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Auswirkungen: Mindestlohn in Göttingen und Region

8,50 Euro Auswirkungen: Mindestlohn in Göttingen und Region

Seit drei Wochen ist das neue Mindestlohn-Gesetz in Kraft. Arbeitnehmer müssen demnach mindestens 8,50 Euro pro Stunde erhalten. Wie wirkt sich die neue Regel für Verbraucher in der Region aus, wo wird es teurer?

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Seit drei Wochen ist das neue Mindestlohn-Gesetz in Kraft. Arbeitnehmer müssen demnach mindestens 8,50 Euro pro Stunde erhalten. Wie wirkt sich die neue Regel für Verbraucher in der Region aus, wo wird es teurer?

Quelle: dpa

Christine Gudd von der Göttinger Agentur für Arbeit sagt, die Einführung des Mindestlohns sei in der Region Göttingen kaum zu bemerken – in Ostdeutschland oder in großen Gemüseanbauregionen sei das anders.

Sie rechnet nicht damit, dass durch das Mindestlohn-Gesetz mehr Menschen in Südniedersachsen ihren Job verlieren. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) wurden zwar viele Anfragen aber bislang nur wenige Probleme registriert. Bundesweit, so der Vorsitzende des Verbandes Göttingen, Lothar Hanisch, habe man über die Mindestlohn-Hotline bislang nur acht Anrufe erhalten, die Hinweise auf Verstöße gegen das Mindestlohn-Gesetz geben – keiner davon trifft die Region.

Hanisch: „Die meisten Arbeitgeber halten sich bei uns an das Gesetz“. Er selbst sei nur einmal angesprochen worden, von einer Mitarbeiterin, die den Verdacht hatte, nicht ordnungsgemäß bezahlt zu werden. Nach einem Gespräch mit dem Chef sei das Problem gelöst gewesen. „Allerdings beantworten wir zur Zeit viele Fragen, die meisten zu den Ausnahmeregeln“, sagt Hanisch.

Zuständig für die Kontrollen zur Einhaltung des Gesetzes ist der Zoll. „Zur Zeit führen Überprüfungen in den zum 1. Januar neu hinzugekommenen Branchen noch nicht zu aussagekräftigen Ergebnissen“, sagt Frank Mauritz, Pressesprecher des für Göttingen zuständigen Hauptzollamtes Braunschweig. Grund:  Bislang sind in vielen Branchen noch keine Januar-Löhne ausgezahlt worden.

Die Friseurin: „Wir ersticken in Papier“

„Gut gedacht aber schlecht gemacht“, sagt Friseurmeisterin Kerstin Skiba-Hunkel. Für sie bedeutet die Einführung des Mindestlohns deutlich mehr Bürokratie. Ihre Angestellten bezahlt sie „alle übertariflich“, sagt sie. Vermutlich, so die Meisterin, treffe das Mindestlohn-Gesetz  aber die Billigfriseure. Skiba-Hunkel beschäftigt auch Teilzeitspringer im Bereich Rezeption und Organisation.

„Hier spielt der Mindestlohn auch bei uns eine Rolle“. Für die Teilzeitkräfte müssen jetzt täglich Arbeitszeit, Pausen, Krankheitstage und vieles mehr protokolliert werden. „Wir ersticken in Papier“, sagt die Handwerks-Meisterin. Teurer wird es für die Kunden trotzdem nicht.

In Duderstadt, bei Frieserusalon Thriene, ist der Mindestlohn kein Thema. „Auch meine Angestellten werden übertariflich bezahlt“, sagt Karsten Thriene, Inhaber des Salons. Nach seiner Ansicht sollten frisch ausgebildete Friseure 15 Euro und erfahrene etwa 25 Euro pro Stunde verdienen.

Das schlage sich natürlich auf die Preise nieder, sei aber notwendig, um Qualität zu gewährleisten. Für Billigfriseure erwartet auch er Veränderungen. „Wenn ein Haarschnitt 10 Euro kostet, kann der Friseur nicht 8,50 Euro in der Stunde verdienen“, sagt Thriene.

Für Floristen kein Thema

Anders als in Ostdeutschland ist der Mindestlohn bei den Floristen in der Region kein Thema. „Wir zahlen schon lange mehr als den Mindestlohn, sagt Kristine Herwig, Chefin im Groner Blumengeschäft Eggers. Selbst ihren studentischen Aushilfen hätten immer Mindestlohn bekommen.

„Da müssen die Floristen doch mehr verdienen“, sagt sie. Ihre Kunden müssen also nicht mit einer Preiserhöhung rechnen. Nur für den Lieferservice, da hatte sie vor einem halben Jahr die Gebühr erhöht – nicht wegen des Lohns, sondern wegen der Spritpreise.

Uwe Treger, Inhaber vom Blumenladen Grüne Oase in Dransfeld, hat ein ganz anderes Problem. Obwohl er 1,50 Euro mehr pro Stunde als den Mindestlohn  zahlt, findet er keinen Mitarbeiter. „Also spielt der Mindestlohn bei mir keine Rolle, meine Blumen werden nicht teurer“, sagt er.

