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Bevölkerungsschwund beschleunigt sich weiter

Abwanderung und Geburtendefizit Bevölkerungsschwund beschleunigt sich weiter

Allen Förderprogrammen, Bemühungen und optimistischen Sonntagsreden zum Trotz blutet der ländliche Raum immer mehr aus. Der Sinkflug der Bevölkerungszahlen im Untereichsfeld setzt sich fort – und gewinnt an Fahrt.

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Leerstand am Duderstädter Ring: Für Immobilien auf dem Lande sind nur noch schwer Käufer zu finden.

Quelle: Pförtner

In den vergangenen fünf Jahren hat der Altkreis Duderstadt pro Jahr die Einwohnerzahl eines kleinen Dorfes verloren.

Alarmierend ist die Fortschreibung der Bevölkerungsstatistik für 2009, die der Landkreis Göttingen jetzt den Städten und Gemeinden übermittelt hat. Sie verdeutlich eine wachsende Dynamik. Allein die Stadt Duderstadt ist im vergangenen Jahr um 281 Einwohner geschrumpft, die Samtgemeinde Gieboldehausen um 139, die Samtgemeinde Radolfshausen um 22. Das macht in der Summe einen Verlust von 442 Einwohnern in nur einem Jahr. Zum Vergleich: Die Gemeinde Wollershausen hatte Ende 2009 noch 460 Einwohner.

Bis zur Jahrtausendwende waren die Zahlen noch durchwachsen, dann ging es kontinuierlich und mit zunehmendem Tempo bergab. Innerhalb eines Jahrzehnts – von 1999 bis 2009 – hat die Duderstadt 1451 Einwohner verloren, die Samtgemeinde Gieboldehausen 544 Einwohner, Radolfshausen 309 Einwohner. Damit ist allein die Bevölkerungszahl der Brehmestadt mitsamt ihrer Ortsteile innerhalb einer Dekade um 1451 von 23 284 auf 21 833 Einwohner zurückgegangen.
Zur Schere zwischen Geburten und Todesfällen kommen die Fortzüge hinzu, die oftmals um ein Mehrfaches höher sind als das Geburtendefizit. Nach dem Abitur setzt ein kleiner Exodus der Schulabgänger ein, dem Studium folgen qualifizierte Arbeitsplätze in den Ballungsräumen. 193 Menschen hat Duderstadt 2009 durch Wanderungsverlust verloren, die Samtgemeinde Gieboldehausen 96 Menschen.

Die Einwohner-Erosion beschränkt sich nicht auf den östlichen Landkreis. Bis auf das Oberzentrum Göttingen brechen die Einwohnerzahlen in ganz Südniedersachsen immer weiter ein, besonders drastisch im Harz und im Solling. Im Kreis Göttingen haben 2009 neben dem Sonderfall Friedland nur noch die Gemeinden Waake und Seeburg schwarze Zahlen geschrieben – mit elf und sechs Einwohnern Zuwachs. Dass die an den Stichtag 31. Dezember als Momentaufnahme gebundene Jahresstatistik nicht das zweite Jahr in Folge kreisweit einen vierstelligen Verlust ausweist, liegt allein an der Adresse Heimkehrerstraße 18. Die Bevölkerungszunahme von 453 hat bei der Gemeinde Friedland bereits zu Anrufen verwunderter Bürgermeister geführt. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Die Friedländer sind nicht etwa fertiler, entscheidend ist die Belegung des Ende 2009 durch Flüchtlinge aus dem Irak gefüllten Grenzdurchgangslagers.

Hinter den nackten Zahlen verbirgt sich eine dramatische Entwicklung mit niedrigen Geburtenraten, Abwanderung und Überalterung. Kindergärten und Schulen werden zusammengelegt, gebaut werden allenfalls noch neue Seniorenheime – und erstaunlicherweise Supermärkte. Ansonsten bricht die Infrastruktur weg, die Immobilienpreise sinken, in Fachwerkhäuser in den Ortskernen ziehen oft Bezieher staatlicher Transferleistungen, tagsüber ist in manchen Dörfern nur noch die Fahrzeugflotte ambulanter Hilfs- und Pflegedienste unterwegs. Hinter vergilbten Gardinen kaschieren Plastik-Orchideen, dass die Häuser unbewohnt sind.
„Wir wissen seit langem um die demografische Dramatik – generell in Deutschland, speziell in Südniedersachsen und Duderstadt“, sagt Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) und verweist auf den Masterplan 2020: „Seit Jahren versuchen wir, gegenzusteuern – von der Bestandspflege bis zu neuen Akzenten, bemühen uns um eine generationengerechte und barrierefreie Stadt, um Zukunft für unsere Kinder.“ „Der ländliche Raum ist leider der demografische Verlierer“, meint resignativer der Gieboldehäuser Samtgemeindebürgermeister Reinhard Grobecker (CDU): „Die Abwanderung mangels qualifizierter Arbeitsplätze tut der Region weh, scheint aber ebenso unabänderlich wie das Geburtendefizit.“

„Vielleicht mahnen uns die mittelalterlichen Wüstungen zu etwas mehr Gelassenheit“, hat die Kunsthistorikerin und Fachjournalistin Ira Mazzoni vor wenigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung geschrieben – nach einer Fahrt durch Göttingens Umland. Es werde Orte geben, die sich auf ihre historische Mitte konzentrieren und gesundschrumpfen, andere würden wohl aufgeben, wenn das Wasser in den kaum genutzten Leitungen faule.

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Schönreden hilft nicht weiter, Bürger-Brainstorming mit akademischer Begleitung kann gegen betriebswirtschaftliche Entscheidungen und gesellschaftliche Umwälzungen nichts ausrichten: Der ländliche Raum blutet aus.

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