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„Wenn gearbeitet werden musste, waren sich alle einig“

Folge 25: Rüdershausen „Wenn gearbeitet werden musste, waren sich alle einig“

"1907, es kann aber auch erst 1908 gewesen sein, erschien im Dorf das erste Auto“, heißt es 1980 in der Dorfchronik. „Unsere Männer, die in die Fremde fuhren, hatten schon von diesen Wunderdingen erzählt.

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Aus Richtung Lütgenhausen gesehen: Der alte Teil des Dorfes liegt in der Niederung, die in früheren Zeiten häufiger unter Überschwemmungen zu leiden hatte.

Quelle: Blank

Da gab es Wagen, die ganz von selbst fuhren, ohne dass ein Pferd davor gespannt war.“ Damals ahnte man nicht, dass das Dorf einmal von einer breiten Straße durchzogen sein würde, auf der viele der vierrädrigen Droschken unterwegs sind. Und die modernen Inseln, die den Verkehr auf dieser Straße beruhigen sollen, wurden „schon mindestens dreimal weggeschossen“, erzählt der Ex-Bürgermeister und Fliesenleger Günther Otto beim Gang durch die Gemeinde.

Rüdershausen besteht aus zwei Teilen – alle Gebäude, die, von Rhumspringe kommend, links der alleehaften Hauptstraße liegen, existierten bis zum Zweiten Weltkrieg nicht. Der Ortskern lag tief am Anger und wurde von der Rhume nach Norden und der Eller nach Osten begrenzt. Die Erweiterung des Ortes begann in den 1950er-Jahren mit der Schule und dann, Stück für Stück, kletterte Rüdershausen nach dem Krieg die Anhöhe Richtung Hagen- und Querberg hinauf. In das Altdorf hinunter führen bis heute nur zwei Straßen. Etwas freimachen konnte man sich auch von den Überschwemmungen, die Rüdershausen lange plagten.

Für Julia Jendrysik ist die Gegenwart wichtiger. Die 16-Jährige sieht, was Rüdershausen heute bietet: „Für Jugendliche gibt es einiges.“ Der Jugendraum direkt unter dem Verwaltungsgebäude, Sportvereine, Feuerwehr und Angeln an den Fischteichen. Nicht zu vergessen die Kirche – die Schülerin betreut eine Gruppe von Messdienern. Und für diejenigen, denen das nicht reicht, gibt es die „Crazy Disco“ im nahen Rhumspringe, wie sie sagt.

Die Feuerwehr sei nicht vergessen. Dort, sagt sie und zeigt auf die Mehrzweckhalle, ist heute Abend Treffen, während sie mit Otto durch die neuen Bauten des Hellbergtals hinauf steigt. Vor der Halle sammeln sich gerade die Handball-Mädchen zum Training. Eine der jungen Damen fährt mit dem Fahrrad vorbei und grüßt: „Hallo Opa.“ Gegenüber rauscht der Wind durch die hohen Bäume am alten Sportplatz. Auf Teilen des Geländes hat man einen Spielplatz errichtet, „wenn schon keiner mehr darauf Fußball spielt“, wie Otto einwirft. Die Mehrzweckhalle könnte in Karl Carstens-Gedächtnishalle umbenannt werden.

Denn pünktlich zur 750-Jahr-Feier des Dorfes durchwanderte der Bundespräsident im Jahr 1980 das Untereichsfeld und nahm am Festakt zum Dorfjubiläum teil. Auch in anderen Orten ist der Besuch des Staatsoberhauptes im Gedächtnis geblieben, die Fotos des Besuchs werden zu besonderen Anlässen gern hervorgeholt. Vom neben der Straße laufenden Bach ist nichts zu sehen. „Verrohrt“, brummt Otto. Dicke Rohre, 100-er Rohre, „da kann nichts passieren.“ Wie auch die Eller nahe der Mühle verrohrt ist. „Jaja“, murmelt er wiederholt.

Jetzt sind wir auf dem Weg in die City“, kommentiert Otto ironisch, und das C klingt ein wenig wie ein „Z“. „Wo man ein Bier trinken kann.“ Er lacht. Am Wegesrand steht verlassen das Sparkassenmobil, wo zurzeit keine größeren Transaktionen stattzufinden scheinen. Julia muss fort, die abendliche Messdienergruppe will vorbereitet sein.

„Und hier ist sie, die Zitty“, sagt Otto, vor dem Kindergarten stehend, mit Blick auf das Gasthaus und die angegliederte Fleischerei. „Hier finden alle Generalversammlungen statt und die Proben des Gesangvereins.“ Nur die Sitzungen des Brieftaubenvereins, die nebenan ihre Vögel abholten, nicht mehr. Die verbliebenen beiden Züchter fahren nun nach Duderstadt, auch Otto hat es aufgegeben. Er schlendert vorbei an einem Jugendlichen, der, wie jeden Tag, seine beiden Ziegen füttert. Um die Obstbäume schwirren Spatzen. „Nur das Rathaus“, sagt Otto, das stehe nicht im Ortszentrum. „Das hat sich so ergeben.“

Hinter den Türen und Fenstern im Ortskern schlafen und arbeiten Handwerker und ein expressiver Künstler, hier versorgt ein bärtiger Naturschützer Greifvögel und Eulen – es verbirgt sich einiges hinter den Toren der alten Bauernhöfe. An einem trüben Tag wie diesem würde man das kaum vermuten. Der Ort hat bei diesem Wetter seine tristen Ecken, bröckelnde Fassaden und Mauern. „Wo der Wind reinkommt, muss er auch wieder raus“, kommentiert Otto das schon lange fehlende Fenster im ersten Stock eines Hauses. „Die Möglichkeit zur Dorferneuerung wurde nicht so stark in Anspruch genommen.“ Die größte Veränderung in wirtschaftlicher Hinsicht war der Verlust der beiden großen Baufirmen im Ort: 430 Arbeitsplätze verschwanden. Man kompensiert das, so gut es geht, mit vielen kleineren Unternehmen.

Es ist ein friedliches Dorf, findet der Handwerker. „Obwohl die SPD hier stark ist“, wie der CDU-Mann sagt, und es manch knappe Entscheidung im Rat gegeben habe. „Rüdershausen ist und war ein Arbeiterdorf“, postuliert er. Ein Blick in die Chronik fördert gar Stimmen für kommunistische Parteien in den 60er-Jahren zutage. Ob das Streit gab? „Wenn gearbeitet werden musste, waren sich alle einig.“

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Rüdershausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 6. Oktober. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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