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Schrumpfender Staat im Nest der Wespen

Esplingerode Schrumpfender Staat im Nest der Wespen

Stellen Sie sich diese Straße vor“, sagt Eckardt Heinz, „mit dem Verkehr, der jetzt auf der Umgehung fährt.“ Er zeigt die verlassen daliegende Durchgangsstraße von Esplingerode, die bis vor einigen Jahren täglich unter der Last von tausenden Fahrzeugen ächzte: 40-Tonner, Transporter, Autos – fast der gesamte Verkehr von Göttingen nach Duderstadt. 6768 Fahrzeuge, um genau zu sein.

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Esplingerode, das „Nest der Wespen“: Von Bäumen umrahmt liegt das Bauerndorf mit den 149 Einwohnern in der Goldenen Mark.

Quelle: Pförtner

Diese Zahl wurde bei einer Verkehrszählung im Jahr 1993 ermittelt. Später sollen es sogar 9000 gewesen sein. Nachts pflügten die großen Brummer durch das „Wespen“-Nest (nach dem Spitznamen der Bewohner). Schwerlasttransporte rissen in einer engen Kurve Gartenmauern nieder, an der Straße liegende Häuser wiesen Risse auf, schildert der 62-jährige ehemalige Bundespolizist, der gemeinsam mit zwei Försters – Walter und Birgit – sowie Katharina Leineweber eine Bürgerinitiative für die Umgehung initiiert hatte. Alte und Kinder konnten kaum die Straße überqueren. „Die Erde hat gebebt“, schildert Anwohner Thomas Klein die Situation.

Mehr als 40 Jahre musste der Ort auf die Erlösung vom Lärm warten. Erste Überlegungen in diese Richtung gab es bereits 1962, doch ernst wurde es erst im Jahr 2000, dank der Milliarden aus der Versteigerung der UMTS-Lizenzen – telefonieren für den Straßenbau. Am 28. Juli gründete sich die Bürgerinitiative, am 5. August war klar: Die Straße kommt. Heinz erinnert sich, er hat alle Artikel und Unterlagen archiviert und blättert sich nun durch die Klarsichthüllen.
Der Lärm verebbte erst am 27. November 2003. An diesem Tag wurde die Ortsumgehung eingeweiht. Heute ist es ruhig – fast ein wenig zu ruhig. Der Verkehr verläuft inzwischen auf der Bundesstraße 446 um Esplingerode herum – ein großer Gewinn für das Dorf, zumindest, was die Lebensqualität der schwindenden Einwohnerschaft angeht. Denn Esplingerode ist – überspitzt gesagt – in einer Nussschale das, was auch anderen Orten droht: ein Dorf auf dem Weg zur Wüstung. 149 Esplingeröder weist die Statistik aus dem Dezember 2009 auf – das Dorf ist damit das kleinste im Untereichsfeld. Diese Position hat es schon lange inne, doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 149 Einwohner sind es Ende 2009, 209 waren es noch vor 37 Jahren, 1935 gar 238.

Von den 50 Häusern im Dorf stehen zwölf leer. Um ein Baugebiet müht man sich seit Jahrzehnten vergeblich. „Stillstand ist Rückgang – dafür ist hier kein Feld“, hatte der einstige Bürgermeister Karl Kellner vor Jahren im Gedicht „Mein Esplingerode“ getextet – doch der Acker des Rückgangs wird auch hier gepflügt. Dabei hat Esplingerode schöne Seiten, wie nicht nur die Einwohner finden. Das gemütliche Bauerndorf liegt in grüner Natur mit einem weiten Blick vom Hohen Baum unweit der Siedlung, ist aber gleichzeitig gut an das Busnetz angebunden.

Am Rand des Ortes spielen Kinder auf der Straße, sie legen Äste über die Höre, um über den Bach zu klettern. Doch allzuviel Nachwuchs gibt es eben nicht. Zwar ist man regelmäßig an der Spitze der Duderstädter Geburtenstatistik, aber das ist der geringen Einwohnerzahl geschuldet. Da hat jede Geburt starkes Gewicht. „Da müssten in Duderstadt selbst hunderte Kinder geboren werden, um mit uns gleichzuziehen“, meint Heinz und legt sein sonnengebräuntes Gesicht in Lachfalten – milder Galgenhumor.

Neben der Backsteinkirche, ebenfalls an der alten, heute unbefahrenen Ortsdurchfahrt gelegen, befindet sich die alte Dorfschule. Der vordere Teil des Gebäudes, in dem ab 1909 die Kinder unterrichtet wurden, steht zum Verkauf. Aus dem hinteren Teil klingt leise Musik, die Vorhänge sind zugezogen. Es klickt und klackt, vor und zurück, rhythmisch hin und her. Tischtennis, das ist der Sport in Esplingerode, dem einzigen Ort im Untereichsfeld, der keinen Sportplatz hat. Lena (12) und Andreas (11) trainieren etwas einsam in der kleinen Mehrzweckhalle mit dem hellen Holzboden. Hinter ihnen prangen drei Plakate an der Wand: 800 Jahre Esplingerode, 50 Jahre Feuerwehr und 50 Jahre Tischtennisclub. Nominell ist mehr als das halbe Dorf in dem Sportverein mit 92 Mitgliedern. „Kreisliga“ spielt sie, glaubt Lena. Aber dass es Spaß macht, daran besteht kein Zweifel, wenn man die beiden beobachtet. Das Vereinsleben gibt Halt: der Tischtennisverein, die Feuerwehr, die, als sie für die Teilnahme noch genug Mitglieder hatte, bei Wettkämpfen erfolgreich war.
Folgt man der Straße etwas weiter, an der die Schule und die Kapelle liegen, vorbei am Friedhof mit der Gedenkstele für den Maler Heinrich Weber, gelangt man an den Ortsausgang: „Duderstadt 5 Kilometer“. Ein weiteres Hinweisschild erlaubt nur dem landwirtschaftlichen Verkehr die Weiterfahrt. Und die breite Asphaltstraße liegt da im Sonnenschein. Eine Route, die inzwischen gern von Fahrradfahrern genutzt wird, so Heinz von der Bürgerinitiative, die bis heute besteht. Warum sie sich nicht aufgelöst hat? Es kam immer etwas dazwischen, meint er. Aber vielleicht klappt es ja in diesem Jahr.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Esplingerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 9. Juni. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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Begleitserie zu „Wir im Eichsfeld“, Folge 6

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