedoch vorbei. „Da geht die Party ab“, meint Nixe Katharina, die Leute kämen aus der ganzen Umgebung. Das Gegenstück für die Älteren ist der Schützenumzug mit 400 Teilnehmern, viele in Tracht. Was noch prägend für den Ort sei? Die ausgeprägte Religiosität. „Rhumspringe ist sehr katholisch“, meint Böning, die selbst die komplette Karriere durchlaufen hat: „Von der Sternsingerin über Lektorin bis zur Messdienerin.“ Manche Menschen, sagt sie, kommen eigens für den Gottesdienst ins Dorf. „Der ist hier so feierlich.“

In der Rhume badet die Nixe nicht mehr. Doch den Blick auf das fließende Wasser genießt sie bis heute. „Es ist irgendwie beruhigend.“

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Rhumspringe finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 22. September. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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