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Flüchtlingsheim wird zur Dauerruine

Gemeinde will Abriss Flüchtlingsheim wird zur Dauerruine

In der Nacht von Sonntag auf Montag jährt er sich: der Brandanschlag. Ein großes historisches Haus im Ortskern des kleinen Bischhagen, gleich an der einstigen innerdeutschen Grenze, das tags darauf Flüchtlinge aufnehmen sollte, stand in Flammen. Das ausgerechnet in der Nacht zur Deutschen Einheit.

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In der Nacht zum 3. Oktober stand das Flüchtlingsheim plötzlich in Flammen.

Quelle: dpa (Archiv)

Bischhagen. Als läge eine graue Wolke über dem kleinen Dorf, eine Rauchfahne vielleicht, ein Schatten. Wer bei Google-Maps Bischhagen sucht, findet eine handvoll Häuser unter einem grau-braunen Schleier. Nur eine Darstellung des Sattelitenbild-Dienstes, aber irgendwie auch ein Symbol. Seit der Einheitsnacht 2015 ist nichts mehr wie es war. Das Dorf steht unter Verdacht, und die Polizei kommt auch nach einem Jahr nicht recht in ihren Ermittlungen voran.

Fest steht: Das riesige Fachwerkhaus im Ortskern, das einem Arzt aus dem Landkreis Göttingen gehört und das vermietet war, sollte untervermietet werden an mehrere Flüchtlingsfamilien, die in jenen Wochen zu Tausenden auch nach Thüringen kamen. In der Nacht zum 3. Oktober stand es plötzlich in Flammen. Es brannte aus, ist nicht mehr zu sanieren, schon gar nicht mehr zu nutzen, kann nur noch abgerissen werden. Der Eigentümer schätzt den Schaden auf 700.000 bis 800.000 Euro.

Schon schnell kam der Verdacht auf, dass es Brandstiftung sein könnte. Der Verdacht bestätigte sich. Die Polizei fand eindeutige Hinweise. Bei der traditionellen Einheitsfeier im benachbarten Siemerode herrschte am Morgen danach Entsetzen. Selbst die vorsichtigsten Politiker glaubten gleich an eine Brandstiftung, um den Einzug der Flüchtlinge zu verhindern. Schon in den Tagen zuvor hatte es im Dorf lauten Unmut über die Pläne gegeben. Einen Täter aber oder ein Bekennerschreiben gab es nicht.

Die Polizei, so Thomas Soszynski von der Pressestelle in Nordhausen in dieser Woche, ermittele noch immer. Auf die Frage, ob die Brandstiftung als politisch oder fremdenfeinlich motivierte Tat eingestuft wird, wehrt der Polizeisprecher ab. Das sei nicht der Fall, so lange die Polizei noch ermittele.

Anders sieht das der Eigentümer. Ihm liege immer noch im Magen, sagt der Mediziner Matthias Lindstedt, wie ihm ein bekannter Bischhagener nach dem Feuer schulterzuckend erklärt habe: "Das musst du verstehen…"

Unverständlich ist dem Eigentümer auch, was jetzt passiert: Die Nachbarn beschweren sich über den Schandfleck, die Gemeinde hat ihn zum Abriss der Ruine aufgeforedert, und die Versicherung zahlt keinen Cent. So lange nicht geklärt sei, ob er nicht womöglich selbst das Feuer gelegt habe, werde nicht gezahlt. Ein Motiv, ein gut vermietetes Haus anzuzünden, nenne auch die Versicherung nicht, sagt Lindstedt. Und sie rücke nicht einmal das Gutachten über das Feuer heraus. Lindstedt klagt jetzt gegen die Versicherung. "Das kann Jahre dauern."

Die Assecuranz hat sich immerhin bemüht, das herauszufinden, was der Polizei bisher nicht gelang. Sie hat die internationale Detektei Pinkerton beauftragt, deren Detektive sich verdeckt im Dorf umhörten. Offenbar hat aber niemand geplaudert. Dabei müssen viele in jener Nacht etwas mitbekommen haben. Gegenüber der Brandstelle wurde in jener Nacht eine Party in einer Garage gefeiert. Bemerkt wurde der Brand von den letzten Gästen erst, als nichts mehr zu retten war. Nach nunmehr einem Jahr Brandruine, so verspricht der Eigentümer, wolle er nun wenigstens auf eigene Kosten den herbgestürzten Brandschutt zusammenschieben lassen. Aber die Ruine abreißen werde er vorerst nicht. Die graue Wolke des Unwissens wird wohl noch lange über Bischhagen schweben.

Anschlag nicht fremdenfeindlich?

Das Feuer in Bischhagen, das die künftigen Wohnungen für 30 Flüchtlinge zerstört hat und dessen Ursache eindeutig Brandstiftung war, steht in Thüringen in keiner Liste politisch oder fremdenfeindlich motivierter Straftaten. In Niedersachsen sähe das anders aus. "Sobald die Polizei Kenntnis von einem Sachverhalt erhält, der unter das Definitionssystem der PMK (Politisch motivierte Kriminalität) fällt, muss dieses gemeldet werden." So die Antwort auf eine entsprechende Anfrage im Landeskriminalamt. Unter PMK werden dort die Taten subsumiert, die die demokratische Willensbildung beeinflussen sollen, die sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richten oder die gegen Personen gerichtet sind, die wegen ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder ihrem äußerem Erscheinungsbild, ihrer Behinderung, ihrem sozialen Status oder sexuellen Orientierung Opfer geworden sind. Demnach wäre ein Brandanschlag gegen ein Flüchtlings-Wohnhaus mit Sicherheit zu melden. Nur: Flüchtlinge waren ja noch nicht da. Die wären erst tags darauf gekommen. Da war ihr neues Heim schon Ruine.

Die Frage, ob die  Regeln bundeseinheitlich gelten, beantwortet das LKA Niedersachsen mit "Ja". Das Bundeskriminalamt habe die bundeseinheitliche Anwendung der Richtlinien zur Definition der PMK zu überwachen. Auch in Thüringen?      

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