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Schützentradition vereint die Generationen

Gemeinsames Hobby in Familie Schützentradition vereint die Generationen

Wer unbedingt Schützenkönig werden will, wird keiner“, sagt Willi Linkhorst. Verbissenheit sei im Schießsport fehl am Platz. Der Rhumspringer spricht aus Erfahrung.

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„Wenn die ganze Familie das gleiche Hobby hat, gibt es auch Diskussionen“: Andreas Schröder (l.), Willi Linkhorst, Katrin Schröder.

Quelle: AT

Seit 1977 ist er Mitglied in der örtlichen Schützengesellschaft St. Sebastian, die es seit 1496 gibt. In seinem fast 20-jährigen Ehrenamt als Jugendwart und zwölfjährigem als zweiter Vorsitzender sah er viele Majestäten kommen und gehen.

„Ein guter Schütze braucht ein ruhiges Wesen, ein gutes Auge und eine sorgfältig trainierte Technik“, erklärt der Rhumspringer. „Die Technik betrifft vor allem die Atmung“, ergänzt Enkelin Katrin Schröder. Sie beschreibt den Moment, wenn die Zielscheibe aufs Korn genommen wird und man dann kurz vor dem Abdrücken die Luft anhalten muss. „Wer zu früh die Luft anhält, fängt an zu wackeln“, weiß die junge Frau. Sie kennt sich aus.

Als Kind wurde sie vom Opa mitgenommen und durfte bei den Übungsschießen zusehen. Inzwischen hat sie schon dreimal die Königswürde erlangt, war Vize-Landesmeisterin und hat an der Deutschen Meisterschaft in München teilgenommen. Auch ihre Mutter Eva-Maria, die Tochter von Willi Linkhorst, ist aktive Schützin und trat 1978 der Schützengesellschaft bei. 1983 heiratete sie Andreas Schröder.

Den gelernten Küchenmeister zog es aus beruflichen Gründen ins Eichsfeld. In seiner Heimatstadt Kassel hatte er das Schießen bereits ausprobiert, seit 1985 ist er ebenfalls Mitglied bei den Rhumspringer Schützen und inzwischen auch zweiter Vorsitzender der Gesellschaft. „Es ist schön, mit der ganzen Familie bei den Veranstaltungen der Schützen teilzunehmen. Alle sind beteiligt, das fördert die Gemeinschaft“, sagt er. „Wenn die ganze Familie das gleiche Hobby hat, gibt es manchmal auch Diskussionen“, verrät seine Tochter und zwinkert ihrem Opa zu. Der weiß gleich, was gemeint ist und lacht: „Früher ging vieles lockerer zu. Heute gibt es schärfere Regeln und Sicherheitsbestimmungen. Ich sage: Wir haben das damals so und so gemacht, und Katrin sagt: Heute ist das aber so und so.“

Die Enkelin erklärt: „Ein hartes Waffengesetz ist wichtig, aber manche neuen baulichen Auflagen bereiten gerade kleineren Vereinen Schwierigkeiten.“ Als Beispiel nennt sie die Auflage, den Schießstand zu kacheln, damit er von den Bleiablagerungen besser gereinigt werden kann. „Wenn heute alles so streng geregelt wird und das mit Kosten verbunden ist, sterben die kleinen Vereine auf den Dörfern aus,“ sagt sie.

Nachwuchssorgen hat die Schützengesellschaft St. Sebastian noch nicht. „Wir haben zurzeit 15 Jungschützen, davon träumt man woanders“, weiß Andreas Schröder. Heute locke die Jugend in erster Linie der sportliche Anreiz. „Seit es die Lasergewehre gibt, können sogar Kinder auf die Scheibe schießen und an Wettbewerben teilnehmen. An das Luftgewehr dürfen erst Zwölfjährige“, erklärt Willi Linkhorst.

