Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Silberfüchse, Bushäuschen und ein dramatisches Jahr

Folge 24: Rollshausen Silberfüchse, Bushäuschen und ein dramatisches Jahr

Eigentlich, finden Karl Kreis und Werner Koch, liegt Rollshausen ziemlich zentral. Die B 27 ist nicht weit, die B 247 liegt nur wenige hundert Meter entfernt.

Voriger Artikel
Schützentradition vereint die Generationen
Nächster Artikel
„Wenn gearbeitet werden musste, waren sich alle einig“

Am Fuße des Wartebergs: Zu sehen ist nur ein Teil des Dorfes, das sich über einen Kilometer parallel zur Bundesstraße 247 erstreckt.

Quelle: Thiele

 

Trotzdem war das Längendorf, das von Warteberg und Hahle begrenzt wird und sich deswegen an die Erhebung drängt, mit seinen 700 Einwohnern verkehrstechnisch lange abgeschnitten. Kein Bus fuhr in den Ort. Für Schulkinder und Pendler hieß das: Marschieren, bei Regen, Wind und Wetter – also Verhältnissen wie heute, als Kreis und Koch durch ihren Ort führen.

Ein Kilometer ist es hinaus an die Bundesstraße, zu den zwei Bäumen und den Sandsteinen, wo die Haltestelle stand. Wer heute zum Bus will, kann im Ort warten. Nur zu den Sportanlagen ist es ein weiter Weg – die nämlich liegen sogar jenseits der B 247. Aber seit die goldene Zeit der Fußballer in den 70er-Jahren passé ist, ist dort der Andrang geringer, man hat eine Spielgemeinschaft mit dem Nachbarort Obernfeld gegründet.

 

Es sind die kleinen Veränderungen, die prägend sind für Rollshausen. Ruhig ist es im Dorf immer noch, als die beiden früheren Gemeinderatsherren bei grauem Frühherbstwetter entlang der einzigen Durchgangsstraße des Dorfes marschieren, der ehemalige Bürgermeister Koch, der noch heute die Rasenlänge auf öffentlichen Flächen kritisch beäugt, und der verschmitzte Landwirt Kreis. Die Straße ist wenig befahren und führt ins noch etwas kleinere Germershausen.

 

Es gab ein Jahr, das wesentlich ereignisreicher war in der jüngeren Rollshäuser Geschichte. Es war 1991 – das Jahr des 850-jährigen Ortsjubiläums, das Jahr, in dem das Dach der Mehrzweckhalle einstürzte. Es geschah nur wenige Tage nach einem Büttenabend des Karnevalsvereins mit 300 Gästen, am Morgen nach einem Tischtennisspiel. Der Grund: die nicht ausschreibungsgemäß ausgeführte Dachkonstruktion. Bis zum Bundesgerichtshof ging die Klage, um die Kosten ersetzt zu bekommen. „Wir wollten nicht, dass man uns in 30 Jahren vorhält, was für Mattscheiben wir waren.“ Kreis schüttelt noch heute den Kopf und der Ärger steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Keiner wollte Schuld haben.“ Viel Glück, dass niemand zu Schaden kam, habe man gehabt, meint auch der Ex-Bürgermeister und Poststellenbetreiber Koch. Doch die Angelegenheit ist lange her, und man will den Riss, der durch das Dorf wie durch die Mehrzweckhalle ging, nicht wieder freilegen.

 

Stolz sind die beiden auf die Fachwerkbauten. Wie den verzierten, historischen Dorfkrug, der bis vor einigen Jahren noch geöffnet war. Bis wann? „Sag mal, wie lange hat der dicht“, rufen die beiden über die Straße. Man einigt sich mit dem Herrn auf der anderen Straßenseite schließlich auf das neunte Jahr der Schließung. „Das fehlt uns“, schildert Koch, „auf dem sonntäglichen Weg von der Kirche einzukehren. Wir mussten hier vorbei und hatten immer einen Rechtsdrall.“ Dem Besitzer, der die Schließung veranlasst hatte, sagte der 74-jährige Kreis: „Du hast das kulturelle Leben im Dorf zum Erliegen gebracht.“ Die Anekdote bringt den Landwirt heute noch zum Lachen. Die zweite Kneipe – die ein Lebensmittelgeschäft beherbergte – steht ebenfalls leer. Von mehr als einem Dutzend Geschäften ist nicht viel geblieben.

