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Zwischen zwei Flüssen, umgeben von Protestanten

Lindau Zwischen zwei Flüssen, umgeben von Protestanten

Auf dem Lindauer Marktplatz herrscht ein Kommen und Gehen. Kinder wackeln im Sonnenschein über den Platz mit seinem Kopfsteinpflaster, Autos parken vor den Geschäften, deren Türen sich regelmäßig öffnen.

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Das historische Herz des Dorfes: der alte Marktplatz des ehemaligen Fleckens Lindau.

Quelle: Blank

„Hier ist der Mittelpunkt des Ortes“, erklärt Hans-Gerhard Strüder. „Ein wirklicher Mittelpunkt, der so gewachsen ist, aber heute auch noch genutzt wird.“ Hier, wo bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig Markt gehalten wurde – schließlich war Lindau eine Fleckengemeinde mit Marktrecht – beginnen beispielsweise die Züge der Vereine zu Festen, erklärt der ehemalige Bürgermeister. Hier tritt die Schützengesellschaft an, hier ist ein Treffpunkt und – hier findet der Weihnachtsmarkt statt; „mit Baum“ und „sehr gemütlich“. Vom Pflaster des Marktes aus hat der Besucher einen Rundumblick auf viele der Sehenswürdigkeiten Lindaus.

Linker Hand, zeigt Strüder auf eines der Fachwerkhäuser, befindet sich das Rathaus, früher noch mit Ratskeller. „Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dass dort jemals eine Verwaltung untergebracht war.“ Seit der Verwaltungsreform 1973 ist die Verwaltung nicht mehr in Lindau, sondern in Katlenburg untergebracht. Gut erinnern kann er sich daran, dass hier noch Gerichtstage abgehalten wurden. Bis in die 1960er-Jahre sei der Amtsgerichtsrat aus Duderstadt einmal im Monat nach Lindau gekommen; in der Spätzeit hauptsächlich, um juristische Ratschläge zu geben. Gern wurde dies von den Dörflern angenommen. Vielleicht auch deshalb, weil man es hinterher zum Bierausschank nicht allzu weit hatte, mutmaßt Strüder still aber sichtlich feixend.

Auch die Apotheke lag im historischen Kern mit der Kirche, die im „Eichsfelder Barock“ erbaut wurde, wie der Apotheker im Ruhestand betont. Eine Besonderheit weist das Gotteshaus auf: Sein Dach besteht nicht aus einem Gewölbe, sondern einer geraden Decke – eine Saalkirche.

„Und dort“, weist der 73-Jährige auf den beherrschenden großen Kasten in der Ortsmitte, „steht das Mushaus.“ Das Gebäude liegt im Dornröschenschlaf, wie es in der Dorfchronik heißt. Die erschien 1995 – und der darin beschriebene Zustand hat sich bisher nicht geändert. Der verbliebene Teil der Lindauer Burg steht leer. Lindaus ältestes Bauwerk wäre zu einem Spottpreis zu haben. Das Gebäude mit den 2,30 Meter dicken, fast uneinnehmbaren Mauern steht zum Verkauf, der Preis: ein Euro.

Nur ein paar Meter weiter befand sich die Jutespinnerei, die das Leben im Ort lange prägte, die jedoch in den 1960er-Jahren pleite ging. Georg Greve, Sohn des Gründers, ist als Kunstmaler über Lindau hinaus bekanntgeworden: Als „einen der berühmtesten Söhne des Ortes“ ordnet Strüder ihn ein.

Um diesen historischen Kern, der nach Kräften genutzt wird – die Volksschule dient der Dorfgemeinschaft, die vormalige Oberförsterei ist Altenheim mit Dutzenden Kois und meterlangem Stör im Teich – liegt das neue Lindau. Sportplätze, die große Rhumetalschule, Hallen, Tennisplätze. Vor der Mehrzweckhalle sammeln sich gerade Eltern und Kinder. „Die Sportwoche“, brummt Strüder, „mit großem Programm.“ Seine Schlüsselsammlung am Hosenbund klappert beim Gehen.
Dieser Teil Lindaus ist weitläufig, fast wie ein eigener Stadtteil jenseits der Bundesstraße. „Platz ist genug“, obwohl die Fläche durch Rhume auf der einen und Steinlake auf der anderen begrenzt werde. Die Auen der Letzteren seien den Lindauern Erholungsgebiet und stünden unter Landschafts- und hoffentlich auch bald unter Naturschutz.

Gewissermaßen liegt Lindau wie der Namensvetter am Bodensee auf einer Insel. Eine Insel zwischen zwei Flüssen, und der Außenposten des Untereichsfelds inmitten eines Meers von Protestanten. So zumindest hat es die katholische Kirche empfunden, als am 11. Januar 1970 der Ratsbeschluss bekannt wurde. Mit acht zu fünf Stimmen beschlossen die Ratsherren, sich zum näheren Wirtschaftsstandort Northeim hin zu orientieren. Minuten nach dem Votum läutete in St. Peter und Paul die Totenglocke, wie sogar der „Spiegel“ berichtete. Schließlich verlief jenseits von Lindau nicht nur die Kreis- und Landsmannschafts-, sondern auch die Konfessionsgrenze.

Dass das Dorf verwaltungsmäßig einem anderen Landkreis zugeordnet ist und ihr Ortsname nur an zweiter Stelle der Gemeindebezeichnung steht, haben die meisten Lindauer mehr oder weniger verwunden. Ein paar Unbelehrbare gebe es immer, sagt Strüder. „Wie das so ist“, findet er: „Das gibt sich mit der Zeit.“ Aber es habe keinen Sinn gemacht, sich gegen die Entscheidung zu sträuben und auf Opposition zu machen. Und: „Es hat sich gelohnt“, meint er auf der großen, verhältnismäßig neuen Sportanlage stehend. Sowohl sportlich als auch politisch habe man zusammengefunden. Trotzdem fühlten sich viele Lindauer als Untereichsfelder. „Schließlich ist das historisch gewachsen.“

Gewachsen, wie die hohen Linden, die entlang der Bundesstraße standen. Die Namenspaten des Dorfes entlang der Allee wurden 1972 abgeholzt. Heute versucht man bei jeder Gelegenheit, Linden nachzupflanzen. Nachpflanzen: Wenn man das mit dem Supermarkt so machen könnte, wären sie glücklich in Lindau. Der hat nämlich die Tore geschlossen und ist nach Katlenburg gezogen. Eine böswillige Wiederholung der Geschichte sieht darin jedoch niemand.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Lindau finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 11. August. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt .

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