Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Wo die Kuh einst durch das Wohnzimmer musste

Gieboldehausen Wo die Kuh einst durch das Wohnzimmer musste

Gieboldehausen: ein Anschauungsobjekt für dörfliche Strukturen gestern und heute. In allen Orten des Untereichsfeldes sind die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte beträchtlich.

Voriger Artikel
Gerner: Innenhöfe entkernen
Nächster Artikel
Mit Ella auf ehemaligem Todesstreifen unterwegs

Gieboldehausen, das Dorf der „Siebensinnigen“: Blick auf das Schloss, das bis Mitte der 1970er-Jahre im Besitz des Geschlechtes derer von Minnigerode war.

Quelle: Mischke

Doch in wenigen sind sie so augenfällig wie hier. Den simplen Grund benennt Ortsheimatpfleger Gerhard Rexhausen zu Beginn seiner Führung durch den Flecken. „Die Dorferneuerung, die über 30 Jahre dauerte.“ Als treibende Kraft fällt in diesem Zusammenhang immer wieder der Name des ehemaligen Landrates Willi Döring – „der gute Mensch des Eichsfeldes“, wie man den Gieboldehäuser im Niedersächsischen Landtag nannte.

Im Laufe einer Generation wurden Bauernhöfe ausgesiedelt, Straßen verbreitert oder neu gebaut, Baulücken geschlossen. Mehr als zehn Millionen Euro flossen in die Sanierung. Ein regionales Zentrum, das seit Jahrhunderten landwirtschaftlich geprägt war, wandelte sein Gesicht. „Diese Ecke hat sich völlig verändert“ sagt Rexhausen immer wieder. Vorher ging es eng zu im Niederdorf unterhalb der St.-Laurentius-Kirche mit dem krummen Fachwerk und seinen schmalen Häusern – letzteres aufgrund der Erbteilung, die den Grundbesitz zersplitterte. Es war so beengt, dass ein Landwirt seine Kuh durch das Wohnzimmer in den Hinterhof zurückführen musste. „Und einer mit dem Eimer hintendran“, schildert Rexhausen sichtlich vergnügt. Lange zurück liegt das nicht. Dazu war es feucht im alten Gieboldehausen: Wo zwei Flüsse sind, ist das Hochwasser nicht weit. Seit 1981 ist man davon verschont geblieben. Dass es wieder passiert, ist „nur eine Frage der Zeit“, meint Rexhausen.

Im Dorfkern um die Marktstraße herrscht reges Kommen und Gehen an diesem Mittwochmorgen – fast wie in einer kleinen Fußgängerzone. Theoretisch ließe sich hier alles Lebensnotwendige einkaufen. Doch die kleinen Läden hier hätten zu kämpfen, äußert der 77-Jährige. Kämpfen müssen habe man auch dafür, dass der Supermarkt im Zentrum nicht auf die grüne Wiese wandert. Dort existieren schon Discounter, ein großer Markt soll noch kommen. Das Dorf verfügt also als eines der wenigen im Untereichsfeld noch über eine intakte Infrastruktur.

„Schon wieder eine Geschichte“, meint der Mitverfasser der Ortschronik lächelnd, als er vor der St.-Laurentius-Kirche steht, aus der leise Flöten- und Orgelklänge tönen. Drei Eichen standen hier früher, die an das Drei-Kaiser-Jahr 1888 erinnerten. Zwei davon seien gefällt worden. „Aber das war vor meiner Zeit.“
Unterhalb der Kirche liegt das Wahrzeichen des Verwaltunszentrums, das der Ort lange Zeit war und mit der Ansiedelung der Samtgemeindeverwaltung wieder wurde. Das „Schloss“, das früher Adelssitz war, dient heute repräsentativen Zwecken, Eheschließungen und kulturellen Veranstaltungen. Zahlreiche Hochzeiten aus der ganzen Samtgemeinde finden in dem dreigeschossigen Gebäude mit dem schiefergedecktem Dach statt.