 

Auch kein Zug ist zu hören – die Bahnstrecke Wulften–Leinefelde, die am Dorf vorbeiführte, ist seit den 1980er-Jahren stillgelegt. „Hier lief die Trasse“, zeigt der 73-jährige Koch auf einen Grünstreifen. Auch die Schienen sind verschwunden. Einige der Gleise wurden gestohlen – eine Scheinfirma hatte sie verschwinden lassen.

 

Ab 1889 machten der Personen-, später nur noch der Güterverkehr Rollshausen zu einem Anlaufpunkt, berichten Kreis und Koch. „Ein richtiger Bahnhof“, wie Koch betont, „keine Haltestelle.“ Die Kohlenhändler der Gegend kamen, um Waggons voll Waren abzuholen. Züge mit Dünger rauschten durch Rollshausen, mit Holz für Prothesen. Schließlich wurde absehbar, dass auch der Güterverkehr zum Erliegen kommt.

 

An Sehenswürdigkeiten hat der Ort noch die Tilly-Eiche zu bieten, meint Kreis, nebenbei Ehrenpräsident des Karnevalsvereins. Der hohle Baum, an der der Sage nach der Feldherr gelagert haben soll, steht nah der Grenze zu Rüdershausen und Obernfeld. Doch sie befindet sich auf Rollshäuser Land, schwört Kreis Stein und Bein. Hier traf sich nach dem Kriege die Rolls- und Rüdershäuser Jugend, „um sich zu prügeln, wie sich das gehörte“.

 

Eine zweite Tilly-Eiche habe man im Ort gepflanzt, meint Koch und weist auf die beiden zum 850-jährigen Ortsbestehen 1991 gepflanzten Linden neben einem Gedenkstein und einer Lore. „Auch wenn der an genau dieser Stelle natürlich nie war.“ Der gebürtige Breitenberger grinst, seine Lederjacke knarzt. Das Jubiläum sei „ein Jahrhundertfest“ gewesen, sagt er. „92 historische Motivwagen fuhren im Umzug. Die damalige Bundespräsidentin Rita Süßmuth meinte: Ein fahrendes Museum.“ Trotz des Unglücks mit der Hallendecke vier Monate zuvor war die Feier ein Erfolg.

 

Die Lore neben der Eiche solle auf die früher prägende Ziegelei hinweisen, von der heute nichts mehr zeugt, bis auf die geflutete Tonkuhle. Lange wurde dort gebadet, sagt Kreis. Dann kam es zu Todesfällen.

 

Zu jedem und vielem fällt ihm eine Geschichte ein; vom „kleinen Bauern“, einem nicht sehr großen Land wirt, den ersten Schützenfesten hinter der Mühle der Bürgermeisterkoryphäe Gustav Gecius, der alten Eisdiele von Mariechen Sommerfeld, oder der Silberfuchsfarm, die die Familie Wallbrecht betrieb. Als Schneider konnten sie die Pelze verwerten. Später nutzte die Jugend den Raum für Feten.

 

Die Ziegelei hatte vielen Menschen im Dorf Arbeit geboten. Heute stützt man sich auf verschiedene Unternehmen. Die vielen Lücken im Altdorf können auch die nicht beheben; da sind bebaubare Grundstücke, voll ausgebaute Bauplätze – doch derzeit will kAm Fuße des Wartebergs: Zu sehen ist nur ein Teil des Dorfes, das sich über einen Kilometer parallel zur Bundesstraße 247 erstreckt. Thieleeiner so recht – trotz BusWir 
anbindung.

 

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Rollshausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 29. September. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Wir im Eichsfeld: Die Orte
Finissage im Heimatmuseum Duderstadt „Kunst macht Schule – Kunst verbindet“ Eines der Werke aus der Ausstellung.

Die Ausstellung „Kunst macht Schule – Kunst verbindet“ geht zu Ende. Noch bis Sonntag, 27. August, sollen die Bilder von Kindern und Jugendlichen aus der Region sowie Geflüchteten, die derzeit im Eichsfeld leben, im Heimatmuseum Duderstadt zu sehen sein. Die Finissage steht am Mittwoch zuvor an.

mehr