Post und Pakete: Probleme für die kleinen Läden

Spürbare Folgen hat der Mindestlohn in manchen privat geführten Poststellen – nicht für die Kunden, aber für die Unternehmer und ihre Angestellten. Elena Kessler betreibt zwei Kioske in Geismar und beschäftigt 450-Euro-Jobber. Weil sie  nicht über diesen Satz kommen dürften, arbeiteten sie jetzt weniger Stunden.

Um das auszugleichen müsse sie vermutlich bald eine weitere Aushilfe einstellen, sagt Kessler –„das wird aber erst die nächste Monatsabrechnung zeigen“. Ihre Preise könne sie nicht erhöhen, für Zigaretten, Zeitungen und Postdienste seien diese festgelegt. Und die geringen verkauften Mengen Schreibwaren im Kiosken spielten kaum eine Rolle. Ähnlich geht es Otto Worm in seinen beiden Kiosken mit Postdienstleitungen in Hann. Münden.

Durch den Mindestlohn könne er seine Angestellte nur noch für wenige Stunden beschäftigen – „der kleine Laden trägt das sonst nicht“. Folge: Er und seine Partnerin arbeitete als Inhaber jetzt  mehr – für einen umgerechneten Stundenlohn von 4,20 Euro.

Diese Probleme hat Apotheker Rainer Reschke in seiner angeschlossenen Postfiliale am Göttinger Hagenberg nicht. „Ich zahle meinen Angestellten schon mehr als den Mindestlohn“, sagt er. Nur so sei es möglich, qualifiziertes Personal zu bekommen – „immerhin geht es auch um vertrauensvolle Bankgeschäfte“.

Auch in den eigenen Agenturen der Deutschen Post wirke sich der Mindestlohn nicht aus, sagt Post-Pressesprecher Jens-Uwe Hogardt, „wir zahlen Tariflohn, und der ist weit höher.“

Taxis haben „richtig zu kämpfen“

„Es wird Probleme geben. Wir haben richtig zu kämpfen“, sagt der Göttinger Taxi-Unternehmer Kambiz Shahid zu den Bedingungen seit Einführung des Mindestlohns  zum Jahresbeginn . Shahid beschäftigt in seiner Firma Taxi-Blitz derzeit 22 Fahrer.

„Die Fahrer“, sagt Shahid, „verdienen nicht mehr als vorher.“ Wie das? Zuschläge und Sonderzahlungen wie in vergangenen Jahren könnten die Unternehmer unter den neuen Bedingungen nicht mehr gewähren, auch weil der Kostendruck durch die nach der Einführung des Mindestlohns stark gestiegenen Sozialabgaben sehr viel größer geworden sei.

Derzeit, meint Shahid, lege er pro Fahrer und Monat 300 Euro drauf: „Wenn das so weitergeht, muss ich einzelnen Leuten kündigen. Sonst bin ich in einem halben Jahr pleite.“ Ganz abschließend will Shahid die Entwicklung im Taxi-Gewerbe aber noch nicht beurteilen.  Es werde aber auf jeden Fall zu Umsatzrückgängen kommen, weil einige Kunden wegen der höheren Preise auf Taxifahrten verzichteten.

Die Bäcker: alles beim Alten

„Wir sind davon gar nicht betroffen“, sagt Annette Lutze. Ihre  Göttinger Bäckerei ist ein kleiner Familienbetrieb. Die Chefin und ihre beiden Gesellen arbeiten in dem Betrieb und erhalten mehr als den Mindestlohn. Eine Preiserhöhung durch den Mindestlohn müssen die Kunden nicht befürchten.

Gleiches gilt für alle Filialen der Bäckerei Thiele. „Wir zahlen für alle unsere Mitarbeiter die landesweit für das Bäckerhandwerk festgesetzten Tarife“, sagt Inhaberin Katja Thiele-Hann. Und dieser Tarif gelte bereits seit 2014 – für alle Mitarbeiter, egal ob Bäcker, Verkäufer oder Fahrer. „Bei uns bleibt alles beim Alten“, sagt Thiele-Hann. Auch die Preise.

Gastronomie: Bierpreis bleibt

„In der Gastronomie gelten schon seit Mai 2013 Jahren Tarife über dem Mindestlohn“, sagt Marc Hirschel, stellvertretender Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Göttingen. Einzig das Reingungspersonal sei jetzt betroffen. Der Hotelier beschäftigt im Weender Hof zwei festangestellte Reinigungshilfen.

Deren Gehalt wurde angehoben. „Wir haben das aber schon im Vorfeld gemacht, denn ein Betrieb ist nur so gut wie seine Mitarbeiter“, sagt er. Probleme mit dem Mindestlohn sind ihm aus der lokalen Branche nicht bekannt.  „Die kleinen Betriebe, die könnten Probleme bekommen“, vermutet er.

Auch Stefan Weidele, Inhaber von fünf Kneipen in Göttingen, sagt: „Wir haben überwiegend eh schon Tarif bezahlt, und das sind 8,71 Euro“, sagt er. Unter seinen 75 Mitarbeitern waren nur noch sechs oder sieben, deren Lohn jetzt angehoben wurde. Das gelte für Thekenkräfte, Putzhilfen oder Küchenpersonal gleichermaßen. Auswirkungen gebe es keine. „Das Bier wird nicht teurer“, sagt der Gastronom.

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