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Austausch mit Rumänien verbindet den Westen mit dem Osten

Zwischen Traditionen und Reformen Austausch mit Rumänien verbindet den Westen mit dem Osten

Was ist los in Europa? Wachsen die Länder zusammen, weil sich die Europäer dank EU und Facebook besser verstehen? Oder verschwindet die eigene Identität und Heimatverbundenheit im Vielvölkerpulk? Das Tageblatt fragt im Rahmen von Austauschprogrammen am Eichsfeld Gymnasium Duderstadt (EGD) deutsche und rumänische Schüler und Lehrer nach ihrer Sicht auf Heimat in Europa.

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Internationale Projektbetreuung; Mezdrea, Cotosman, Nebenführ, Ceáus, Strecker und Thiessen (hintere Reihe v. l.) mit Austauschschülern.

Quelle: Thiele

Duderstadt. Sprachlich und kulturell waren Deutschland und Rumänien jahrhundertelang miteinander verbunden. Deutschstämmige leben bis heute in den Regionen Siebenbürgen und Banat.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg trennte der Eiserne Vorhang das Land an der Schwarzmeerküste von der westlichen Welt.  Erst seit 2007 gehört Rumänien zur EU, seit 2013 ist das Colegiul National Ion Minolescu in Slatina Partnerschule des EGD.

„Das besondere an diesem Austausch ist, dass er von den Schülern selbst initiiert wurde“, sagt Schulleiter Thomas Nebenführ. Als zum Symposium der Peter-Maffay-Stiftung 2012 auf Gut Herbigshagen auch Schüler aus Slatina gekommen waren, sind Freundschaften zu den Eichsfelder Jugendlichen gewachsen. Die beiden Schulleiter Nebenführ und Aurelia Cotosman (Colegiul) unterstützten schließlich den Plan der Schüler zu einer Schulpartnerschaft.

Eigenen Werte vergleichen

Nach zwei Jahren Schüleraustausch mit Rumänien bestätigen auch die von Anfang an beteiligten Lehrer Mariana Ceáus, Adriana Mezdrea (Colegiul),  Irina Thiessen und Kathleen Strecker (EGD), dass die Jugendlichen in beiden Ländern nicht nur eine Blickerweiterung nach Europa, sondern auch ein neues Bewusstsein für die eigene Heimat erfahren hätten.

„Die ehemaligen Ostblockländer hatten lange mit Vorurteilen im westlichen Europa zu kämpfen. Aber das Image hat sich verändert. Dazu trägt auch die Schulpartnerschaft bei“, sagt Ceáus. Die Freiheit zu reisen hätten die Rumänen erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erlangt. Die Jugendlichen, die nun zum Schüleraustausch ins Eichsfeld kommen, können mit ihren neuen Erfahrungen die eigenen Werte vergleichen, sagt Ceáus.

Auch Nebenführ hat bei seinen Rumänienreisen im Rahmen des Austauschprogramms beobachtet, dass die jungen Rumänen zu ihrer Traditon  stehen und stolz darauf sind. „Tänze, Lieder, Trachten, das alles gehört nach wie vor zu einem rumänischen Fest“, bestätigt seine rumänische Kollegin Cotosman. „Traditionen verändern sich natürlich auch.

Region präsentieren

Bei jeder Generation geht manches verloren. Aber das Bewahren der Traditionen verbindet ein Volk.  Heute fühlen sich die jungen Rumänen mit ihrer eigenen nationalen Identität gut in Europa“, ergänzt Ceáus.

Thiessen bemerkt, dass sich die jungen Eichsfelder heute nicht mehr mit traditionellen Tänzen und Trachten identifizieren. Dennoch beobachten auch die deutschen Lehrer eine wachsende Heimatliebe bei der Jugend, die durch den Schüleraustausch sogar verstärkt würde.

„Bei der Programmgestaltung machen sich die Jugendlichen Gedanken darüber, wie sie ihre Region präsentieren können und sehen plötzlich das Besondere mit anderen Augen“, sagt Nebenführ.

Allerdings beobachte er auch eine globale Vereinheitlichung in vielen kulturellen Bereichen, so dass es heute schwieriger sei, die eigene regionale Identität zu bewahren. Dazu gehöre die Landflucht der Eichsfelder Jugend, die ihre Ausbildungsplätze nicht unbedingt in der Region finden würde.

Slatina ist zwar mit 70 000 Einwohnern urban geprägt, dennoch klagen auch Cotosman und Ceáus über Abwanderung der Jugend als Kehrseite der Globalisierung: „Die meisten Rumänen lieben ihr Land, aber die beruflichen und finanziellen Chancen sind für unsere leistungsstärksten Schüler im Ausland viel höher.“

„Aber ein Verzicht auf das Gymnasium wäre eine Schwächung der Region“

Zwar fördere die rumänische Politik die Berufschancen der Jugend, indem sie sowohl Schulsystem als auch Studienbedingungen dem europäischen Standard angepasst hätte, aber nach der Ausbildung würden die Fachkräfte dann doch abwandern. „Wir investieren so viel in die Kinder. Vielleicht würde es helfen, wenn die fertig Ausgebildeten dem Land etwas zurückzahlen müssten,“ schlägt Ceáus vor.

Dass ausgerechnet multinationale Unternehmen in Rumänien neue Chancen für die Jugend im eigenen Land bieten würden, sieht auch Cotosman positiv.

Auch das deutsche Schulsystem versucht, sich mit zahlreichen Reformen dem europäischen Standard anzugleichen. „Aber ein Verzicht auf das Gymnasium wäre eine Schwächung der Region“, warnt Nebenführ.

Zusammenfassend begrüßen sowohl die rumänischen als auch die deutschen Lehrer und Schüler das Zusammenwachsen der Länder Europas. Für die Jugend bedeute das: Größere Berufschancen, mehr entdeckte Gemeinsamkeiten, aber auch die Identifikation mit der eigenen Heimat.

Von Claudia Nachtwey

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