In Rhumspringe gibt es vier Stände für Kleinkaliber-Gewehre und acht Stände für Luftgewehre. Kinder und Jugendliche sollen von Anfang an den Respekt vor der Waffe lernen. Niemals würden sie alleine schießen, an jedem Stand sei eine Aufsichtsperson dabei. „Schießen ist ein Sport wie jeder andere, aber man muss den nötigen Ernst mitbringen,“ sagt Katrin Schröder. In ihrer Familie seien die Waffen bereits vor den verschärften Gesetzen in den Stahlschränken im Schützenhaus aufbewahrt worden. Doch auch den traditionellen Aspekt der Schützengesellschaft hält die Familie für wichtig.

„Wenn die Jugendlichen gute Leistungen erbringen und dann vor dem Schützenumzug geehrt werden, ist das eine gute Sache. Die sind richtig stolz darauf“, sagt Andreas Schröder. Die Pflege der Tradition sei eng verbunden mit sozialem Zusammenhalt. Selbstverständlich marschierten alle beim Umzug mit – auch wenn man am Abend vorher schon gefeiert habe. „Jeder Schützenverein pflegt beide Seiten, die sportliche und die traditionelle“, fügt seine Tochter hinzu.

Sie ist außer bei den Rhumspringer Schützen auch in Duderstadt und in Pöhlde aktiv. „Ab einem bestimmten Leistungsniveau kommt man nur in den größeren Vereinen weiter“, erklärt sie. Als junges Mädchen sei sie ehrgeizig gewesen, „aber je höher die Leistungsklassen, desto mehr bleibt die Kameradschaft auf der Strecke und man wird zum Einzelkämpfer“, bedauert sie. Früher sei sie dreimal in der Woche zum Training gefahren, seit sie arbeitet, bleibt für ihr Hobby allerdings wenig Zeit.

Willi Linkhorst nimmt nicht mehr an den Wettkämpfen teil, aber seit 2002 ist er Ehrenmitglied in der Gesellschaft St. Sebastian. In seiner aktiven Zeit hat er die öffentlichen Veranstaltungen wie das Familienschießen und das Vogelkönigsschießen ins Leben gerufen, die das halbe Dorf zusammen bringen. Heute stellt der Rentner noch die Scheiben für das Vogelkönigsschießen her. Ob die Familientradition im Schützenverein auch in den nächsten Generationen Bestand hat, weiß man nicht. „Wenn ich mal Kinder habe, würde ich sie nicht in dieses Hobby zwingen, aber schön wäre es natürlich, wenn sie Interesse hätten“, sagt Katrin Schröder. Allerdings stehen die Chancen dafür gut. Ihr Freund, der Rüdershäuser Marc Lorenz, ist ebenfalls Schütze – kennengelernt haben sich die beiden beim Schießen.

Von Claudia Nachtwey

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  Das Schützenwesen hat seinen Ursprung im Mittelalter und diente der Verteidigung von Städten und Gemeinden. Während die Schützenbruderschaften sich bis heute in erster Linie karitativen und kirchlichen Aufgaben widmen, steht in Vereinen und Gesellschaften oft der sportliche Aspekt im Vordergrund. Im 19. Jahrhundert erlangten sie als demokratisch organisierte Bürgermilizen eine zunehmend politische Funktion. Im frühen 20. Jahrhundert wurden sie allerdings von neuen Formen radikaler Wehrverbände in den Hintergrund gedrängt und fanden eine Nische in kirchlich-konservativ geprägten ländlichen Regionen.
Nach dem zweiten Weltkrieg verboten die Alliierten das deutsche Schützenwesen mit seinen uniformierten Waffenträgern. Erst Anfang der 1950er-Jahre wurden die Schützenvereine in der Bundesrepublik wieder zugelassen, während sie in der DDR untersagt blieben. Erst nach der Wiedervereinigung war ein Neuaufbau des Schützenwesens in den neuen Bundesländern möglich.
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