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Alte Handschriften als neue Quelle

Feldpostbriefe Alte Handschriften als neue Quelle

Eine wachsende Bedeutung sieht der ehemalige Stadt- und Kreisarchivar Dieter Wagner in der Archivwissenschaft auf der Grundlage von Feldpostbriefen. Solche hat er aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs analysiert und dabei auch die ideologische Entwicklung der Soldaten betrachtet.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Duderstadt. „Deutlich erkennbar wird in den Briefen die nationalsozialistische Sozialisation der Verfasser, die sich teilweise als Überbringer einer höheren Kultur verstanden“, so Wagner. Zugrunde lag dem Historiker ein Konvolut aus Feldpostbriefen, die von vier Duderstädter Brüdern geschrieben worden waren und dem Duderstädter Stadtarchiv zur Verfügung gestellt wurden.

Das Konvolut beginnt mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im Jahr 1935 und endet mit der Entlassung eines Bruders aus englischer Kriegsgefangenschaft 1948. Die Briefe seien nie zur Veröffentlichung bestimmt gewesen und offenbarten nicht selten die innersten Gefühle ihrer Autoren, betont Wagner.

Im September 1941 schreibt der Bruder T. noch ganz optimistisch aus Russland: „Und jetzt sind wir auf dem Marsch nach Moskau, um auch da die Russen zu besiegen.“ Vier Wochen später berichtete er von erstem Schneefall. Eine nicht ausreichende Ernährungslage der Armee, die sich bereits selbst versorgen muss, deutet sich schon Anfang November an. Es werde alles erledigt und gegessen, „was unter die Flinte kommt“, schreibt T. aus Russland. Doch auch die Wirkung nationalsozialistischer Propaganda erkennt Wagner in Äußerungen der Brüder über die Russen, die in den Briefen als Diebe, Kommunisten und faule Menschen beschrieben werden, schlechte Straßen, armselige Kleidung und heruntergekommene Häuser werden belächelt.

Jedoch kommen den Soldaten an der Front anscheinend schneller Zweifel an einem „Endsieg“ und deutscher Überlegenheit als den Verwandten in der Heimat, die ihre Informationen in erster Linie aus den propagandistischen Wochenschauen beziehen. T. schreibt seiner Schwester: „So wie du es gesehen hast, ist es nicht.“

Die Inhalte der Briefe schwanken zwischen Verzweiflung, Heimweh - „Man darf gar nicht daran denken, sonst könnte ich Tag und Nacht noch weinen.“ - und das Klammern an einen letzten Hoffnungsschimmer: „Ich glaube immer noch an ein Wunder, den Krieg dürfen wir nicht verlieren, sonst ist alles aus.“

Wagner betont, dass die Analyse von Feldpostbriefen ein relativ neuer und immer größer werdender Zweig in der Archivwissenschaft sei. „Erst jetzt kommen diese Quellen zutage, weil manche Familien nun bereit sind, die Briefe der Forschung zur Verfügung zu stellen“, sagt der Historiker. Durch ihre persönliche Note sei die Feldpost sowohl politisch als auch personengeschichtlich bedeutend und könne die Geschichtsschreibung ergänzen.

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©Richter