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Bartning bringt Bauhaus nach Bilshausen

Pauluskirche Bartning bringt Bauhaus nach Bilshausen

Architekt Otto Bartning (1883-1959), der zu den führenden Vertretern des Bauhauses gehört, ist vor 50 Jahren gestorben. Die Pauluskirche in Bilshausen entstand 1951 nach seinen Plänen. 

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Viel Eigenleistung: Christen beim Dachdecken. 

Quelle: EF

Ein einfacher Bau, beschränkter Materialeinsatz, multifunktionale Konstruktion: So lässt sich die Pauluskirche in der Bergstraße am südlichen Ortsrand von Bilshausen beschreiben. „Der rechteckige Hauptraum mit seinen 100 Sitzplätzen strahlt eine schlichte Klarheit aus, die dem evangelischen Gottesdienstverständnis entspricht“, erklärt Pastor Reinhard Eckert. Ein angegliederter Gemeinschaftsraum mit 50 Plätzen lässt sich zum Kirchenraum hin öffnen. Der Altar befindet sich in einer Nische. Er kann mit Flügeltüren geschlossen werden, wenn die Gemeinde den Saal für profane Zwecke benötigt. „Von Anfang an gab es eine Teeküche und eine Toilette“, betont der Pastor. In Kirchen sei das keine Selbstverständlichkeit.

Die Pauluskirche zählt zu den 48 Gotteshäusern, die Otto Bartning zwischen 1948 und 1951 im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland im Zuge eines Notkirchenprogramms errichten ließ. Die Bauten entstanden in kostengünstiger Holzgerüst-Fertigbauweise. „Alles Material passte auf einen Lkw“, erzählt Pastor Eckert. Holzbinder wurden zu einem Kirchenschiff zusammengesetzt und mit Trümmersteinen ausgefacht. 

Sohn des Landesbischofs

Bartning, Sohn eines protestantischen Landesbischofs, stammte aus Karlsruhe. Dort und in Berlin studierte er ab 1904, ohne allerdings einen Abschluss zu machen. Bereits 1906 plante er seine erste Kirche. 1919 veröffentlichte er das Buch „Vom neuen Kirchenbau“. Seine Vision: der zeitgemäße Typ eines protestantischen Gotteshauses, der radikal mit der verstaubten Tradition des Kaiserreichs bricht. Die Albertus-Universität im ostpreußischen Königsberg war so beeindruckt, dass sie Bartning 1924 die theologische Ehrendoktorwürde verlieh. 

Der Architekt gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Walter Gropius, Bruno Tout und Hans Scharoun zu den Initiatoren der Bauhaus-Bewegung. 1926 stieg Bartning zum Direktor der Staatlichen Bauhochschule in Weimar auf. Thüringens nationalsozialistische Landesregierung stieß sich jedoch am neuen Stil und ordnete 1930 die Schließung der Einrichtung an. 

Anfeindung durch Nazis

Trotz Anfeindungen konnte Bartning weiter wirken. Zu seinen bekannten Gotteshäusern gehört die Stahlkirche auf der Kölner Pressa-Ausstellung von 1928. Sie wurde später nach Essen versetzt und während des Zweiten Weltkriegs zerstört. 1934 schuf er die Fächerkirche in Berlin-Charlottenburg. Nach dem Krieg gehörte Bartning, der von 1950 bis zu seinem Tod 1959 Präsident des Bunds Deutscher Architekten war, zu den Stars seiner Branche. 

Das in Bilshausen die Pauluskirche errichtet wurde, liegt nicht zuletzt am Drängen von Ewald Flemming. Der Theologe war von 1927 bis 1957 Pastor der Gemeinde Gieboldehausen, zu der Bilshausen seit 1877 gehörte. Alle drei Monate feierte er mit den Bilshäuser Lutheranern in der Gaststätte Zur Linde Gottesdienste, berichtet Bilshausens stellvertretender Ortsheimatpfleger Klaus Freyberg. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg verzehnfachte sich in Bilshausen die Zahl der Lutheraner durch Flüchtlinge und Vertriebene auf 400 Personen. Die katholische Gemeinde stellte ihre Kirche für Gottesdienste zur Verfügung, weiß Freyberg. Flemming setzte 1949 die Erhebung von Bilshausen zur Kapellengemeinde durch. Das für den Bau der Pauluskirche benötigte Geld stifteten Christen aus Nordamerika. Zur Einweihung 1951 reiste Landesbischof Hanns Lilje an. 1960 schied Bilshausen aus der evangelischen Gemeinde Gieboldehausen aus. 

Heute leben im Ort 485 Lutheraner. Die Gemeinden Bilshausen und Lindau werden durch einen Pastor, Eckert, betreut. „Die Kirche befindet sich in einem sehr gepflegten Zustand“, betont der Geistliche. Und ergänzt: „Die unbequemen Holzbänke sind durch Stühle ersetzt worden, die der Formsprache des Gotteshauses entsprechen.“ Der Kachelofen wich einer modernen Fußbodenheizung. „Am Charakter der Kirche hat sich jedoch nichts geändert“, stellt Eckert klar.

Von Michael Caspar

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