Früher lag dieses Gebiet 2,50 Meter tiefer. „Kaum zu glauben“, meint Rexhausen. Doch die Hahle sei über ihre Ufer getreten und habe dabei Boden angeschwemmt, wie man bei der Restaurierung des Schlosses feststellte. Der 77-Jährige bewegt sich geschmeidig durch die Historie seiner Wahlheimat. Er zieht die Register der Jahrhunderte sicher wie ein Organist. Dass der gebürtige Obernfelder nicht von hier stammt, können ihm die Gieboldehäuser da wohl nachsehen.

Der einstige Adelssitz mit seinem Park, den einer der Herren von Minnigerode 1873 als Geschenk für seine Frau anlegen ließ, ist ein Mittelpunkt des Ortes. „Eine grüne Oase mitten im Dorf“, so Rexhausen. Es finden sich seltene Bäume: Schwarzkiefern, Scheinzypressen, ein Gingkobaum. „Im Park sind immer Leute“, sagt der Ruheständler, als er die Bänke passiert, auf denen sich bei strahlendem Sonnenschein einige Menschen niedergelassen haben. Auf manchen der Sitzgelegenheiten hocken aber auch „Leute“, die die Bewohner des Dorfes so nicht unbedingt sehen wollen. Jugendliche, die trinken. Oder junge Mädchen, „die sich etwas spritzen“, wie der Ortsheimatpfleger bei einem Blick aus der Geschichtswerkstatt, die sich im Schloss befindet, einmal beobachtet hat.

Das ist das eine Gieboldehausen. Der winkelige, sanierte, historische Kern, der sich in Ober- und Niederdorf teilt. Der Teil, in dem rund 35 Häuser leer stehen und in dem der Altersdurchschnitt recht hoch ist. Doch eigentlich besteht der Ort aus zwei, wenn nicht drei Teilen. Über dem Flecken, wie Rexhausen den Kern nennt, „thront“ die Vogelsburg, das große Neubaugebiet auf dem Hang über dem alten Zentrum. Einstmals soll sich hier eine Fluchtburg befunden haben, ein alter Flurname gibt noch einen Hinweis darauf. Heute ist es „fast ein eigenes Dorf.“

Auf diesem Bergrücken hocken die Einfamilienhäuser mit ihrem schönem Ausblick. Ein Jungbrunnen für die Gemeinde: Denn Gieboldehausen hat einen für den Altkreis Duderstadt fast beispiellosen Zuzug erlebt. 3000 Menschen lebten bis Anfang der 90er-Jahre im Ort an Hahle und Rhume. Dann kam der Boom: Binnen kurzer Zeit stieg die Einwohnerzahl auf 4000.

Daneben steht noch „Klein Flöten“, der Teil des Fleckens, der auf das Gebiet der früheren Wüstung Totenhausen hinüber gewachsen ist. Mit seinem Industriegebiet liegt er jenseits der Bundesstraße, die Gieboldehausen in zwei Teile schneidet wie einen Schmandkuchen.

Auch für 2020 ist die Prognose gut: ein Plus von 0,6 Prozent bei den Einwohnern bestätigt den Trend der Landflucht in die (regionalen) Zentren. So betrachtet schreibt Gieboldehausen eine Erfolgsgeschichte. Nur älter, das werden die Menschen auch hier.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Gieboldehausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 7. Juli. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Langenhagen

Der Jeep erklimmt die steilen Hänge, es ist ein echter Ritt durch eine bucklige Welt. Auf überwachsenen Feldwegen berghoch und nieder führt der Weg von Guido Schwarze bei der Ortsführung durch Langenhagen. Ganz so wild sollte die Tour durch das Bergdorf eigentlich nicht sein, gibt er lachend zu.

mehr
Mehr aus Wir im Eichsfeld
Wir im Eichsfeld: Die Orte
Duderstadt Rotarier unterstützen Stadtbibliothek Symbolische Bücherübergabe in der Stadtbibliothek.

Der Rotary-Club Duderstadt-Eichsfeld hat der Stadtbibliothek eine Spende von 500 Euro für den Kauf von Büchern bereit gestellt. Petra Böning vom Team dieser Institution entschied sich in diesem Jahr für 38 Bücher, die sich an Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren richten.

mehr