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Aus für Jugendarrest im Amtsgericht

Freizeitarreste in Göttingen zentriert Aus für Jugendarrest im Amtsgericht

Zum Jahreswechsel ist am Duderstädter Amtsgericht eine Ära zu Ende gegangen: In dem denkmalgeschützten Fachwerkgebäude in der Hinterstraße gibt es keinen Jugendarrest mehr, da die Vollstreckung der Freizeitarreste auf dem Gelände der Jugendanstalt Leineberg in Göttingen zentriert wird.

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Karg und trist: Arrestzelle im Duderstädter Amtsgericht.

Quelle: OT

Letzter „Gast“ war ein 16-jähriger Duderstädter, der am 26. November wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis verurteilt wurde und nur wenig später – am 12. Dezember – ein Wochenende im Amtsgericht abbrummen musste. Die beiden Arrestzellen dort sind denkbar karg und spartanisch: Tisch, Stuhl und Feldbett, ein Milchglasfenster mit Sperrriegel. Hier gibt es nichts, was den Blick oder die Gedanken ablenken könnte. Man erahnt, wie lang einem hier die Zeit werden kann. Die weißen Wände sind komplett kahl, nicht einmal ein Kalender mit Sinnsprüchen der christlichen Straffälligenhilfe Schwarzes Kreuz hängt aus.
Das ist auch so gewünscht. „Die jungen Leute sollen die Zeit zum Nachdenken nutzen, sich mit ihrem Lebenslauf und ihrer Tat auseinandersetzen“, sagt Richter Michael Pietzek. Auch das Handy muss draußen bleiben, Unterhaltungselektronik ist tabu. Für das Klientel im Alter von 14 bis 21 Jahren ein Verzicht, der schwerfällt. Immerhin: Buchlektüre ist erlaubt. Und die jungen Delinquenten müssen einen Fragekatalog ausfüllen. „Viele sind es gar nicht gewohnt, so viel zu schreiben“, merkt Pietzek an – und freut sich über Antworten wie „hart, aber gerecht“ auf die Frage: „Wie fandest du deine Verhandlung?“.
Fünf Jugendliche und vier Heranwachsende haben im vergangenen Jahr ein Wochenende im Duderstädter Amtsgerichtsgebäude verbracht – in der Regel von 8 Uhr sonnabends bis 7 Uhr montags. In den Jahren davor waren es mal mehr, mal weniger, zumeist knapp ein Dutzend Delinquenten pro Jahr. Ihre Verfehlungen reichten von Fahren ohne Führerschein über Diebstahl und Drogendelikte bis zur Körperverletzung. Nur Schulschwänzer fehlten: Sie kommen zunächst mit einem Bußgeld davon, das zumeist abgearbeitet wird.
Da immer ein Wachtmeister im Haus sein musste, waren maximal zwei Wochenendarreste pro Monat möglich. Für Toilettengänge mussten die Arrestierten klingeln – auch in der Nacht. Nur einmal – als es noch keine Sperrriegel vor den Fenstern gab – ist ein Jugendlicher ausgebrochen und hat sich über die Dachrinne abgeseilt. Den Arrest musste er dann später nachholen.
Bis 1977 existierte in Duderstadt noch eine Jugendarrestanstalt mit 15 Haftplätzen, in der auch Dauerarreste möglich waren. Freizeitarreste gab es im Eichsfeld weiterhin. Im Amtsgericht standen dafür zunächst nur eine Arrestzelle, später dann zwei zur Verfügung. Betreut wurden die Jugendlichen bis 2002 von Justizwachtmeister und Hausmeister Hans-Georg Schulz, für weibliche Jugendliche musste seine Frau Gisela als „Hilfsaufseherin“ einspringen.
Als die zur Hofseite des Gerichts gelegenen Zellen aus Brandschutzgründen geschlossen werden mussten, entstanden zwei neue Arrestzellen im zweiten Obergeschoss an der Hinterstraße. Ab April 1997 konnten dort Kurz- und Freizeitarreste an weiblichen und männlichen Verurteilten vollstreckt werden. Eine Zäsur gab es dann 2002. Wegen der mehrjährigen Grundsanierung des Gerichtsgebäudes wurde die Vollstreckung bis 2006 nach Göttingen ausgelagert. Ab 2007 wurden in Duderstadt nur noch Freizeitarreste an männlichen Verurteilten vollstreckt, weibliche Jugendliche und Heranwachsende mussten nach Neustadt am Rübenberge, später dann nach Göttingen.
Als Vorteil des Jugendarrestes nennt Pietzek den Vollzug bis spätestens sechs Wochen nach dem Urteil: „Verurteilung und Vollstreckung sollten möglichst zeitnah erfolgen, damit die Täter wissen, wofür sie sitzen.“ Pietzek hofft, dass das in Göttingen, wo jetzt der Vollzug für den gesamten Gerichtsbezirk erfolgt, auch so schnell klappt wie in Duderstadt. Die Jugendarrestanstalt dort, die bisher zur Justizvollzugsanstalt Rosdorf gehörte, ist zum Jahreswechsel Hameln angegliedert worden.

Von Kuno Mahnkopf

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