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Blaues Männchen in Duderstadt: Künstler outet sich

Blaues Männchen Blaues Männchen in Duderstadt: Künstler outet sich

Verantwortlich für das viel diskutierte „blaue Männchen“, das auf einem Totholzstamm den Stadtwall überragt, ist der Wahl-Duderstädter Oskar Müller. Eigentlich wollte sich der Künstler erst später outen, lässt jetzt aber doch zu Weihnachten die Katze aus dem Sack. Nach dem Tageblatt-Artikel, in dem er sich anonym zu der Kunstaktion geäußert hatte, hätten sich die Mutmaßungen gehäuft, dass er der Urheber des blauen Jungen sei, sagt Müller.

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Oskar Müller

Quelle: Schauenberg

Duderstadt.. Der auf den Wim-Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“ anspielende Skulpturtitel „Der Himmel über Duderstadt“  sei offenbar ein entscheidendes Indiz gewesen.

„Das kannst doch nur Du gewesen sein“, hieß es selbst beim Friseur. Vor zehn Jahren hat es Müller von der Spree an die Brehme verschlagen. Bereut hat er es nie, Berlin den Rücken zugekehrt und in den Eichsfelder Kleinstadtkosmos eingetaucht zu sein.

„Duderstadt ist einfach cool“, meint Müller, der das Fachwerkflair und die Ruhe ebenso schätzt wie seinen neuen Bekanntenkreis. Erst kürzlich hat er ein Angebot abgeschlagen, in die von vielen Künstlern genutzte alte Spinnerei in Leipzig einzusteigen. Stattdessen zog er innerhalb Duderstadts um und baute sich in der Markstraße ein Atelier auf, das er unter dem Namen „Stadtgeflüster“ zu seinem 65. Geburtstag im März als Galerie eröffnen will.

Wie die Wohnung darüber trägt die Außenfront des Ateliers bereits die Handschrift des gebürtigen Mannheimers mit schillernder Vita, der unter anderem als Restaurator für Kirchenmalerei, Fassaden- und Illusionsmaler tätig war. Ein  aufgemaltes Dienstmädchen mit Kehrblech lüpft die Ecke der Hausfassade, hinter der Klinker zum Vorschein kommen, an der Ateliertür hat Müller ein Motiv der Graffiti-Künstlers Banksy aufgegriffen:

Ein Affe sprengt ein Bündel Bananen. Banale Ursache, große Wirkung.

„Weltmännischen Bürgermeister“

Das gilt auch für Müllers Guerilla-Kunst auf dem Wall – „eine kleine Geschichte, die sich aufgebauscht hat“. Der blaue Bengel hat Fernsehteams auf den Plan gerufen und zu Anfragen im Stadtrat geführt. „Mit einem derartigen Hype habe ich nicht gerechnet“, sagt Müller, der von dem unfreiwilligen Stadtmarketing natürlich auch in eigener Sache profitiert. Mehr Aufmerksamkeit geht nicht.

Die Knabenfigur aus Kunststoff, der er unter anderem ausgebreitete Arme angeschweißt, sie blau lackiert und via Leiter – frech wie Oskar – in einer Nacht- und Nebelaktion selbst auf den Stamm geschleppt hat, will er im neuen Jahr zugunsten des Tabalugahauses versteigern. Ob die Skulptur nun stehenbleibt – falls die Stadt mitspielt – oder ob sie der Käufer mit nach Hause nehmen will.

Rechtliche Konsequenzen fürchtet Müller nicht und setzt auf Duderstadts „weltmännischen Bürgermeister“. Schließlich habe die Stadt auf eine Anzeige verzichtet und festgestellt, dass kein Totholz beschädigt wurde und die Figur standsicher sei. „Hätte ich um Erlaubnis gefragt, wäre nichts daraus geworden“, ist sich der Künstler sicher.

Bizarre Skulpturen und neue Blickwinkel auf Duderstadt

Für jede Menge „Stadtgeflüster“ hat Oskar Müller mit seinem „blauen Männchen“ schon vor Eröffnung seines gleichnamigen Ateliers gesorgt. Großflächige Acrylgemälde und bizarre Skulpturen spiegeln dort die technische Vielseitigkeit und Kreativität des 64-jährigen Künstlers wider, der ein Faible für Surrealismus und magischen Realismus hat.

Der Blue Boy auf dem Wall ist nicht seine erste Liebeserklärung an Duderstadt. Im Geschäft „Lebenskunst“ hat Müller bereits einen Bilderzyklus über die Brehmestadt ausgestellt. Und den Kult um den Anreischken um eine weitere Variante bereichert: Die Duderstädter Symbolfigur hat er mit der Rock-Ikone Keith Richards verschmolzen – samt Totenkopfring, Kippe, dicken Klüsen und  verschleiertem Blick.

Schräge Typen getroffen hat Müller schon viele. In Berlin war er nicht nur als Illusions- und Fassadenmaler unterwegs, sondern hat zeitweise mit seiner Frau Doris, mit der er vor zehn Jahren wegen ihrer pflegebedürftigen Mutter nach Duderstadt  zog, auch die Hotels „Continental“ und das später abgebrannte „Holland“ betrieben.

Dort lernte er unter anderem Rainer Werner Faßbinder und Lou Reed kennen und erlebte, wie sich David Bowie und Eros Ramazotti über die Champagner-Vorräte hermachten. Zurzeit arbeitet Müller an einer neuen Skulpturen-Serie aus Dämm-Material, das den Brennofen erübrigt.

Ein Himmelsgucker mit Vogelkopf leistet einer verfremdeten Lady Gaga Gesellschaft – sofern man bei ihr überhaupt von Entfremdung sprechen kann.  Einem Gemälde von Hieronymus Bosch entsprungen sein könnte der drei Meter hohe „Aquarius“, der Tintentisch, Frosch und Anglerfisch vereint. Schließlich war Müller früher auch passionierter Taucher.

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©Richter